Georg Baselitz, 2021, bei einer Ausstellung in Paris. Foto: AFP/Geoffrey van der Hasselt

Der Maler Georg Baselitz, der jetzt im Alter von 88 Jahren gestorben ist, war ein Titan seines Fachs und ein Virtuose des kalkulierten Eklats.

Mit onanierenden Kobolden fing es an, dann marschierte eine Armee zerschlissener Anti-Helden auf, und am Ende hingen die Bilder andersherum, stürzten die Figuren haltlos zur Erde. Der Maler Georg Baselitz, der jetzt im Alter von 88 Jahren gestorben ist, war ein Titan seines Fachs und ein Virtuose des kalkulierten Eklats. Museumsbesucher rund um den Globus erkennen seine Arbeiten sofort an den um 180 Grad gedrehten Motiven. Ob struppige Feuerschöpfe, die Zitrusfrüchte verschlingen, gerupfte Adler in patschnasser Fingerfarbe, traurige Akte oder zerkratzte Häupter.

 

All das garantierte dem Künstler nicht nur stilistische Unverwechselbarkeit in einer Zeit, als Stil längst schon nicht mehr zu den Leitkategorien der Ästhetik gehörte. Ging es in der Verdrehung doch darum, dem Erfolgsgesetz einer Spektakelgesellschaft, die nach Markenzeichen schreit, zu gehorchen und dieses Gesetz gleichzeitig ironisch zu entstellen. „Seht her,“ scheinen die Baselitz-Fratzen dem Kunstsystem höhnisch entgegenzulachen, „da habt ihr, was ihr wollt.“ Bereits das Skandaldebüt des grotesken Penis-Zwergs, den die West-Berliner Staatsanwaltschaft beschlagnahmte, war (wie Jahrzehnte später herauskam) vom Galeristen des Künstlers mitinitiiert.

Bald reichten ihm die Jammergestalten nicht mehr

Früh stand für Baselitz fest: Wer im späteren 20. Jahrhundert noch wahrgenommen sein will, agiert umgekehrt proportional zur öffentlichen Erwartungshaltung wie zum Kanon klassischer Harmonie. Mit Pinseln, die niemals gewaschen wurden, schuf der Punk avant la lettre Figuren, die aussehen, als hätte er auf sie eingeprügelt. Bald reichte es ihm nicht mehr, seine Jammergestalten mit abscheulichen Farbschwarten aus schmutzigem Rosa, Kotbraun und Eiterbeulengelb zu überziehen. Er sabotierte den Prozess des Sehens selbst, indem er die Gemälde verkehrt herum malte und so die Betrachter im Museum unwillkürlich zwang, sich die Hälse zu verrenken.

Angefangen bei dem 1969 entstandenen Bildnis seiner Frau Elke, dem ersten Kopfstehporträt, das die Weltkarriere eröffnete. Es folgten Documenta- und Biennale-Teilnahmen, akademische Professuren in Karlsruhe und Berlin und regelmäßig Spitzenplätze im internationalen Kunstmarktranking. Unter den deutschen Kollegen war nur noch Gerhard Richter teurer.

Wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ flog er von der Hochschule

1938 wird Baselitz als Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz geboren, später ändert er seinen Namen nach dem sächsischen Provinzstädtchen. Schon in den Jugendjahren stellen sich die Weichen seines Lebenswegs auf Provokation und Widerspruch. An der Ostberliner Kunsthochschule, wo der 18-Jährige sein Studium beginnt, setzt man ihn nach ein paar Semestern wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ wieder vor die Türe.

Von Presseleuten umringt: Baselitz bei der Ausstellung „Die Helden“ im Städel Museum in Frankfurt/Main, 2016. Foto: imaga/brennweiteffm

In den Westen übergesiedelt, stößt der Querdenker auch seinen neuen akademischen Lehrer Hann Trier, einen Protagonisten des Informels, vor den Kopf und malt figürlich. Zwar verfremdet, aber doch mit heftigem Weltbezug. Besonders in jenen „Helden“ aus dem Jahr 1965. Zerfledderte Kriegsheimkehrer mit hünenhaften Leibern und viel zu kleinen Köpfen. Der Zyklus, noch vor der Wendung zur Kopfstehmalerei entstanden, bildet den krönenden Abschluss seines Frühwerks. Eindringlicher als mit dieser Wiedergänger-Armee konnte man die Bundesrepublik am Vorabend der Studentenrevolte kaum daran erinnern, sich ihrer totgeschwiegenen Nazi-Vergangenheit zu stellen.

1980 eröffnet der Vollblutmaler eine neue Front als Bildhauer

Obschon Baselitz diese gesellschaftliche Relevanz danach nie mehr erreicht hat, schwingt auch in seinen späteren Arbeiten noch ein Malträtiertsein von der Geschichte mit. Sind die über Kopf ins Bild hängenden Menschen doch nicht zuletzt kunsthistorische Nachfahren von Gewaltopfern, die an den Füßen aufgehängt oder umgekehrt gekreuzigt wurden. Gleichzeitig aber schreibt Baselitz, wenn er schroff gegen die traditionelle Kompositionsrichtung anmalt, formale Experimente der Moderne fort. Die Beine am oberen Bildrand, die Münder, die über den Augen grinsen – die ungewohnte Anordnung des Vertrauten bringt ein irritierendes Abstraktionsmoment in die Gegenständlichkeit. Bevor man das Sujet wahrnimmt, erkennt der Blick nur die reine Farbspur.

Baselitz-Skulptur im Jardin des Tuileries in Paris, 2014. Foto: imago/Xinhua

1980 dann eröffnete der Vollblutmaler eine neue Front als Bildhauer. Ausgerechnet im geschichtsverseuchten Nazi-Bau des deutschen Pavillons zeigte er auf der Venedig-Biennale einen kruden Baumstammkörper, dessen ausgestreckter Arm als Hitlergruß gedeutet werden musste.

In den nachfolgenden Jahren aber wurde seine Kunst der eigenen Größe nicht mehr gerecht und erstarrte im Selbstzitat. Wie im durchschaubaren Existenzialismus der „Schwarzen Bilder“ von 2012/13 oder in jenem peinlichen Versuch der „Remix“-Serie, das eigene Frühwerk zu wiederholen. Seine Skandalauftritte verlagerten sich nun bevorzugt auf die verbale Bühne. Manches, was da in Interviews zu lesen war, klang so, als hätte der Künstler sich auch moralisch seine eigenen Kategorien gemacht. Kollegen aus der DDR mussten sich von ihm fäkale Beschimpfungen gefallen lassen, während Frauen jedes künstlerische Talent abgesprochen wurde. Gegen das Kulturgutschutzgesetz führte er einen regelrechten Privatkrieg durch den plötzlichen Entzug von Dauerleihgaben.

Es wird von ihm mehr bleiben als die späten Entgleisungen

Dennoch, bleiben wird von Georg Baselitz mehr als die späten Entgleisungen. Die ironisch-expressive Malerei-Renaissance der Neuen Wilden hätte es ohne ihn ebenso wenig gegeben wie Stephan Balkenhols Rückwendung zur gegenständlichen Holzbildhauerei. Jenseits von kühlglattem Pop und intellektuellem Konzeptualismus hat Baselitz weiter an die Möglichkeit einer sinnlichen, materialistischen Malerei geglaubt. Respekt nötigt sein Oeuvre schon allein dadurch ab, dass sich hier jemand mit dem ganzen Gewicht seines kreativen Körper in die Bilder warf, dabei nie eine Emotion zurückhielt. Auch nicht die Gebrechlichkeit der letzten Lebensphase. Der 80-Jährige überraschte mit nackten Ganzfiguren, die sich in kosmischen Staub und Licht aufzulösen scheinen. Es sind, im Einverständnis des Endes, eigentümlich zarte Bilder. Und gleichzeitig ist in den Farbspritzern und Pinselschlägen die ungestüme Kraft eines Mannes zu spüren, der zeitlebens für eine Überraschung gut war.