Robert James Waller (1939-2017) hat mit „Die Brücken am Fluss“ einen Mega-Bestseller geliefert. Foto: AP

Mathematik und Betriebswirtschaftslehre hatte der Amerikaner Robert James Waller jahrzehntelang unterrichtet, eher trockene Themen also. Dann wagte er sich ins Reich der Tränen: 1992 traf er mit der Edelschnulze „Die Brücken am Fluss“ ins Herz von Millionen Lesern.

Stuttgart - Einen Bestseller zu landen, der einen im Nu reich und berühmt macht – davon träumen nicht nur Profischreiber, sondern auch Millionen Hobbyautoren. Aber auch wenn jeden Tag haufenweise neue Amateurwerke auf die diversen Selfpublishing-Plattformen hochgeladen werden und dort auf der Abraumhalde unbeachteter E-Books vergammeln, geben selbst spät berufene Hobbyautoren die Hoffnung nicht auf. Sie orientieren sich an den Ausnahmen von der Regel, an legendären Blitzkarrieren wie der des Amerikaners Robert James Waller.

Müsste man sich ein Umfeld ausdenken, aus dem ganz gewiss kein Bestseller hervorgehen wird, schon gar keine Herz-Schmerz-Schnulze wie „Die Brücken am Fluss“, könnte man nichts Überzeugenderes entwerfen als die Arbeitswelt Wallers. An der University of Northern Iowa hat der am Freitag im Alter von 77 Jahren einem Krebsleiden erlegen in seiner ersten Karriere Betriebswirtschaft und angewandte Mathematik gelehrt. Zwar hat er schon 1986, mittlerweile Dekan seines Fachbereichs seinen Abschied genommen. Aber er hat dann keinesfalls jahrelang herumprobiert, -gefeilt, -gefitzelt, um schließlich das Manuskript der perfekten Tränenpumpe „Die Brücken am Fluss“ an Verlage schicken zu können. Im Gegenteil, in elf Tagen hat Waller sein Buch angeblich geschrieben, in einem Rutsch also.

Die große Liebe

Drei Jahre lang hat es sich dann auf der Bestsellerliste der New York Times gehalten, wurde in rund 40 Sprachen übersetzt und hat sich weltweit über zwölf Millionen mal verkauft. Auch die Verfilmung durch Clint Eastwood mit dem Regisseur selbst und Meryl Streep in den Hauptrollen wurde ein Kassenschlager und sogar ein Musical aus dem Stoff gemacht. Die Geschichte vom durchreisenden Fotografen und der Farmersfrau, die in großer Liebe füreinander entflammen, aber entsagen müssen, weil die Frau ihre Ehe nicht aufgeben, ihre Familie nicht einem Provinzskandal aussetzen will, hat die Herzen der Menschen erreicht.

Die Herzen der Literaturkritiker eher nicht: „The Bridges of Madison County“, so der Originaltitel, erntete Hohn, Spott, Verrisse, ja, selbst geifernde Attacken. Manchmal klangen die, als sei diese harmlose Schnulze durch ihre bloße Existenz daran schuld, dass andere, gewiss ausgefeiltere Bücher, vom Publikum nicht in Massen gekauft werden.

Roman und Wirklichkeit

Robert James Waller hat noch einige Romane geschrieben, aber keiner hat auch nur annähernd so viel Erfolg wie der Erstling gehabt. Das ließ sich wohl verschmerzen, denn sein Leben hatte sich – wie das des 4200-Seelen-Kaffs Winterset, das als Romanschauplatz zur Touristenattraktion wurde – komplett geändert. Waller verließ Iowa, wo er sein ganzes Leben zugebracht hatte, und zog auf eine neu erworbene texanische Farm weit weg vom nächsten Ort. Und nach 35 Ehejahren trennte er sich 1997 von seiner Frau, um mit der Landschaftsgestalterin zusammenzuleben, die er beim Umbau der Farm kennengelernt hatte. Nicht immer folgt das Leben also dem Kurs der Romane. Und nicht immer scheitert der Versuch eines Amateurs, einen Welthit zu liefern: Hobbyautoren werden aus Robert James Wallers Beispiel noch lange Kraft schöpfen.

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