Pierre Niney und Paula-Beer in einer Szene von François Ozons Film „Frantz“ Foto: X-Verleih;NFP

Die 73. Mostra am Lido hat das zeitgenössische Kino in seiner ganzen Spannbreite vorgeführt – und einen hochpolitischen Streifen des philippinischen Filmemachers Lav Diaz zum Sieger gekürt.

Venedig - Diese Filmfestspiele von Venedig 2016 waren eine ziemliche Achterbahnfahrt. Vom „La La Land“ – dem munteren Eröffnungsfilm – ging es geradewegs in die dunklen Wälder von Montana in Martin Koolhovens blutigem Western „Brimstone“. Und von François Ozons Titelfigur „Frantz“, die im Ersten Weltkrieg ums Leben kommt, führte einen die Dramaturgie des Festivals – wenn es eine solche denn gab – ins Weiße Haus, wo „Jackie“ in Pablo Larraíns gleichnamigem Film ihr Stilbewusstsein demonstriert.

All die emotionalen Höhen und Tiefen dieses Trips spiegeln sich auch in den Entscheidungen der Jury wider, der unter dem Vorsitz des amerikanischen Regisseurs Sam Mendes („American Beauty“) unter anderen die Schauspielerinnen Nina Hoss, Gemma Arterton und Chiara Mastroianni sowie die New Yorker Künstlerikone Laurie Anderson angehörten. Den Goldenen Löwen, den Hauptpreis des Festivals also, vergab das Gremium an den philippinischen Beitrag „Ang Babaeng Humayo“ („The Woman Who Left“) von Lav Diaz, der als Monumentalwerk mit einer Länge von 226 Minuten zu den Finalisten des Wettbewerbs gehörte. Aber auch Emma Stone, neben Ryan Gosling die Hauptdarstellerin im Musicalfilm „La La Land“ gewann einen Preis – der deutsche Wettbewerbsbeitrag, Wim Wenders’ 3-D-Verfilmung von Peter Handkes Zwei-Personen-Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“, ging hingegen leer aus.

Das Festival zeigt die ganze Spannbreite des zeitgenössischen Kinos

Wenn man es also positiv sehen will, so führte diese 73. Mostra am Lido das zeitgenössische Kino in seiner ganzen Spannbreite vor: Diaz wirft in seinem ausgezeichneten Film einen hochpolitischen Blick auf die Philippinen im Jahr 1997. Es ist das Jahr, in dem Prinzessin Diana in einem Autowrack in einem Tunnel in Paris stirbt und die Welt um Mutter Theresa trauert – die Inselwelt des westlichen Pazifischen Ozeans, die Heimat des 1958 auf den Philippinen geborenen und auf Mindanaos aufgewachsenen Lav Diaz, versinkt unterdessen im Chaos verschiedener Machtinteressen, die auch mit erbarmungslosen Entführungen durchgesetzt werden wollen.

Während Diaz für ein höchst eigenwilliges Kino steht, für einen Film, der sich Zeit nimmt und in dieser Langsamkeit einen suggestiven Sog entfaltet, bot Antoine Fuqua in seiner Neuauflage von „The Magnificent Seven“ („Die glorreichen Sieben“) sozusagen das Kontrastprogramm: knallige Action mit jeder Menge Starpower, die sich mit Denzel Washington an der Spitze und einem leibhaftigen Pferd im Gefolge auch auf dem Roten Teppich auszahlte. Wer wollte da Jurypräsident Sam Mendes widersprechen, der seine Preisbegründung in Venedig mit dem Satz einleitete: „Alle Filme sind gleich, aber manche sind gleicher als andere.“ Da klang George Orwells „Animal Farm“ durch, doch im Unterschied zu dieser herrschte am Lido ganz und gar freie cineastische Artenvielfalt.

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