Jürgen Habermas Foto: dpa/Arne Dedert

Er ist einer der wenigen verbliebenen seiner Art: Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas wird 95 Jahre alt. Sein Glaube an einen vernunftgeleiteten öffentlichen Diskurs hat inzwischen einen schweren Stand.

Wenn ein großer Denker nahezu ein ganzes Jahrhundert durchlebt hat, bleibt es nicht aus, dass er miterleben muss, wie einige seiner Ideen im Praxistest der Zeit ins Wanken geraten. Das dürfte auch Jürgen Habermas an diesem Dienstag, seinem 95. Geburtstag, so ergehen. Schmerzlich für einen jener öffentlich wirksamen Intellektuellen, die es im heutigen Deutschland immer seltener gibt.

Statt an Marx und Hegel orientierte er sich lieber an Kant

Seinen wissenschaftlichen Aufstieg erlebte Habermas in einem ganz anderen, wenngleich nicht weniger rauen Klima als heute. In den 1950er Jahren hatten sich die alten Nazis ein demokratisches Mäntelchen umgelegt und die gesellschaftliche Debatte wurde von der Konfrontation mit der Sowjetunion im Ost-West-Konflikt erstickt. Der Widerstand dagegen kam aus der marxistisch-hegelianischen Ecke. In Frankfurt am Main (wieder)begründeten die Sozialphilosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno als Vertreter der „Kritischen Theorie“ eine philosophische Richtung, die als Frankfurter Schule bekannt wurde.

Der ungestüme Habermas, Assistent am dortigen „Institut für Sozialforschung“, überwarf sich alsbald vor allem mit Horkheimer. Statt an Marx und Hegel orientierte er sich lieber an Immanuel Kants Idee des öffentlichen Vernunftgebrauchs und statt in Frankfurt habilitierte er in Marburg beim Demokratietheoretiker Wolfgang Abendroth. Es entstand sein erstes bahnbrechenden Werk, ein Klassiker der Sozialphilosophie: „Strukturwandel der Öffentlichkeit“.

Gleiche Chance für alle für eine gerechte Debatte

Habermas skizzierte darin den Aufstieg einer bürgerlichen, öffentlich räsonierenden Diskurskultur mit ihrem Höhepunkt im 19. Jahrhundert und ihrem Niedergang durch den Einfluss der Kulturindustrie, also der Massenmedien und der Public Relations. Sein Ausweg: der herrschaftsfreie Diskurs, eine Idee, die er 1981 in seinem Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“ ausführt. Alle Beteiligten einer öffentlichen Debatte sollten die gleiche gerechte Chance haben, gehört zu werden. Was dann zählt, ist einzig und allein das bessere, weil vernünftigere Argument.

Habermas ist nicht naiv. Das ist bei einem Intellektuellen auch nicht zu vermuten, der im Historikerstreit Mitte der 1980er Jahre um die Einzigartigkeit der Shoa wortgewaltig Stellung bezog gegen neokonservative Geschichtswissenschaftler und sich bis heute zu tagesaktuellen Themen vom Ukraine-Krieg über die Corona-Pandemie bis zur Europapolitik zu Wort meldet. Ihm dürfte also klar sein, dass sein kommunikatives Konzept im begrenzten Rahmen eines philosophischen Seminars leichter umzusetzen ist als auf gesellschaftlicher Ebene. Dennoch: Die Erosion jeden rationalen Argumentierens, einschließlich der Leugnung einer gemeinsamen Diskussionsbasis, nämlich allgemein akzeptierter Fakten, in dem nahezu herrschaftsfreien wie rechtsfreien Raum des Internets, muss einem so engagierten Vertreter der Rationalität wie Habermas am Ende seines Lebensweges einen Stich versetzen.

Auf einer Podiumsdiskussion vor einigen Jahren soll Habermas darauf bestanden haben, dass selbst in der erbittertsten Debatte die Diskussionsteilnehmer am Ende doch irgendwie zu einem rationalen Konsens kommen müssten. Was bliebe ihnen denn anderes übrig? Worauf sein pragmatischer amerikanischer Kollege Richard Rorty antwortete: „Dann prügeln sie sich mit Stöcken.“