Tausende Mitarbeiter von ZF – hier in Friedrichshafen – gehen gegen den geplanten massiven Stellenabbau beim Zuliefererunternehmen auf die Straße. Foto: dpa/Felix Kästle

Die IG Metall steht zu Beginn der neuen Tarifrunde an diesem Mittwoch unter einem besonderen Druck. Gefragt sind nun die Krisenmanagerinnen an der Gewerkschaftsspitze, meint Matthias Schiermeyer.

Die IG Metall wandelt derzeit zwischen zwei Welten: Beim prominenten Zuliefererkonzern ZF ziehen am Dienstag Tausende Beschäftigte gegen den geplanten personellen Kahlschlag zu Felde – tags drauf will die Gewerkschaft am Verhandlungstisch für sieben Prozent mehr Geld kämpfen. Es ist ihre dritthöchste Forderung seit 30 Jahren. Selten begann eine Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie unter solch disparaten Vorzeichen wie diesmal.

 

Allzu gern würde die IG Metall die Schauplätze auseinanderhalten: Unternehmen in konkreten Nöten sind das eine – die Stärkung der Kaufkraft von fast vier Millionen Beschäftigten ist das andere. Doch trennen lassen sich die beiden Welten nicht. Die Automobilhersteller und ihre Zulieferer leiden zusehends unter der Transformation, und auch der Maschinenbau sieht sich vom konjunkturellen Abwärtstrend erfasst. Ausgerechnet die Metallindustrie, die vor einigen Jahren noch als Lokomotive der deutschen Wirtschaft galt und den Wohlstand gerade Baden-Württembergs garantiert hat, erweist sich nun als Bremsklotz.

Alles nur „Standortbashing“?

Gedrückt wird die allgemeine Stimmung auch von dem sich anbahnenden Großkonflikt bei Volkswagen – noch so ein Fanal. So haben die Warnungen der Arbeitgeber vor einem dauerhaften Verlust der Wettbewerbsfähigkeit, vor Deindustrialisierung gar, wenig gemein mit dem ritualisierten Alarmgeschrei im Vorfeld früherer Tarifrunden. IG-Metall-Chefin Christiane Benner sollte sie nicht als „Standortbashing“ abtun.

Die Gewerkschaft appelliert nun an die Verantwortung der Arbeitgeber, die Einkommen ihrer Belegschaften vor der Inflation zu schützen. Gewiss, die Preissteigerungen seit 2022 lasten noch immer auf den Geldbeuteln der Arbeitnehmer, doch die Inflation ist wieder auf Normalmaß geschrumpft. Und sie trifft in der baden-württembergischen Metallindustrie auf einen stattlichen Jahresdurchschnittsverdienst von knapp 75 000 Euro, hochgeschraubt von beiden Sozialpartnern wohlgemerkt. Solche Spitzengehälter stehen nun im Widerspruch zur verschärften globalen Konkurrenz, zumal sie ohnehin nur noch mit der gleichzeitigen Verlagerung von Unternehmensteilen in Billiglohnländer zu rechtfertigen sind.

Wie durchsetzungsfähig sind die starken Frauen?

Hohe Lohnkosten sind nicht der einzige Nachteil am hiesigen Standort; auch Energiepreise, Steuerlasten, bürokratische Auflagen und infrastrukturelle Schwächen verteuern die Arbeit – alles altbekannt. Die Schuldhaftigkeit von Unternehmern und Managern, die den Wandel verschlafen haben, steht ebenso außer Frage. Tarifpolitik ist nicht für alle Probleme der Wirtschaft zuständig, ein realistischer Blick auf die Erfordernisse der Betriebe ist aber unabdingbar.

So kommt es auch auf die IG-Metall-Führung an. Dort haben drei Frauen in der Frankfurter Zentrale und in der Stuttgarter Bezirksleitung das tarifpolitische Ruder übernommen. In diesem Wechsel liegt eine Chance, den nötigen Pragmatismus in der Gewerkschaftspolitik walten zu lassen und einen Kurswechsel einzuleiten. Dazu müssen diese Frauen die Durchsetzungsfähigkeit zeigen, die sie für sich beanspruchen. Da gilt es auch, sich vom Druck zu lösen, den die einflussreichen Betriebsräte der Automobilindustrie und ihre streikbereiten Truppen unvermindert ausüben, und die Interessen des Mittelstands ins Zentrum zu rücken.

Interne Umfragen der IG Metall zeigen, dass die Beständigkeit der Arbeitsplätze für die meisten Beschäftigten höchste Priorität hat. Damit ihre Verunsicherung nicht die gesamte Industrie erfasst, sondern insgesamt wieder mehr Stabilität einzieht, muss die Gewerkschaft die richtigen Schlüsse ziehen.