Mit 58 schwanger: Die Direktorin des Mauermuseums, Alexandra Hildebrandt. Foto: dpa

Die Wahrscheinlichkeit, ab dem 50. Lebensjahr auf natürlichem Wege schwanger zu werden, liegt bei 1:10 000. Alexandra Hildebrandt ist Ende 50 und hat bereits sechs Kinder. Jetzt ist sie im fünften Monat schwanger.

Berlin - Sie sagt, es sei ein Schreck gewesen. So ganz verdaut habe sie ihn immer noch nicht. Aber jetzt, da die Geschichte in der Welt sei und ihr Telefon kaum noch still steht, könne sie sich nicht mehr verstecken. Und dann platzt es aus Alexandra Hildebrandt heraus: „Ich fühle mich wie im Zoo.“

„Chefin des Mauermuseums ist mit 58 Jahren wieder schwanger“: Mit dieser Schlagzeile hatte ein Boulevardblatt die Medienlawine ins Rollen gebracht. Es war ja auch nicht mehr zu übersehen. Ein Foto zeigte Hildebrandt im lachsfarbenen Kleid beim Empfang zum 55. Jahrestag des Mauermuseums. Darunter wölbte sich ein Babybauch. Erschöpft sah die Chefin des Mauermuseums aus, aber glücklich. Es sei ihr siebtes Kind, erklärte sie dem Reporter. Und ja, sie freue sich darauf wie auf alle anderen.

Ihr Umfeld reagierte überrascht

Alle anderen? Ihre Mitarbeiter wussten da längst, dass die Mutter zweier erwachsener Kinder nach dem Tod ihres ersten Mannes Rainer 2004 noch einmal neu als Familienmutter durchgestartet war. 2013 kamen die Zwillinge Maximilian und Elisabeth (4) zur Welt und dann kurz nacheinander Alexandra (3) und Leopold (1).

Ihr Umfeld reagierte überrascht, einige waren auch schockiert. War sie mit 54 nicht schon aus dem gebärfähigen Alter heraus? Andererseits aber passte der späte Nachwuchs gut in das Bild, das viele von ihr haben. Alexandra Hildebrandt ist immer für eine Überraschung gut. Unberechenbar, so würden es ihre Kritiker formulieren. Die Frau des verstorbenen Museumsgründers gilt als kompromisslos und streitbar. Eine „Krawallschachtel“, so hat sie eine Zeitung einmal genannt.

Ihr Privatleben interessierte keinen. Viele dachten sogar, sie hätte gar keines. Umso überraschter reagierten sie auf die immer neuen Schwangerschaften. Späte Mutterschaften liegen zwar im Trend. Siehe Gianna Nannini, Janet Jackson oder Caroline Beil. Aber fünf Kinder hat keine von ihnen. Reproduktionsmediziner sagen, dass es ab dem 50. Lebensjahr auch nahezu unmöglich ist, auf natürlichem Wege schwanger zu werden. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 1:10 000.

Alle Kinder sind auf natürlichem Wege entstanden

Doch Hildebrandt bleibt dabei. Doch, die Kinder seien alle auf natürlichem Wege entstanden. Und ja, sie würden wie andere aufwachsen, mit Kita-Alltag und Gute-Nacht-Geschichte. Die, so sagt Hildebrandt, lese sie ihnen immer selber vor. Heute das Märchen von Nils Holgersson, morgen Tolstoi. So kennt sie es aus ihrer Kindheit in Kiew. „Wir hatten fast nur Bücher, keine Möbel.“ Sie will, dass ihre Kinder genauso groß werden. Sie ahnt, dass das schwer wird. „Es gibt das Internet. Es gibt Fernsehen mit Mord- und Totschlagfilmen.“

Sie hustet. Nicht zum ersten Mal in diesem Gespräch. Sie murmelt etwas von einer Bronchitis, die sie schon monatelang mit sich herumschleppe. Und davon, dass sie sich jetzt im fünften Monat ein wenig schonen müsse. Erschöpft sieht sie aus. Gezeichnet von der Doppelbelastung.

Nur neun Tage nach der Geburt der Zwillinge war sie wieder im Büro. Stressig sei das gewesen, sagt sie. Einer habe immer geweint, manchmal auch beide. Es waren zarte Kinder, sie kamen zu früh zur Welt. Sie zückt ein Handy, um Bilder zu zeigen.

Ihr erster Mann starb 2004

Da ist Maximilian, ein zarter Blondschopf. Sie sagt, sie sei als Kind wie er gewesen, genauso verträumt. Und da ist Elisabeth, ein Mädchen mit energischem Kinn. „Die ist so schnell, die kann man kaum fotografieren.“ Es seien liebe Kinder, sagt sie. Ihnen bleibe auch nichts anderes übrig. „Wenn mehrere da sind wird man pragmatisch: ,So, du isst jetzt, und du gehst ins Bett. Und hier wird Licht ausgemacht. Fertig!‘“

Man sieht sie vor sich: Die Mutter der Kompanie. Ihr Blick wandert zur Wand hinter der Theke. Dort hängt ein Bild ihres verstorbenen Mannes. Lebensgroß. Rainer Hildebrandt starb am 9. Januar 2004. Ihre Stimme wird brüchig, wenn die Rede auf ihn kommt. Sie sagt, nach dem Tod ihres Mannes sei sie in ein Loch gefallen. Rainer Hildebrandt war 45 Jahre älter als sie. Einer, der 17 Monate im Gefängnis saß, weil er gegen die Nazis kämpfte. Sie sagt: „Er war viel mehr als ein Ehemann für mich. Er war auch Vater, Großvater und Lehrer.“

Nach seinem Tod stand sie vor der Wahl – ewig Trauer tragen oder noch mal neu anfangen, eine Familie gründen. Sie entschied sich für die Flucht nach vorn. Im Dezember 2016 hat sie geheiratet, ganz in Weiß. Ihre Augen leuchten. Sie sagt, es sei der schönste Tag in ihrem Leben gewesen, mit Mann und Kindern. Sollen die Leute doch über sie reden. Sie habe jetzt alles, was sie brauche. „Ein Zuhause.“

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