Wirtlegende Bernd Heidelbauer (links) mit Joachim Domann, genannt „Schmutz“, im vergangenen September in der ,Galerie von Braunbehrens im Stuttgarter Westen. Foto: Günther Ahner

Er war einer der ersten Punks von Stuttgart: Mit 50 Jahren ist Joachim Domann, der sich „Schmutz“ nannte, überraschend gestorben. Erinnerungen an einen Feingeist, der sich amüsierte, wenn andere das Falsche über ihn dachten.

Stuttgart - Fünf Tage vor seinem Tod stand Joachim Domann vor der Kamera der Stuttgarter Fotografin Birgit Unterweger. An einem Buchprojekt zum Thema Fetisch arbeitet sie gerade und hatte den Punk der ersten Stunde dafür gewonnen.

Ihr war der Mann mit dem etwas sonderbaren Spitznamen „Schmutz“ aufgefallen, weil er den Mut hatte, nicht nur bei Events Mieder, Strapse und High Heels zu tragen, sondern auch im Alltag. „Das ist in Stuttgart nicht leicht“, sagt Birgit Unterweger, „wenn ich mit Schmutz unterwegs war, habe ich spüren können, wie ihn verächtliche Blicke getroffen haben.“ Was sie dabei irritiert hat: „Es waren oft junge Leute, die ablehnend auf ihn reagiert haben.“ Den Mann, der auffiel, ohne dies erkennbar zu genießen, beschreibt sie als „belesenen Feingeist“. Gespräche mit ihm seien rasch in die Tiefe gegangen.

„Solche Typen habe ich selbst in New York nicht gesehen“

Joachim Domann war stadtbekannt. Viele Jahre hat er als Möbelpacker gearbeitet. Wenn Vernissagebesucher von ihm wissen wollten, was er denn so mache, beantwortete er die gängige Frage bei Events am liebsten so: „Ich studiere Hartz IV im dritten Semester.“ Ein Paradiesvogel ohne Paradies? „Das ist Stuttgart“, sagt der Gastrosoph Bernd Heidelbauer, der „Schmutz“ in der Stadtbahn angesprochen und ihn danach zu Kunst-Events mitgenommen hatte, „solche Typen wie ihn habe ich selbst in New York nicht gesehen.“ Dort hat der frühere Wirt einst als „König von Württemberg“ ein Lokal aufgemacht und wurde abgezockt.

Seit Jahrzehnten hörte Joachim Domann auf „Schmutz“,was sein Spitz- und Künstlername war. So rumzulaufen, wie er rumlief, war für ihn nicht die späte Provokation eines alten Punks. Es war der Ausdruck seiner femininen Seite, die raus musste und die er nicht länger unterdrücken wollte. Wenn er sich dabei amüsieren konnte, wie andere auf ihn reagierten und Falsches über ihn dachten, nahm er das halt auch noch mit. Schwul sei er nicht, stellte „Schmutz“ immer wieder klar. Frauen, erzählte er, hätten zu ihm gesagt, er habe einen knackigeren Hintern als sie. So was gefiel ihm.

„Mit schrägen Typen begreift man das Leben besser“

Während sein Kumpel bis zu seinem frühen Tod im dritten Semester Hartz IV belegte, studiert die Wirtlegende Bernd Heidelbauer das Leben, „Mit schrägen Leuten, also echten Typen, begreift man das Leben viel besser“, sagt der 72-Jährige. Inspiration beziehe er von nicht alltäglichen Menschen. „Das Unbekannte, das Ungewöhnliche“ sei „lehrreich“, findet der einstige Chef von Bernd’s Lädle. Für seinen „Zirkus Mensch“ hatte er Joachim Domann gewonnen. Im vergangenen Herbst feierte Heidelbauer mit Freaks, Sonderlingen und Originalen eine Party in der Boa und bewies damit: In Stuttgart gibt es mehr Paradiesvögel, als viele glauben. Die Vielfalt der Bewohner ist der Grund, warum sich Heidelbauer, den OB Manfred Rommel „Kosakenhauptmann“ nannte, wohlfühlt in unserer auswärts unterschätzten Stadt.

Beerdigung ist am 6. Juni auf dem Waldfriedhof

Alles andere als schmutzig war „Schmutz“. Stets gepflegt war sein Outfit. Als Bezieher von Hartz IV kaufte er nicht in teuren Boutiquen ein, sondern schneiderte seine ausgefallene Bekleidung oft selbst. Einen kranken Eindruck, sagt die Fotografin Birgit Unterweger, habe er beim Shooting fünf Tage vor seinem Tod nicht gemacht. Er sei gut drauf gewesen, ihm habe das Agieren vor der Kamera gefallen. Die WG-Mitbewohnerin von Joachim Domann hatte ihn tot in seinem Bett gefunden. „Wir verlieren einen liebenswerten Menschen“, steht auf seiner Facebook-Seite, „wir werden ihn sehr vermissen.“ Die Beerdigung ist am Donnerstag. 6. Juni, 13 Uhr, auf dem Stuttgarter Waldfriedhof.

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