Kunstsammler Cornelius Gurlitt ist tot Foto: dpa

Gerade schickten sich die bundesdeutschen Medien an, sich dem Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt vorsichtig porträthaft zu nähern, da kommt die Nachricht, dass der seit Monaten schwer kranke Gurlitt tot ist.

München - Stuttgart - Gerade schickten sich die bundesdeutschen Medien an, sich dem Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt vorsichtig porträthaft zu nähern, da kommt die Nachricht, dass der seit Monaten schwer kranke Gurlitt tot ist. Im Alter von 81 Jahren ist er am Dienstag in seiner Münchner Wohnung gestorben.

Jahrhundertfund, Sensation, spektakulär – kaum ein Begriff schien ausreichend, die Offenlegung eines Kunstfundes in Gurlitts Wohnung zu kommentieren. Im Februar 2012 waren dort insgesamt 1280 Bilder gefunden worden. Darunter waren auch Werke von Picasso, Chagall, Matisse, Beckmann und Nolde.

Wie war dieser Kunsthort zu erklären? Cornelius Gurlitt war der Sohn von Hildebrand Gurlitt, und dieser, 1956 in Düsseldorf gestorben, war einer von vier offiziell durch ­Hitler-Deutschland beauftragten Verwertern der durch staatliche Stellen des nationalsozialistischen Deutschland offiziell in den Kunstmuseen als „entartet“ beschlag­nahmten Werke. Die Verantwortlichen des „Sonderauftrags Linz“ sahen in Gurlitt ­offenbar die geeignete Person, hervorragende Kontakte im europäischen Kunsthandel für den bestmöglichen Verkauf der ­beschlagnahmten Arbeiten zu nutzen.

Und Gurlitt hatte Erfolg als Verkäufer des „Sonderauftrags Linz“ – mit dem Ziel, aus dem Erlös des Raubkunst-Verkaufs Werke für das geplante „Führer-Museum“ in Linz zu erwerben –, aber auch als Händler und Kunstvermittler nach 1945.

So ist der Name Gurlitt also nie aus dem engen Feld des internationalen Kunsthandels verschwunden, und sehr wohl war zudem bekannt, dass Hildebrand Gurlitt beschlagnahmte Werke selbst erwarb und ­seine Sammlung an seinen Sohn vermacht hatte. So sagte etwa Alfred Weidinger, Vize­direktor des Wiener Klassikermuseums ­Belvedere: „Dass diese Sammlung existiert, das war kein Geheimnis. Im Grunde genommen hat jeder wichtige Kunsthändler im süddeutschen Raum gewusst, dass es das gibt – auch in der Dimension.“

Die Aufregung um den „Schatz“ sei „aufgeblasen“, sagte Weidinger weiter. Und ergänzte: „Jetzt von einer großen Entdeckung zu sprechen ist geradezu lächerlich. Wenn ein Restitutionsforscher ordentlich arbeitet, ist es kein Geheimnis, den Spuren der Familie Gurlitt nachzugehen – in keiner Art und Weise.“ Genauere Nachforschungen hätten die zuständigen Experten schon viel früher zu der Sammlung führen müssen: „Wenn man im Jahr 2013 darauf kommt, dass es in München die Sammlung Gurlitt gibt, dann haben die ihren Job nicht richtig gemacht.“

Weidinger spielt unter anderem darauf an, dass Cornelius Gurlitt in den vergangenen Jahrzehnten ­auf dem Auktionsmarkt offenbar wiederholt als Anbieter von Werken der Klassischen Moderne in Erscheinung ­getreten ist. Ein Schritt, der jeweilsAufmerksamkeit hätte erregen können.

Die Staatsanwaltschaft Augsburg hatte die Werke wegen des Verdachts auf ein Steuer- und Vermögensdelikt 2012 beschlagnahmt und unter Verschluss gehalten.

Gurlitt erlebte vor wenigen Wochen die Freigabe der Bilder. Er hatte in einer Vereinbarung mit dem Land Bayern und der Bundesregierung zugesichert, die in seiner Wohnung und später in einem Haus in Salzburg gefundenen Werke, zumeist Arbeiten auf Papier, von Experten untersuchen zu lassen. Unter Nazi-Raubkunstverdacht stehende Werke werde er gegebenenfalls zurückgeben, hatte Cornelius Gurlitt zugesichert.

Wie geht es nun weiter? „Es ist Aufgabe des Nachlassgerichts zu ermitteln, ob es ein gültiges Testament und/oder einen Erbvertrag gibt“, teilte Gurlitts Sprecher am Dienstag mit. In jedem Fall kann weiter nach möglicher Raubkunst geforscht werden. Die Vereinbarung Gurlitts mit der Bundesregierung und dem Freistaat Bayern ist auch für die Erben bindend. Bayerns Justizminister Winfried Bausback (CSU) sagte am Dienstag: „Damit kann nationalsozialistisches Unrecht aufgearbeitet werden, und Opfer des NS-Unrechtsregimes können ihre Ansprüche geltend machen.“

Cornelius Gurlitt ist tot. Mit seinem ­Namen verbunden bleiben wird ein neues Kapitel in der Auseinandersetzung um das Thema der Enteignung und der Zwangs­verkäufe jüdischen Kunstbesitzes in Hitler-Deutschland

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