Karel Gott bei einem Konzert 2018 in Prag Foto: dpa/Michal Kamaryt

Die „Biene Maja“ hat ihn in Deutschland vollends populär gemacht. Doch der Tscheche Karel Gott, der am Dienstag im Alter von 80 Jahren verstarb, lässt sich nicht auf dieses Lied reduzieren.

Stuttgart - Was machen wir jetzt, womit steigen wir ein: „Biene Maja“ oder „die goldene Stimme aus Prag“? „Biene Maja“ scheint unschlagbar: Der Titelsong zur Zeichentrickserie, 1975 von Karel Svoboda für das ZDF komponiert und von Karel Gott gesungen, gehört zu den praktisch alle Altersgruppen verbindenden Mitsingliedern in Deutschland: „Maja fliegt durch ihre Welt. / Zeigt uns das, was ihr gefällt.“ Es wurde dutzendfach gecovert, Hape Kerkeling hat es später auf seine Art ebenso verewigt wie Dieter Thomas Kuhn. Und es ist nur konsequent, dass der Song seit einer Neuauflage der Serie im ZDF 2013 nunmehr von Helene Fischer gesungen wird.

Aber wer dem Künstler Karel Gott wirklich näherkommen und ihm gerechter werden will, der muss wenigstens kurz umschalten. „Weißt Du wohin“ hieß der Titel einer kleinen, feinen Polydor-Single, die exakt am 24. April 1967 in der Bundesrepublik erstmals erschien und auf der ein junger Mann aus dem Osten auf Deutsch und mit sympathischem Akzent „Lara’s Theme“ sang, „Lara’s Theme“, das alle Ohren und Herzen umschmeichelnde Hauptmotiv aus der „Doktor Schiwago“-Filmmusik von Maurice Jarre: „Weißt Du wohin, die Träume all‘ entflieh’n / die unerfüllt, / an dir vorüberzieh’n“.

Er war Gast der ersten „ZDF Hitparade“

Markant war die Aufnahme vor allem durch den festen, klaren und ganz offenbar klassisch geschulten Tenor des Sängers. Und schon hatte man ein doppeltes Markenzeichen für den damals knapp Dreißigjährigen: „goldene Stimme“ und „aus Prag“.

Denn das war ja alles mitten im Kalten Krieg! Einen gewissen künstlerischen Austausch über die Mauern zwischen Ost und West gab es damals zwar in der Hochkultur, aber auf dem Unterhaltungsmarkt nur sehr vereinzelt, und es war in jedem Fall stets ein Politikum. Man muss sich das vorstellen: 1968 wird der Prager Frühling von den Panzern der kommunistischen „Bruderstaaten“ blutig niedergewalzt – und ein paar Monate später im Januar 1969 lädt Dieter Thomas Heck eben Karel Gott in die erste Ausgabe der „ZDF Hitparade“ ein und stellt ihn so vor: „unser sympathischer Freund aus der Tschechoslowakei“. Karel Gott war damals, wer so will, ein Stück wohlklingende Entspannungspolitik, ein Vorbote einer neuen Zeit. Denn um diese Linie noch etwas steiler zu ziehen: Wenig später wurde Willy Brandt Bundeskanzler und begann seine neue Ostpolitik. Aus den Tschechen wurden immerhin schon mal wieder Nachbarn.

Gotts Karriere war von Anfang an international ausgerichtet

Auch die Laufbahn Karel Gotts hatte bis dahin einige steile Kurven genommen. Eine künstlerische Ader spürte der gebürtige Pilsener, Jahrgang 1939, zwar von Anfang an, sah sich aber zunächst eher als Maler denn als Musiker. Dann kamen Zweifel, ob er die Akademieprüfung schaffen kann – und als Alternative eine Ausbildung als Starkstromelektriker. Die eher eintönigen Werktage versüßte er sich mit Auftritten als Sänger in Prager Tanzcafés und einem Auftritt bei einem Nachwuchswettbewerb. Just da, das Künstlerleben braucht halt Zufälle, saß der tschechische Jazz-Bandleader Karel Krautgartner im Publikum und erkannte, welches Talent und welches Stimmwunder er da vor sich hatte. Er schickte den Zwanzigjährigen zur klassischen Gesangsausbildung aufs Prager Konservatorium.

Was dann begann, war eine Karriere, die erstaunlicherweise von Anfang an international ausgerichtet war. Gotts Debütaufnahme 1960 erschien in englischer Sprache – ein Zeichen, dass gerade die Prager Kulturszene versuchte, im Schatten der Bündnistreue zu Moskau auch Kontakt mit dem Westen zu halten. Und just Karel Gott entwickelte sich über die Jahre zu einem höchst polyglotten Kulturbotschafter seines Landes, sprach fließend mehrere Sprachen (natürlich auch Deutsch), genoss ein Leben auf vielen Bühnen – und so mag es den Beobachter im Nachhinein schmerzen, kann aber leider wenig verwundern, dass er mit dem kommunistischen Regime in seiner Heimat nie große Probleme hatte. Wie selbstverständlich unterzeichnete er 1977 eine Anticharta der offiziellen Staatskultur gegen die demokratiefreundliche Charta 77 der Systemkritiker rund um den Schriftsteller Vaclav Havel, der später einmal der erste Staatspräsident im freien Prag werden sollte.

Fürs „Aschenbrödl“ sang er nur auf tschechisch

In der alten BRD spielte das alles keine große Rolle, hier reihte sich ein flotter Gott-Schlager an den nächsten: „Einmal um die ganze Welt / und die Taschen voller Geld“ (das wurde, wenig überraschend, 1970 auch in der DDR ein großer Hit), „Maria Maddalena“, „Babischka“. Die „Stimme aus Prag“ war im Unterhaltungsprogramm von ARD und ZDF ein Fenster gen Osten – so wie im Kinderprogramm der „kleine Maulwurf“ oder die herrlich versponnenen Filme mit dem stummen Pan Tau. Irgendwie bekam man dadurch von Prag ein insgesamt recht sympathisches Bild.

Und nicht zu vergessen „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ – der legendäre Märchenfilm, von Prag und Ost-Berlin gemeinsam produziert, wurde 1975 erstmals auch im Ersten gezeigt. Wobei hier die westdeutschen Fans leider um ihren Star betrogen wurden: Tatsächlich gibt es in der Filmmusik von Karel Svoboda auch ein Lied, das Karel Gott singt. Zu hören war es aber nur in der tschechischen Originalfassung.

Den Systemwechsel schaffte er mühelos

Mit der Krise des deutschen Schlagers ab Mitte der 1980er Jahre wurde es um Karel Gott stiller. Aber das mindert nichts an der Verehrung der Schlagerfreunde hierzulande – und vor allem auch nicht daheim: Den Systemwechsel schaffte der Sänger recht mühelos, seine Konzerte in Prag und seine Auftritte im tschechischen Fernsehen waren auch nach 2000 stets Großereignisse. Sage und schreibe 42-mal wählte ihn das heimische Publikum zum beliebtesten Star des Landes. 120 Alben hat der Mann im Lauf seines Lebens veröffentlicht. Die Zahl der verkauften Tonträger weltweit kann nur geschätzt werden – womöglich sind es 50 Millionen.

In seiner letzten Lebensphase wurde Karel Gott dann zum Thema vor allem für den Boulevard und den Netzklatsch. Mit beinahe 70 Jahren heiratete er in Las Vegas die deutlich jüngere Ivana und gründete eine neue Familie mit zwei Töchtern. Mit dem Berliner Rapper Bushido nahm er 2008 den Titel „Forever young“ auf und scheute auch nicht einen Gastauftritt in dessen Spielfilm mit dem programmatischen Titel „Jenseits von Gut und Böse“. 2015 schließlich machte er eine Krebserkrankung publik.

Am späten Dienstagabend ist der Sänger in Prag nun im Alter von 80 Jahren gestorben. Und wenn den meisten Deutschen beim Denken an ihn dann doch vor allem sein flottes, schwungvolles Lied „Biene Maja“ noch lang im Ohr bleibt, so würde ihm selbst das zweifellos eine große Freude sein. Nebenbei: Das Orchester im Hintergrund des Originaltitels ist übrigens die Band von James Last. So wie bei „Weißt du wohin“ auch. Alles Retro halt. Aber sicher nicht das schlechteste.

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