Irmtraud Wiedersatz aus Burgstetten war viele Jahre die einzige Bürgermeisterin im Rems-Murr-Kreis. Foto: Stoppel/Archiv

Frauen in Führungspositionen: Zum Internationalen Frauentag am 8. März haben wir uns im Landkreis umgehört. Das Ergebnis: Es gibt immer noch wenige Frauen an den Spitzen von Unternehmen und Rathäusern. Doch der Wandel scheint eingeleitet zu sein.

Rems-Murr-Kreis - Frauen an der Rathausspitze sind noch eine Seltenheit. Lange Jahre war Irmtraud Wiedersatz aus Burgstetten die einzige Bürgermeisterin im Rems-Murr-Kreis. Inzwischen hat sie vier Kolleginnen bekommen – darunter eine Oberbürgermeisterin: Gabriele Zull. Unsere Redaktion hat ihnen zum Internationalen Tag der Frauen einige Fragen gestellt.

Ist das Rathaus noch immer eine Männerdomäne – und wenn ja, warum?

Martina Fehrlen: Bei nur acht Prozent Frauen an Rathausspitzen in Baden-Württemberg kann man ganz klar sagen: Ja. Und das, obwohl an den Verwaltungshochschulen des Landes der Anteil der Studentinnen etwa 70 Prozent beträgt. Das fachliche Potenzial wäre also da. Doch diesen speziellen Beruf mit langen Arbeitszeiten und der großen Aufmerksamkeit durch die Bevölkerung muss man mit vollem Herzen ausüben wollen. Und auch die Familie muss das wollen und unterstützen.

Katja Müller: Das Rathaus selbst nicht, aber die Spitze ist oft männlich. Das liegt am leider oft noch traditionellen Rollenbild. Frauen überlegen häufiger, ob sie die Anforderungen erfüllen können, die Beruf und Familie mit sich bringen. Ich bin mit Mitte 30 angesprochen worden, ob ich als Bürgermeisterin kandidieren wolle. Doch damals hatte ich eine Familiengründung nicht ganz aufgegeben. Dann bin ich eben mit 41 Jahren Bürgermeisterin geworden.

Sabine Welte-Hauff: Im Gegenteil, bei uns in Aspach brauchen wir demnächst einen Männerbeauftragten. Klar, in der Führungsebene wird es enger. Aber die Frauen halten zunehmend Einzug in den Führungsetagen.

Irmtraud Wiedersatz: Nachdem der Frauenanteil an der Rathausspitze noch nicht einmal bei zehn Prozent liegt, ist der Beruf immer noch eine Männerdomäne, aber wir holen allmählich auf. Der geringe Frauenanteil liegt natürlich auch daran, dass sich nicht so viele Frauen als Kandidatinnen aufstellen lassen.

Gabriele Zull: Eine Männerdomäne ist das Rathaus in Fellbach weniger. Hier sind sowohl in der Amtsspitze als auch bei den Referatsleitern die Positionen ausgeglichen verteilt. Aber deutschlandweit ist es eindeutig, dass die Frauen in den Rathäusern und besonders in den Spitzenpositionen unterrepräsentiert sind. Neben vielen anderen Gründen – Sie benötigen einen langen Atem, das Vertrauen der Wähler und der Gemeinderäte – ist es sicher vielfach auch eine Zeitfrage! Gerade wenn Sie Familie und Amt miteinander in Einklang bringen müssen und wollen.

Was macht eine Bürgermeisterin anders als männliche Kollegen – oder gar besser?

Fehrlen: Da gibt es kein besser oder schlechter. Die Einstellung bezüglich Führungsverhalten und Zielorientierung hat nichts mit dem Geschlecht zu tun.

Müller: Frauen gehen an manche Dinge anders heran und müssen Manches mehr durchdenken, weil sie anders beäugt werden als Männer. Wir müssen mehr Sorgfalt an den Tag legen, sonst wird es uns gleich negativ ausgelegt.

Welte-Hauff: Ich würde das neutral sehen. Allerdings merkt man bei einer Sitzung eine positivere Schwingung, wenn eine Frau mit am Tisch sitzt.

Wiedersatz: Frauen sind sozial viel stärker engagiert. Gerade bei der Kinderbetreuung oder wenn es um Heimarbeitsplätze geht, werden Bürgermeisterinnen diese Themen schnell angehen und Verbesserungen herbeiführen, weil sie selbst Betroffene sind.

Zull: Ich denke, reines Klischee-Denken bringt uns nicht weiter. Wie jemand Herausforderungen angeht, liegt meistens in der Person begründet. Allerdings denke ich, dass Frauen mit manchen Situationen anders umgehen. Sie sind oft kommunikativer und netzwerken anders.

Gab es auf dem Weg zur Rathausspitze Hindernisse, die Sie überwinden mussten, nur weil Sie eine Frau sind?

Fehrlen: Nein, ich wurde vielmehr häufig positiv angesprochen, dass durch mich als Bürgermeisterin und Mutter von einem Kindergartenkind andere Themen und Sichtweisen stärker in den Fokus rücken.

Müller: Nur bei meiner ersten Kandidatur in Berglen wurde durchaus mit Skepsis gefragt, ob ich das auch könne. In Kaisersbach war dies nicht der Fall.

Welte-Hauff: Im Gegenteil, ich hatte hier einen Heimvorteil, weil man mich schon vom Bauamt kannte. Teilweise wurde ich mit „Frauenpower“ angespornt.

Wiedersatz: Nein. Da ich erst die neunte Bürgermeisterin im Land war, war es schon noch etwas ungewöhnlich, dass der Gemeinde jetzt eine Frau vorsteht.

Zull: Politisch oder menschlich – nein! Zumindest habe ich solche Vorbehalte nicht wahrgenommen.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Fehrlen: Mein Berufsziel Bürgermeisterin stand schon während des Studiums fest. Mein Mann wusste sehr früh von meinen Ambitionen. Ohne seine Unterstützung könnte ich meinen Beruf nicht ausüben.

Müller: Meine Familie unterstützt mich sehr, nur meine Freunde sagen, dass ich nun weniger Zeit habe als früher.

Welte-Hauff: Vollkommen unvoreingenommen.

Zull: Positiv! Ohne die Unterstützung meiner Familie könnte ich den Beruf nicht ausüben.

Wie reagierten die Bürger?

Welte-Hauff: Was mir auffällt ist, dass mir viel im Alltag zugetragen wird. Ich werde beim Einkaufen von den Bürgern in Aspach angesprochen. Viele Anliegen lassen sich so auch direkt regeln.

Wiedersatz: Sie haben sich gefreut, dass künftig eine Frau die Gemeine voranbringen will.

Zull: Auch hier – positiv! Ich bin in Fellbach gut angekommen und wurde hervorragend aufgenommen. Wir ziehen in den kommenden Tagen hierher und fühlen uns sehr wohl.

Was hindert Frauen daran heutzutage, in eine Führungsposition im Rathaus oder auch in der Wirtschaft zu kommen?

Fehrlen: Eine Führungsposition bedeutet für Männer wie für Frauen, dass sie weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen können und der jeweilige Partner privat viel abfedern muss. Das muss man selbst wollen und der Partner auch. Männer und Frauen haben die gleichen Rechte, sich beruflich und privat zu verwirklichen. Frauen trauen sich leider oftmals nicht, dieses Recht einzufordern.

Müller: Es gibt noch diese berühmte gläserne Decke. Jedoch weniger dahingehend, dass man Frauen die Aufgabenerledigung nicht zutraut, sondern eher auf Grund persönlicher Biografien. Das merkte ich auch bei Stellenbesetzungen in Kaisersbach. Hier wird bei Bewerberinnen noch viel zu oft angesprochen, dass diese im gebärfähigen Alter sind. Sicherlich bedeuten mehr Teilzeitkräfte für jeden Betrieb und jede Verwaltung auch mehr Koordinationsaufwand. Aber wir haben gut ausgebildete Frauen und wir können es uns nicht leisten, auf dieses Wissen zu verzichten.

Welte-Hauff: Es ist nach wie vor die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – und das trotz aller Möglichkeiten, die man heute hat. Meine Kinder sind mit 14 und 17 Jahren jetzt groß genug. Ich hätte den Job nicht früher gemacht, weil ich meinen Kindern erst Wurzeln geben wollte. Jede Frau muss es mit sich selbst ausmachen, wie sie ihr Leben und das ihrer Familie gestalten möchte. Die Kandidatur steht jedem offen.

Wiedersatz: Es ist die herkömmliche Rollenverteilung. Wir brauchen neue Männer, die bereit sind, auch in der Familie Verantwortung zu übernehmen. Dann würden sich mehr Frauen aufstellen lassen.

Zull: Ich denke, es ist der Zeitaufwand, der nach wie vor nicht immer einfach mit der Familienphase zu vereinbaren ist. Frauen sind heute vielfach besser ausgebildet und hochqualifiziert. Aber die Entscheidung sich mit ganzer Kraft auf den Beruf einzulassen, lässt sich nicht immer mit der Familie vereinbaren. Natürlich gibt es immer noch in manchen Bereichen Vorurteile.

Was würden Sie jungen Frauen dann raten?

Fehrlen: Frauen, die Führungspositionen anstreben, sollten neben der fachlichen Qualifikation ihre Ziele offen und ehrlich mit ihrem Partner besprechen und klären, wie sie ihr gemeinsames Leben gestalten wollen. Ist das Privatleben geklärt, ist es sicherlich hilfreich, sich einen Mentor oder Vorbild zu suchen, ein Netzwerk zu bilden und zu pflegen.

Müller: Macht euch nicht so viele Gedanken, macht es einfach!

Welte-Hauff: Am besten zielstrebig bleiben und sich selbst weiterentwickeln und qualifizieren. Den Blick sollte man nach vorne richten und seine Chancen nutzen. Und Mut haben. Der Wandel ist eingeleitet.

Wiedersatz: Sich auf jeden Fall zu bewerben. Der Beruf ist so interessant und er macht viel Spaß.

Zull: Das Herz in die Hand nehmen und auf die eigenen Fähigkeiten vertrauen!

Frauen an der Spitze

Rathäuser:
Im Rems-Murr-Kreis gibt es insgesamt 31 Kommunen, davon sind acht Städte und 23 Gemeinden. Seit dem Jahr 2018 stehen insgesamt fünf Frauen an den Rathausspitzen im Rems-Murr-Kreis.

Rathauschefinnen:
Irmtraud Wiedersatz (57) ist seit dem Jahr 1995 Bürgermeisterin von Burgstetten. Sie tritt in diesem Jahr wieder an – zu ihrer vierten Amtszeit. Gabriele Zull (52) ist die erste Oberbürgermeisterin im Rems-Murr-Kreis. Sie führt seit 2016 die Geschicke Fellbachs. Katja Müller (46) ist vor fünf Jahren Bürgermeisterin von Kaisersbach geworden. Im Jahr 2018 kamen noch die Kolleginnen aus Urbach (Martina Fehrlen, 40) und Aspach (Sabine Welte-Hauff, 53) dazu.