Der Pulitzer-Preisträger Neil Sheehan hat einst nachgewiesen, dass ein US-Präsident die Öffentlichkeit und das Parlament belog. Die Reaktionen waren ganz andere als in der Ära Trump.
Stuttgart - Über den Krieg in Vietnam waren die USA schon in den sechziger Jahren uneins: über den grundsätzlichen Sinn und über die Art und Weise, wie er geführt wurde. Aber der bittere innere Zwist wurde ab 1971 noch viel heftiger: In diesem Jahr gelang dem „New York Times“-Reporter Neil Sheehan, der als Kriegsberichterstatter aus Vietnam berichtet hatte, mit der Veröffentlichung der sogenannten „Pentagon Papers“ ein ganz großer Coup. Die Pentagon-Papiere waren eine durchdringende interne Studie des Verteidigungsministeriums zum Entwicklung der amerikanischen Verwicklung in Vietnam seit 1945.
Den Präsident beim Lügen ertappt
Hier wurden die Dinge aber nicht nur ein wenig ungeschminkter benannt als in Pressemitteilungen. Die Pentagon-Studie legte offen, dass in größten Umfang die Öffentlichkeit und der Kongress, der das Regierungshandeln kontrollieren soll, von Militärs, Ministern und dem Präsidenten belogen wurden. In illegalen Geheimunternehmungen ließ man etwa Vietnams Nachbarländer Kambodscha und Laos bombardieren.
Neil Sheehan, der nun am 7. Januar 2021 im Alter von 84 Jahren gestorben ist, erlebte damals etwas ganz anderes als seine Nachfolger in der Trump-Ära. Die Öffentlichkeit verlangte Aufklärung, die Administration von US-Präsident Richard Nixon befand sich in der Defensive und stand auch bei ihren eigenen Anhängern beschädigt da. Die Presse übte ihre Wächterfunktion aus. In der Ära Trump werden Lügen aus dem Weißen Haus umgrinst und bejubelt, erlaubt ist, was dem politischen Gegner schadet. Und eine Presse, die versucht, die Wahrheit hinter den Falschbehauptungen zu finden, wird erschreckend erfolgreich als Lügenpresse denunziert.
Geschichte eines Konflikts
Sheehan, der damals öffentlich Überlegungen anstellte, ob US-Gerichte nicht Kriegsverbrecherprozesse gegen eigene Militärs und Politiker führen sollten, konnte den Ruhm des Coups zunächst nicht allzu lange genießen. Ein schwere Autounfall machte ihn für Jahre berufsunfähig. Aber er begann die bis zur Besessenheit akribische Arbeit an einem Buch, das noch heute eine grundlegende Lektüre zum Vietnamkrieg darstellt: „A Bright Shining Lie: John Paul Vann and America in Vietnam“, dessen „Die große Lüge“ betitelte deutsche Ausgabe 835 Seiten umfasst. Sheehan erzählt darin die Geschichte eines Offiziers, der ab 1962 als Militärberater in Vietnam war, die Vorgeschichte des Konflikts sehr viel gründlicher studierte als seine Kollegen und zu ganz anderen Einschätzungen als die Politiker und Generalstäbler kam.
Mit „A Bright Shining Lie“ gewann Sheehan den Pulitzer-Preis und den National Book Award, und als der Dokumentarfilmer Ken Burns 2017 seinen auch in Deutschland ausgestrahlten großen TV-Mehrteiler „The Vietnam War“ drehte, wurde Sheehans Buch Teil des Grundgerüsts. Und was die USA nicht nur im Vietnamkrieg angetrieben hat, das hat Sheehan auch den folgenden Generationen immer wieder so schlicht wie wahr zu erklären versucht: „Man darf nicht vergessen, dass die Amerikaner ihre Ziele für so grundlegend gut hielten, dass ihnen dadurch jedes Leid, das sie anderen beim Erreichen dieser Ziele zufügten, entschuldbar schien.“