Zum Tod von Günther Wirth Die Flagge der Freiheit

Von Rainer Vogt 

Kunstkritiker Günther Wirth (†) im Jahr 2003 Foto: Susanne Kern
Kunstkritiker Günther Wirth (†) im Jahr 2003 Foto: Susanne Kern

Nur wenige Wochen vor seinem 92. Geburtstag ist in der Nacht zum vergangenen Samstag Günther Wirth verstorben. Als Streiter für die Kunst über weit mehr als sechs Jahrzehnte ist er im Südwesten eine Institution gewesen.

Stuttgart - Günther Wirth hielt als Kritiker, Autor und Ausstellungsmacher mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Und trotzdem oder gerade deshalb verstand er es, mit nahezu allen Künstlern Freundschaften zu pflegen. Schließlich galt ihm Kunst als ein Garant der Freiheit. „Wozu hisst man die Flagge der Freiheit, wenn man gleichzeitig die Subjektivität leugnet?“ So einmal seine Antwort auf die Frage nach dem Objektiven im ­Schaffen von Künstlern.

Tatsächlich erfasste ihn sehr bald nach dem Krieg die Aufbruchsstimmung. Er war Max Ackermann begegnet und Ida Kerkovius, bald auch Willi Baumeister, geriet in den Bann abstrakter Malerei. Dass die US-amerikanische Außenpolitik nach 1945 Werke der New York School gezielt auf Tournee nach Deutschland schickte, tat ein Übriges. Der „großartige Aufbruch paarte sich mit Propaganda, wie man heute weiß“, sagte Wirth zu seinem 85. Geburtstag im Gespräch mit den Stuttgarter Nachrichten, „Abstrakter Expressionismus, Action-Painting, das Informel – das symbolisierte alles Freiheit.“

Den Anstoß zum Sehen und zur Kunst gab freilich seine Kriegsteilnahme als Panzer­offizier im Russlandfeldzug. Er verlor 1942 bei Smolensk ein Auge und schwor sich, alles Sichtbare und die Kunst fest im Blick zu behalten. Einher ging dieser Entschluss allerdings mit Skepsis: Erwachsenen war offenbar nicht unbedingt zu trauen, weshalb Günther Wirth sich zunächst der Pädagogik zuwandte, Lehrer wurde und aus der Unbefangenheit von Kindern Kraft schöpfte.

Seine Laufbahn als Ausstellungsmacher begann im Lehrerzimmer

Gleichzeitig gab es rege Kontakte zu dem Murrhardter Maler Reinhold Nägele. So begann Günther Wirths Laufbahn als Ausstellungsmacher im Lehrerzimmer des Gymnasiums. „Künstler des Murrtals“ hieß diese allererste von ihm organisierte Ausstellung. Und verstecken musste sich die Schau mit Arbeiten von Manfred Henninger, Reinhold Nägele, Leonhardt Schmidt und Oskar ­Kreibich nicht. Mit Gastbeiträgen waren auch Adolf Hölzel, Max Ackermann und Ida Kerkovius dabei. Sogar ein Katalog erschien dazu, was 1957 alles andere als selbst­verständlich war.

Engagiert beteiligt war der Vielseitige auch, als Luitpold Domberger von seiner Werkstatt in der Gänsheide aus in Stuttgart die in den USA schon populäre Siebdrucktechnik hierzulande zu verbreiten half. Als in der Galerie Hans-Jürgen Müllers die Avantgarde in Stuttgart von sich reden machte und heiße Diskussionen auslöste, durfte der Kunstexperte nicht fehlen. Seit 1967 arbeitete er zunächst bei der „Schwäbischen Post“ und dann viele Jahre lang für die „Stuttgarter Zeitung“ als Kunstkritiker. 1970 und 1971 war er Geschäftsführer des Deutschen Künstlerbunds und lud, als diesen Künstler noch keiner kannte, Anselm Kiefer dazu.

Gleichwohl empfand er seine Rolle als Kritiker mit der als Funktionär nicht auf Dauer vereinbar und kehrte frohen Herzens von Bonn nach Stuttgart zurück. Dafür ­belebten sich die Beziehungen nach Karlsruhe und Esslingen. Als Berater arbeitete er mit Banken, Sparkassen und Versicherungen zusammen, organisierte ihnen Ausstellungen und baute Kunstsammlungen auf, „insgesamt sieben große“ nach eigener Auskunft, die schönste für die LBS.

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