Zum Tod von Achim Kubinski Einer wie nur je einer

Von Nikolai B. Forstbauer 

Achim Kubinski. Foto: privat
Achim Kubinski. Foto: privat

Achim Kubinski war mit seiner Stuttgarter Galerie in der Olgastraße 109 viele Jahre lang ein Schrittmacher der Kunstszene. Am 17. Dezember ist der Künstler, Galerist und Musiker im Alter von 62 Jahren in Berlin gestorben.

Achim Kubinski war mit seiner Stuttgarter Galerie in der Olgastraße 109 viele Jahre lang ein Schrittmacher der Kunstszene. Am 17. Dezember ist der Künstler, Galerist und Musiker im Alter von 62 Jahren in Berlin gestorben.

Stuttgart - Zwei Fotos: Das erste, 2008 entstanden, zeigt einen Mann mit dunkler Anzughose und ­hellem Sakko in einer vormaligen Fabrikhalle in Berlin. Der Oberkörper ist leicht nach vorne gebeugt. Es ist Achim Kubinski, er spielt Bassgitarre. Ein Auftritt ohne ­Publikum.

Das zweite, 2011 entstanden, zeigt einen Mann auf einem Stuhl mit hoch aufragenden Lehnen. Der Mann trägt dunklen Anzug und weißes Hemd, die Lederschuhe mit weißen Schnürsenkeln widersprechen der Gestik des Anzugs mit einer Lässigkeit, die auch der leicht ironische Blick zu unterstreichen ­versucht. Es ist Achim Kubinski, der in der Pose eines Rockjazzliteraturkunststars ­anderer Zeiten für seinen digitalen Kunst-Schaukasten wirbt und Blockkurse in seiner Kunstschule anbietet.

Achim Kubinski? 1975 gründet er in der Haeberlinstraße in Stuttgart mit Rudolf ­Bumiller und Phil Holzey eine Galerie mit Schulkursen für kunsttheoretische Arbeit. In der Neuen Weinsteige 10 geht es kurz ­darauf weiter. Gegen eine Gebühr von 168 Mark kann man sich in zwölf Doppelstunden in die Geheimnisse der Kunst einweihen lassen. Weitere Namen, die mit der Neuen Weinsteige 10 verbunden sind: Ute Meta Bauer (heute international agierende Kunstvermittlerin) und Veit Görner (heute Direktor der Kestner-Gesellschaft in Hannover).

Die zahllosen Impulse der „Kunstschule Weinsteige“ werden 1994 in einem Kunst-über-Kunst-Projekt von der Künstlergruppe „Schleifschnecke“ dokumentiert. Seinerzeit mit dabei: Axel John Wieder, der 1996 mit eigenen Werken in der Stuttgarter ­Galerie Annette Gmeiner (damals in der Esslinger Straße 20) vertreten ist, später künstlerischer Leiter des Künstlerhauses Stuttgart ist. Heute lebt Wieder in Berlin. Bei Annette Gmeiner wiederum schließt sich der frühe Kubinski-Kreis: 1975 verschickt sie per „Raffael-Versand“ für das Weinsteigen-Trio Kubinski, Bumiller und Holzey Arbeiten fiktiver Künstler.

17 Jahre später findet im Sommer 1992 in Kassel die Weltkunstschau Documenta IX statt. Mit im Künstlerfeld: der Düsseldorfer Ulrich Meister. Auf die Kunstbühne geholt hat ihn Achim Kubinski. Er gilt zu jener Zeit als Schrittmacher, seine Galerie in der ­Olgastraße 109 in Stuttgart, in der noch ­immer auch Werke aus dem Zyklus „Erfundene Künstler“ zu sehen sind, zählt seit Mitte der 1980er Jahre zu den wichtigen Foren der ­aktuellen Kunst. Der New Yorker Konzeptkünstler Joseph Kosuth, eine der zentralen Künstlerfiguren der Documenta IX, wohnt zeitweise in der Olgastraße – und verwandelt mehrere Räume in die noch heute zu sehende Installation „Zero & Not“. Auch der fran­zösische Konzeptkünstler Daniel Buren arbeitet vor Ort (der französische Philosoph François Lyotard kommentiert in der Galerie in freier Rede) – und auch diese Spuren sind den Räumen in der Olgastraße noch heute ablesbar.

Längst auch auf anderen Feldern unterwegs

Imi Knoebel ist der Jüngste im ­Olgastraßen-Bund. Knoebel belegt den ­Galerieboden mit Sperrholzplatten – und der Satz des US-amerikanischen Künstlers Ad Reinhardt, „Außer den Beteiligten gibt es kein Publikum“, wird in der Olgastraße ­ umgekehrt – alle Besucher werden zu Beteiligten. Es sieht gut aus für Achim Kubinski im Sommer 1992. Im Frühjahr 1993 scheint er gar noch weiter: Kubinski präsentiert sein Programm in drei Städten (Stuttgart, Köln und New York) und vier Galerien. Doch das risikoreiche Kunstpassspiel des Fußballfans geht schief. Im Frühjahr 1994 ist die New Yorker Galerie geschlossen, an das Stuttgarter Projekt „Markthalle Moderner Kunst“ – gestartet mit Ralph Wernicke und Rolf ­Mayer – erinnern nur noch Finanzprobleme und ­persönliche Streitigkeiten, der Kölner Schauraum und der Stuttgarter Stammsitz in der Olgastraße sind verwaist.

Im Februar 1996 ist er wieder einmal in Stuttgart. Zurück in der Olgastraße 109. Mit neuen Plänen. Wie immer erzählt er davon in der Küche der Wohnung, die als Galerie längst den Status einer musealen Knoebel/Buren/Kosuth-Dauerinstallation erreicht hat. „Ich habe wieder eine gute Mannschaft“, sagt er. Greg Bogin und Eduard Prulhiere aus New York sind dabei, die Stuttgarter Pietro Sanguinetti, Oliver Fromm und Richard Merkle. Bis 1997, sagt er damals, „werden es mehr Namen“. Und: „Zur Documenta X“, sagt Kubinski, „will ich in Kassel eine Ausstellung machen.“

Dabei ist Achim Kubinski, der in Stuttgart auch Künstlern wie Platino und Jo Schöpfer den Weg ebnet, längst auch auf anderen Feldern unterwegs. „Ich komponiere die Musik für ein Theaterstück“, sagt er. Am 29. März 1997 soll „Tosca – Schauspiel in drei Akten“, geschrieben von einem jungen Ostberliner Autor, inszeniert von Michael Simon, Premiere haben. „Im Wiener Burgtheater, mit Kirsten Dene in der Hauptrolle“, sagt Kubinski.

An den Galeriewänden derweil zu sehen: Arbeiten des New Yorker Künstlers Greg Bogin. Der damals 30-jährige Schüler des Malerstars Julian Schnabel überrascht mit geometrischen Figurationen. Die Sieb­drucke auf Leinwand beeindrucken durch Frische, irritierende Momente und eine eigentümliche poetische Materialität. 1200 Dollar (umgerechnet 880 Euro) kosten die kleineren Formate. Zeichnungen Bogins sind für 350 Euro zu haben. Einstiegspreise. Der Weg zurück ins Rampenlicht ist schwer, auch für Achim ­Kubinski, auch für einen also, dessen Biografie dem Kunst-Nachwuchs das Fürchten lehren könnte.

Im November 1996 wieder eine ganz andere Nachricht: Kubinski arbeitet an der Berliner Schaubühne; er schreibt die Musik für eine neuerliche Inszenierung von Michael Simon. Er inszeniert mit „Schlaflos“ ein Szenario zu Leben und Werk des spanischen Künstlers Francisco Goya (1746–1828). Die Aufführung geriert sich als Experiment – und enttäuscht gerade deshalb.

Einer wie nur je einer – das bleibt Achim Kubinski dennoch. Im August 1997 erarbeitet er für die Galerie der Stadt Stuttgart (heute Kunstmuseum Stuttgart) die Schau „Stuttgarter Klima“ – und beschert dem ­Museum einen Proteststurm. Der ­Galerist als Kurator – das geht offenbar zu weit. ­Kubinski macht weiter und eröffnet 1999, jetzt in der Leibnitzstraße 59 in Berlin, unter dem Titel „Around & Around“ eine Schau, die Werke afrikanischer, US-amerikanischer und europäischer Künstler gegenüberstellt. Mit im Boot seinerzeit – die ­einstige Stuttgarter Galerie Hammelehle & Ahrens.

Berlin soll Kubinski neues Glück bringen. Als Galerist bleiben die Erfolge Geschichte. Nach 2008 verstärken sich die Ängste. Um das Spiel kommentieren zu können, muss man auf die eine oder andere Weise dazu­gehören. Kubinski aber steht abseits. In Stuttgart wird derweil die Galerie-Etage in der ­Olgastraße 109 ein Geistwesen. Anläufe, den Schatz zu sichern, scheitern. Wer sie jetzt unternimmt, agiert im Gedenken. Achim Kubinski ist am Dienstag im Alter von 62 Jahren in Berlin gestorben.

Lesen Sie jetzt