Der französische Philosoph und Soziologe Bruno Latour ist der Denker der Klimakatastrophe. Sein Werk ist schwer zugänglich, aber von höchster Aktualität.
Die Texte des französischen Philosophen Bruno Latour sind nicht leicht zu entschlüsseln. Man begegnet darin Sonderbarkeiten wie einem „Parlament der Dinge“, in dem Polarbären ihren Platz haben wie Pflanzenknollen. Doch wem es gelingt, die verschlossenen Sprachgebilde trotz begrifflicher Extravaganzen und Unschärfen aufzusperren, steht Auge in Auge mit den drängendsten Problemen in einem planetarischen Maßstab, für den bei ihm die griechische Urgöttin Gaia steht. Was ganz und gar nichts Esoterisches hat, sondern jenseits aller Mythologie auf jenen immer enger werdenden Spielraum der Biosphäre verweist, in dem überhaupt Leben möglich ist.
Der 1947 im burgundischen Beaune in eine Weinhändlerfamilie geborene Latour ist der Denker der Klimakatastrophe. Doch am besten bleibt man noch einen Augenblick beim Aufschließen. Ein Buch des als Erneuerer der Sozialwissenschaften geltenden Professors an der Pariser Elitehochschule Sciences Po trägt den Titel „Berliner Schlüssel“. Diese Erfindung zwingt die Benutzer dazu, die Haustür der für Berlin typischen großen Mietshäuser hinter sich abzuschließen – nur dann kann man den Schlüssel auf der jeweils anderen Seite wieder herausziehen und mitnehmen. Latour veranschaulicht daran seine These, dass Dinge gewissermaßen Akteure sind, die unser Handeln mitbestimmen. Ihm geht es darum, die Grenze zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Natur und Kultur, die dem Glauben an den Fortschritt zugrunde liegt, durchlässig zu machen.
Das Terrestrische ist nicht länger mehr nur der Rahmen menschlichen Handelns, sondern ein Teil von ihm. Das hat Konsequenzen, die sich bis in die Klimapolitik des französischen Staatspräsidenten Emanuel Macron verfolgen lassen. Dessen Idee einer „ökologischen Nation“ beruft sich auf Latour. Bei allem Leid sah er in der Corona-Krise eine „Generalprobe für die Klimakrise“. In einem an alle Weltbürger gerichteten Fragenkatalog führte er auf, welche konkreten Aktivitäten – Billigfliegen, Ernährung aus der Tiefkühltruhe, Massenkonsum durch Importware – man nach der Krise wiederaufnehmen und welche man lieber lassen möchte.
Anstelle der obsoleten Opposition Natur versus Kultur differenziert Latours Netzwerktheorie einen beweglichen Mechanismus aus, in dem eine Vielfalt von menschlichen und nicht-menschlichen Wirkmächten interagieren und sich gegenseitig durchdringen.
Am Sonntag, 9. Oktober, ist Bruno Latour gestorben. Für das Weiterleben des Planeten Erde könnte entscheidend sein, wie sehr es Gesellschaft und Politik gelingt, seinem Denken die Türe öffnen.