Als Zauberlehrer Snape prägte Alan Rickman das „Harry Potter“-Universum Foto:  

Sein englischer Humor zeichnete Alan Rickman ebenso aus wie seine Gabe, Leinwand-Bösewichtern das gewisse Etwas einzuhauchen. Nun ist der Charakterdarsteller im Alter von 69 Jahren einem Krebsleiden erlegen.

London - „Ich nehme meine Arbeit ernst, und das tue ich, indem ich mich selbst nicht zu ernst nehme“, hat Alan Rickman einmal gesagt – selbstironisch, wie es sich gehört für einen, der Engländer durch und durch ist. Neben seinem Humor hatte der Charakterdarsteller ein weiteres Markenzeichen: Niemand spreizt spöttischer die Mundwinkel und strahlt mit eisigem Blick blanke Verachtung aus.

Alan Rickman ist tot

„Potter!“ – wenn dieses Wort durch die Hallen der Zauberschule Hogwarts zischte, sträubten sich den Kinozuschauern schon die Nackenhaare: Jeder einzelne Auftritt Rickmans als gestrenger Zauberlehrer Severus Snape geriet zum wohltuend grusligen Ereignis. Mit unnachahmlicher Eleganz führte er den Zauberstab und stattete die heimliche Schlüsselfigur der „Harry Potter“-Reihe mit einer kalten Überheblichkeit aus, die fast ohne Worte eine illusionsfreie Sicht auf das Dasein offenbarte: Die Welt ist kalt, das Leben gefährlich, der Mensch einsam – besonders dann, wenn er mehr begreift und kann als die meisten anderen. Zur Magie der Reihe gehörte, dass ebendies sich in der Hauptfigur spiegelte, im hochbegabten Waisen und späteren Weltenretter Harry Potter.

Rickman hauchte Snape Wahrhaftigkeit ein, er gab ihm das Gewicht, das er brauchte. Womöglich war das seine Antwort auf eine andere Fantasiefigur, mit der er Filmgeschichte geschrieben hat. In der „Star Trek“-Satire „Galaxy Quest“ (1999) spielte Rickman einen Schauspieler, der in der Rolle als Außerirdischer einer TV-Serien-Raumschiff-Besatzung hängengeblieben ist. „Wie konnte das aus mir werden?“, fragt er in Alien-Maske beim Blick in den Spiegel. „Ich habe Richard III. gespielt – früher war ich ein Schauspieler!“

Rickmans Bösewichter waren immer vielschichtige Charaktere von brandgefährlicher Intelligenz

Mit jeder Faser seines Körpers stürzt Rickman sich in dieses real existierende ­Dilemma vieler, die einst von großen Charakterrollen träumten. Mit komödiantischer Finesse lässt er die Zuschauer fühlen, wie sehr seine ­Figur ihren Part verabscheut, wie es ihr fast körperliche Schmerzen bereitet, auf Conventions den Fans zuliebe seinen einen berühmten, absurden Satz zu sagen: „By Grabthar’s Hammer, you shall be avenged!“

Alan Rickman, 1946 in London geboren, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Als er acht Jahre alt war, starb sein Vater, ein Fabrikarbeiter, an Krebs. Schon als Teenager galt Rickmans Leidenschaft der Kunst, weil er aber den Beruf des Schauspielers als zu unsicher einstufte, machte er zunächst eine Ausbildung zum Grafikdesigner. Mit Mitte 20 entschied er sich doch für die Bühne, studierte an der berühmten Royal Academy of Dramatic Art und mit der Royal Shakespeare Company durchs Land. Mitte der 80er Jahre wagte er dann den Sprung zum Film.

Rickman konnte in einem Blick ganze ­Gefühlslagen erzählen, seine Bösewichter waren immer vielschichtige Charaktere von brandgefährlicher Intelligenz. Das zeigte er gleich in seiner ersten großen Filmrolle: In „Die Hard“ (1988) gab er dem deutschen Terroristen Hans Gruber ein Gesicht, der einen Feldzug gegen gierige Konzerne nur vorschiebt, um einen simplen Millionenraub zu maskieren. Rickman agierte auf Augenhöhe mit Hauptdarsteller Bruce Willis und trug maßgeblich zum Erfolg des Films bei.

In „Robin Hood“ stahl er Kevin Costner ein wenig die Schau

In „Robin Hood“ (1991) entwickelte er den Sheriff von Nottingham in feiner Überzeichnung zu einem dramatischen Charakter von Shakespearscher Statur, der sein Amt ganz bewusst missbraucht, um seine sadistische Ader ausspielen zu können. Dabei wirkte er derart einnehmend, dass er Hauptdarsteller Kevin Costner ein wenig die Schau stahl.

Im Kostümfilm „Sinn und Sinnlichkeit“ (1995) zeigte Rickman sein Können als melancholischer Mittdreißiger, der sich nicht in die ihm angebotene Braut (Emma Thompson) verliebt, sondern in deren erst 17-jährige Schwester (Kate Winslet) – und dann an der Aussichtslosigkeit seiner Lage leidet wie ein Hund. Im Episodenfilm „Love ­Actually“ (2003) ist er als Firmenchef zu sehen, der mit seiner Sekretärin (Heike Makatsch) flirtet, bis ihm klar wird, was es bedeuten würde, sein Frau (Emma Thompson) zu verlieren.

Ein Markenzeichen Rickmans war seine sonore Stimme

Ein drittes Markenzeichen Rickmans ­waren seine sonore Stimme und seine distinguierte Art zu sprechen. In der Adaption des satirischen Romans „Per Anhalter durch die Galaxis“ (2005) lieh er beides dem fatalistischen Roboter Marvin, dem der Autor Douglas Adams, ein anderer typischer Engländer, Sätze in den Mund legte wie: „Ich finde, du solltest wissen, dass ich mich sehr deprimiert fühle.“

Auf der Berlinale 2006 bekannte Alan Rickman: „Wenn man älter wird, verändert sich die Wahrnehmung: Das Versehen, Schauspieler geworden zu sein, wandelt sich zur bewussten Entscheidung.“ Unnachahmlich selbstironisch, unnachahmlich englisch. Einen Oscar hat Rickman nicht bekommen; seinen Platz im Film-Olymp hat er sich selbst erspielt.

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