Vor 200 Jahren, am 20. April 1821, starb der deutsche Chemiker Franz Carl Achard, der die erste europäische Zuckerfabrik errichtete. Sein Rohstoff: Rüben. Damit wollte er das Überseemonopol der Kolonialmächte brechen und Preußen sanieren.
Berlin - Ein wenig muss der junge Wissenschaftler seinen Kollegen wie ein Besessener vorgekommen sein. Franz Carl Achard, Naturforscher, vielseitig interessiert, innovativ und voller Energie, soll seine Studien zuweilen bis zur völligen Erschöpfung betrieben haben. Der Forscher war ein hartnäckiger Bursche, und das sollte ihm später auch seinen größten Erfolg bescheren: Zucker für alle!
Denn als Achard 1753 in Berlin als Nachkomme hugenottischer Glaubensflüchtlinge geboren wurde, da war das süße Kristall ein äußerst kostbares Gut, das hauptsächlich aus den englischen Kolonien importiert werden musste. Für die rund 35 Kilo Zucker, die heute jeder Bundesbürger jährlich konsumiert, hätte damals ein Arbeiter 175 Tage arbeiten müssen.
Ein Herz für die Naturwissenschaft
Achard wuchs in einer angesehenen Familie auf, die zahlreiche Juristen, Theologen und Bankiers hervorgebracht hatte, doch sein Herz schlug für die Naturwissenschaft. Er experimentierte mit Blitzableitern, konstruierte einen transportablen Feldtelegrafen, entwickelte Sauerstoffgebläse für Krankenhäuser und versuchte Taubheit mit Stromstößen zu kurieren. Auch wenn nicht alles funktionierte, war Achard bereits Ende der 1770er Jahre ein auch international geachteter Wissenschaftler.
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Preußens König Friedrich II. wurde auf ihn aufmerksam. Mit der wohlwollenden Unterstützung Seiner Majestät erhielt Achard eine Stelle bei der Berliner Akademie der Wissenschaften im Chemielabor von Andreas Sigismund Marggraf. Dort arbeitete er an einer Reihe von Forschungsprojekten für den „Alten Fritz“, die die landwirtschaftliche und industrielle Produktion optimieren und die Abhängigkeit von Importen vermindern sollten. Unter anderem erforschte er Möglichkeiten, fremde Tabaksorten in Preußen heimisch zu machen oder einheimische Sorten zu veredeln.
Die Runkelrübe als Forschungsobjekt
Es war Achards Vorgesetzter Marggraf, durch den die Runkelrübe als Forschungsobjekt Einzug ins Labor hielt. Marggraf hatte als Erster heimische Pflanzen auf ihren Zuckergehalt hin untersucht und wurde bei der Rübe fündig, die bis dahin lediglich als Viehfutter Verwendung fand. Das Ergebnis seiner Analysen legte er 1747 vor. Er wies darin nach, dass Rübenzucker dem importierten Rohrzucker gleichwertig sein würde. Bei der Staatsführung stieß er aber auf wenig Interesse. König Friedrich II. von Preußen, in langwierige kriegerische Auseinandersetzungen mit Österreich um den Besitz Schlesiens verwickelt, hatte andere Sorgen. Die schöne Denkschrift wurde zu den Akten gelegt.
Nach Marggrafs Tod 1782 wurde Achard dessen Nachfolger. Durch Zufall stieß er im Archiv auf die vergilbten Blätter. Praktischer veranlagt als sein Vorgänger, begriff er sofort, welch einen Schatz er da gehoben hatte. Bald darauf begann Achard auf seinem Gut Kaulsdorf bei Berlin mit der Züchtung von zuckerhaltigen Gewächsen, darunter auch die „weiße schlesische Rübe“, deren Zuckergehalt er von zwei auf sechs Prozent steigern konnte – heute sind es rund 20. Gleichzeitig tüftelte er an einer Methode, um Rüben industriell zu verarbeiten.
Preußens König hofft auf ein lohnendes Geschäft
Nachdem Versuche, Zucker aus heimischem Ahorn zu gewinnen, gescheitert waren, legte Achard 1799 König Friedrich Wilhelm III. einen Plan für die Aufnahme der Rübenzuckerproduktion vor. Der Zeitpunkt dafür war günstig. Im gleichen Jahr brachen auf Haiti, damals wichtigster Zuckerlieferant der Alten Welt, Sklavenaufstände aus, die den Nachschub des weißen Kristalls nahezu zum Erliegen brachten und die Preise sprunghaft ansteigen ließen.
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Der preußische Monarch, der sich von Achards Plänen großen volkswirtschaftlichen Nutzen versprach, ließ eine Versuchsreihe von einer staatlichen Kommission testen. Sollte diese positiv ausfallen, so seine Überlegung, würde die heimische Zuckerproduktion die Ausgaben für die Einfuhr von teurem Rohrzucker obsolet machen.
Mit der Zuckerrübe gegen die Sklaverei
Ein Argument, das Achard noch bekräftigte: Ohne den Anbau von Korn zu beeinträchtigen, schlug er vor, auf 2100 Hektar Land so viel Zucker zu produzieren, dass man den „indianischen“ nicht mehr nötig habe. Nebenbei verfolgte er noch ein ganz persönliches Anliegen: Er sah im Rübenzucker eine Waffe gegen die von ihm verabscheute Sklaverei. Der König wies die Behörden an, sofort in allen Provinzen, wo schon Zuckersiedereien bestanden, im großen Stil Rüben anzubauen, um herauszufinden, ob die Runkelrübe wirklich tauglich sei.
Achard werkelte derweil an der industriellen Umsetzung seiner Idee. Auf dem Gut Kunern in Niederschlesien wurde 1801 unter seiner Leitung die erste europäische Zuckerfabrik errichtet. Zwar blieb die Ausbeute anfänglich hinter den Erwartungen zurück – aus 400 Tonnen Rüben gewann man 16 Tonnen Rohzucker –, weil die Maschinen noch nicht ausgereift waren und der Hof nicht so viel Geld dafür gab, wie von Achard erhofft.
Großbritanniens Geschäfte in Gefahr
Doch sein Projekt und die Aussicht darauf, dass die Kontinentaleuropäer nicht mehr auf Importe aus Übersee angewiesen sein würden, schreckte vor allem die Engländer auf. 1802 sollen Londoner Kaufleute Achard anonym 200 000 Taler geboten haben, wenn er die Behauptung widerrufe, man könne aus Rüben Zucker herstellen. Achard soll, obwohl zu diesem Zeitpunkt hoch verschuldet, dieses Angebot zurückgewiesen haben.
Einen bedeutenden Aufschwung erfuhr die Zuckergewinnung aus Rüben dann von außen: Im November 1806 verhängte Kaiser Napoleon mit der Kontinentalsperre eine Wirtschaftsblockade über England und dessen Kolonien, die die Einfuhr britischer Kolonialwaren und damit auch des Rohrzuckers aus der Karibik für den Rest Europas fast unmöglich machte.
Mit Napoleons Niederlage endet der Boom
Doch just als mit dem Embargo die Zuckerrübenindustrie erblühte, erlitt Achard einen Rückschlag. Am 21. März 1807 brannte seine Fabrik ab. Achard ließ sich nicht entmutigen: Er baute ein neues Produktionsgebäude, veröffentlichte 1809 sein Hauptwerk „Die europäische Zuckerfabrikation aus Runkelrüben“ und errichtete eine viel besuchte Lehr- und Versuchsanstalt für Zuckergewinnung, die auch Schüler aus dem Ausland anzog.
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Doch der Boom währte nur kurz. Mit Napoleons Niederlage und der Aufhebung der Kontinentalsperre war es mit der Rübenkarriere vorerst zu Ende. Billiger Rohrzucker aus randvollen englischen Lagern überschwemmte den europäischen Markt, was für viele Rübenzuckerfabriken das Aus bedeutete. Den Niedergang erlebte Achard noch mit, ehe er am 20. April 1821, bis zuletzt an die Zukunft der Rübenzuckerindustrie glaubend, starb.
Siegeszug beginnt erst nach Achards Tod
Er sollte recht behalten: Abermals wendete sich das Blatt, als sich in den 1830er Jahren die Zollpolitik gegenüber Rohrzucker änderte und die heimische Rübenzuckerproduktion wieder Fahrt aufnahm. Achards Rübe, jene unscheinbare, blasse, spitz zulaufende Knolle aus der Familie der Fuchsschwanzgewächse, begann um 1850 ihren Siegeszug, als ihr Anbau mit der Einführung neuer Landmaschinen mechanisiert und ihre industrielle Verarbeitung durch die Watt’sche Dampfantriebstechnik optimiert wurde. Die Gewinnung von Rübenzucker entwickelte sich zum leistungsstarken Industriezweig, der das Marktmonopol des Rohrzuckers beendete.