„Jetzt erst recht“: Heino feiert Geburtstag Foto: dpa

Von „Sierra Madre“ über „Die schwarze Barbara“ bis „Haus am See“ – Heino ist als Interpret von Volksliedern, Schlagern und neuerdings Pop eine Institution der deutschen Unterhaltung. An diesem Freitag wird Heinz Georg Kramm, besser bekannt als Heino, 75 Jahre alt.

Stuttgart - Natürlich war diese Platte eine Frechheit. Keinem gefällt es, wenn seine Lieblingslieder mit größtmöglicher Ernsthaftigkeit der Lächerlichkeit preisgegeben werden, wenn Heino das R rollend in Peter Fox’ „Haus am See“ schmettert und wenn Cluesos „Gewinner“ zum Fahrtenliedchen wird, wenn sich der Sänger das Repertoire von Rammstein, den Ärzten und den Fantastischen Vier aneignet und dieses genauso behandelt wie Stimmungshits der Sorte „Rosamunde“, „Blau blüht der Enzian“ oder „Die schwarze Barbara“. Das Album „Mit freundlichen Grüßen“, das im Februar dieses Jahres erschien, war ein böser Scherz und der beste Marketing-Gag, der Heinz Georg Kramm eingefallen ist, seit er sich selbst vor über 50 Jahren als Heino neu erfunden hat.

Dreist behauptete er hinterher, die Platte sei gar nicht böse gemeint gewesen: „Ich wollte mir keinen Streich erlauben“, sagte er im Interview mit den Stuttgarter Nachrichten. „Ich habe mir gesagt, das sind oder das werden die Volkslieder der neuen Generation. Es sind wunderschöne Titel.“ Rammsteins „Sonne“ genauso wie Peter Fox’ „Haus am Meer“.

Wenn es darum geht, wie wichtig, wie stilprägend Düsseldorf in den 1970er Jahren für die deutschsprachige Musik war, ist stets vom Krautrock, von der Erfindung des Elektropop und vom deutschen New Wave die Rede. Es fallen dann Namen wie Kraftwerk, Neu!, Deutsch-Amerikanische Freundschaft oder Fehlfarben. Manchmal bringt einer noch Die Toten Hosen oder Marius Müller-Westernhagen ins Spiel. Heinz Georg Kramm hat dagegen keiner auf der Liste. Der Mann aus Düsseldorf-Oberbilk, der sich Heino nennt, wird in seiner Rolle als Gesamtkunstwerk unterschätzt.

Heino musste sich schon viel Spott gefallen lassen

Und das, obwohl Heino im Sinne Sol LeWitts Konzeptkunst par excellence abliefert: Die schwarze Sonnenbrille, die blonden Haare, das rote Sakko – es braucht nur etwas Fantasie, und schon befindet man sich in der Nähe des amerikanischen Minimalismus. Die Reduktion der Mittel, das Prinzip der Entpersonalisierung, die Betonung des Zeichenhaften – Eigenschaften, für die die Formation Kraftwerk gerne gepriesen wird – finden sich letztlich auch in der Kunstfigur Heino, die wie kaum eine andere plakativ das Deutschsein personifiziert.

Wie die Konzeptkunst Sol LeWitts funktioniert Heino als Kunstfigur eigentlich als Unsterblichkeitsmaschine. Denn Heino ist längst mehr als das Alter Ego von Heinz Georg Kramm. Heino ist ein überaus prägnantes schwarz-rot-goldenes Zeichensystem, ausgestattet mit einer markigen Baritonstimme. Heino, der eine Zeit lang sogar auf dem Foto in seinem Personalausweis die schwarze Sonnenbrille tragen durfte, ist als volkstümliche Version Billy Idols leicht ­kopier- und karikierbar. Und manchmal ist man sich nicht ganz sicher, ob die Pressefotos, die Heinos Plattenfirma in Umlauf bringt, tatsächlich den Original-Heino ­zeigen oder ob es sich vielleicht um einen seiner Doppelgänger handelt.

Wegen dieser Zeichenhaftigkeit musste sich Heino schon viel Spott gefallen lassen. Am bekanntesten ist die Heino-Parodie aus „Otto – Der Film“, in dem roboterartige ­Heino-Kopien in einer albtraumartigen Friedhofsequenz „Schwarzbraun ist die ­Haselnuss“ skandieren. Einen anderen Scherz ließ Heino sogar gerichtlich verbieten: Er erwirkte 1985, dass sich Norbert Hähnel, der damals Dauergast im Vorprogramm der Toten Hosen war, sich nicht mehr „der wahre Heino“ nennen durfte.

Heino erwies sich als großer musikalischer Gleichschalter

„Mit freundlichen Grüßen“ war Heinos ­späte Rache. Schließlich war es früher der Punkrock, der für sich in Anspruch nahm, die ­Deutungshoheit über den Schlager zu besitzen. Sid Vicious’ „My Way“, „Do You Wanna Dance“ von den Ramones oder auf Coversongs spezialisierte Funpunk-Combos wie zum Beispiel Me First & the Gimme Gimmes – Schlager lieferten immer wieder die strapazierfähige Grundlage, auf der man sich mit verzerrten Gitarren und zu einem schnellen Beat austoben konnte. Doch mit verblüffender Souveränität drehte Heino in diesem Jahr den Spieß um.

In „Junge“ von den Ärzten mimte er gut gelaunt den Spießer, verriet, dass sich hinter „Ein Kompliment“ von den Sportfreunden Stiller ebenso ein Schlager verbirgt wie in den Abzählreimen von Oomph! („Augen auf“) oder Rammstein („Sonne“). Heino erwies sich als großer musikalischer Gleichschalter, der Westernhagens „Willenlos“ ebenso inbrünstig intoniert wie Nenas „Leuchtturm“ – und stets ist „La Montanara“ ist nur ein Berg-Echo entfernt.

Heino nutzte die Aufmerksamkeit, die er mit dem Erfolgsalbum und dem Auftritt beim Heavy-Metal-Festival in Wacken an der Seite von Rammstein erregte, aber auch, um sich dagegen zu wehren, dass er als Volksliedinterpret in die rechte Ecke gestellt wird: „Der Vorwurf ist Blödsinn“, sagte er unserer Zeitung: „Die Volkslieder, die ich singe, haben mit dem rechtsextremen Gedankengut nichts zu tun. Die meisten stammen aus dem 19. Jahrhundert. Wenn man bösartig ist, kann man zwar behaupten, das sind Nazilieder, weil die Nazis diese Lieder missbraucht haben. Dafür können die Lieder aber nichts.“

Ganze 1000 Stück davon hat Heino, der sich zurzeit auf Kirchentournee befindet, in den vergangenen 50 Jahren aufgenommen. 50 Millionen Tonträger hat er verkauft – gefüllt mit Fahrten-, Trink- und Volksliedern, Schlagern und Deutschtümelei. Und trotzdem war es der Pop auf „Mit freundlichen Grüßen“, der Heinz Georg Kramm das allererste Nummer-eins-Album bescherte, seit er sich selbst als Heino neu erfunden hat.

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