Seine Wasseranwendungen machten Sebastian Kneipp weltberühmt. Heute ist seine ganzheitliche Therapie aktueller denn je. Vor 200 Jahren, am 17. Mai 1821, wurde der Naturheilkundler geboren.
Bad Wörishofen - Sebastian Kneipp war seiner Zeit voraus. Er entwickelte eine ganzheitliche Therapie, die bis heute die Naturheilkunde prägt, verband Wasseranwendungen mit Heilkräutern, Bewegung, gesunder Ernährung und Lebensordnung, der heutigen Work-Life-Balance. Denn Körper, Geist und Seele gehörten für ihn immer zusammen.
Sein erster Patient war er selbst. Bereits ein Jahr nach Beginn seines Theologiestudiums in München erkrankte er an der damals unheilbaren Tuberkulose. Der in einer armen Weberfamilie im Allgäu aufgewachsene Student hatte schon immer einen starken Willen. Er wollte nicht nur trotz widriger Umstände Pfarrer werden, sondern wehrte sich auch gegen seine Krankheit – und versuchte, sich selbst zu helfen.
In einem Buch findet Kneipp die Lösung
Nachdem Kneipp ein Buch über die Heilkraft des Wassers entdeckt hatte, folgte er dessen Empfehlungen. Warm angezogen ging er schnellen Schrittes, um den Körper zu erwärmen, dreimal pro Woche zur Donau, tauchte ohne Kleidung in den kalten Fluss und ging schnell zurück in seine Unterkunft, um sich auszuruhen. Nach einigen Wochen verbesserte sich sein Zustand. „Wenn es für mich – nachdem alles Angewandte nicht geholfen – ein Heilmittel gibt, so wird es das Wasser sein“, erklärte Kneipp. Er setzte sein Theologiestudium fort und wurde – gesund – 1852 im Augsburger Dom zum Priester geweiht.
Schon als Student behandelte er seine Kommilitonen. Kneipp entwickelte die seit der Antike bekannten Wasseranwendungen weiter und integrierte sie in ein umfassendes Naturheilverfahren. Gicht, Lungenerkrankungen und Cholera, Kneipp wusste Rat.
Selbst der Papst sucht seinen Rat
Auch als Beichtpfarrer des Dominikanerinnenklosters in Wörishofen half er vielen Menschen mit angeschlagener Gesundheit. Da sich seine Fähigkeiten in ganz Europa herumsprachen, kamen immer mehr Hilfesuchende zu ihm, Mittellose wie Wohlhabende. Auch Papst Leo XIII. gehörte zu seinen Patienten.
Trotz aller Erfolge blieben die Anfeindungen nicht aus. Zahlreiche Apotheker und Ärzte zeigten ihn wegen Kurpfuscherei an. Doch es gab auch Ärzte, die von ihm lernen wollten. Bald wurde der erste Kneipp-Badearzt ausgebildet und 1894 der „Internationale Verein Kneipp’scher Ärzte“ gegründet. Damit wurde die Lehre Kneipps von der Schulmedizin beachtet.
160 000 Mitglieder zählen die deutsche Kneippvereine
Als er später an einem Tumor erkrankte, wollte sich der Naturheilkundler nicht operieren lassen und starb am 17. Juni 1897 im Alter von 77 Jahren. Die Rechte, seine pharmazeutischen und kosmetischen Produkte in seinem Namen herzustellen und zu vertreiben, hatte Kneipp dem Würzburger Apotheker Leonard Oberhäußer übertragen. Daraus entstand die heutige Firma Kneipp.
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Allein deutsche Kneippvereine zählen 160 000 Mitglieder. Viele integrieren die Anwendungen in ihren Alltag, andere nutzen ihren Urlaub. In zahlreichen Gesundheitszentren und gesundheitsorientierten Wellnesshotels wird Kneippen praktiziert. „Kneippen ist nie ganz in Vergessenheit geraten, ist aber durch den Rückgang der finanzierten Kuren weniger angewendet worden“, sagt Andreas Michalsen vom Institut für Sozialmedizin an der Charité und Chefarzt am Immanuel Krankenhaus Berlin, Abteilung Naturheilkunde. Zahlreiche Studien bestätigten längst die Wirksamkeit des Kneippens.
Kleine Reize entfachen die Lebensfunktion
Laut Michalsen war Kneipp der Erste, der individualisierte Therapien angeboten und psychosomatische Beschwerden erkannt hat. Die Anwendungen hätten keinen schnellen Effekt, wirkten aber wie fein aufeinander abgestimmte Rädchen und sehr nachhaltig. „Da Kneippen das Immunsystem stärkt und auch gegen Stress hilft, passt es sehr gut in unsere Zeit“, sagt der Mediziner. Seit 2016 zählt Kneippen als „traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre Sebastian Kneipps“ zum immateriellen Kulturerbe der Unesco.
Zur Lehre Kneipps zählen zahlreiche Anwendungen mit kaltem und warmem Wasser, die leicht nachzumachen sind. Akute entzündliche Krankheitsprozesse fordern eher Kaltreize, chronische sind besser durch Wärme zu behandeln. „Für die Reizstärke gilt: Kleine Reize entfachen die Lebensfunktion, gut dosierte, mittlere Reize kräftigen und übergroße Reize schaden“, erklärt der Kneipp-Spezialist Robert Bachmann, Facharzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren in Bad Wörishofen. Etwa Waschungen mit einem Tuch sowie Güsse mit dem Wasserschlauch.
So viel Wärme wie nötig, so viel Kälte wie möglich
Hier gilt: so viel Wärme wie nötig, so viel Kälte wie möglich. Knie- und Schenkelgüsse wirken auf die Blase und die Organe im Bauchraum. Arm-, Oberkörper- und Rückenguss sprechen die Organe des Atmungs- und Herz-Kreislauf-Systems an. Zur Wassertherapie zählen zudem Wassertreten, Arm-, Sitz-, Teil- und Vollbäder, Wickel sowie kalte und warme Packungen.
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Ergänzend nutzte Kneipp Heilpflanzen für Tees, Bade- und Inhalationszusätzen oder für Auflagen und Wickel. Die pflanzlichen Wirkstoffe – etwa von Linden- und Lavendelblüten, Baldrian, Rosmarin und Arnika – schützen vor Erkrankungen und lindern Beschwerden.
Kneipp verordnet ausgewogene Kost
Auch der Pfarrer wusste, wie Ernährung und Bewegung die Gesundheit beeinflussen. So verordnete er seinen Patienten eine ausgewogene Kost, um dem Körper die notwendigen Mineralien, Spurenelemente und Vitamine zuzuführen, sowie ausreichende Bewegung, um Herz, Kreislauf und die Leistungsfähigkeit des Körpers zu stärken.
Kneipp erkannte ferner, dass seelische Konflikte zu psychosomatischen Beschwerden führen und die Ursache für Krankheiten sein können. Heute ist es negativer Stress durch Belastungen im Beruf und Alltag, der zu körperlichen und psychischen Leiden führt. Um dem entgegenzuwirken, einen Ausgleich zwischen Be- und Entlastung zu schaffen, integrierte Kneipp die sogenannte Lebensordnung in seine fünf Säulen. Dass Kneipps Therapie-Konzept selbst bei Schlafstörungen hilft, belegt auch eine aktuelle Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Auch nach 150 Jahren noch modern
Seine Forschung betrieb der Geistliche vor rund 150 Jahren, doch sie ist heute nicht weniger aktuell. Ein gut funktionierendes Immunsystem, Fitness und Stressresistenz sind nicht nur wichtig für die Aktivierung der Selbstheilungskräfte, sondern auch für die Widerstandsfähigkeit. So sind seine Lehren nach wie vor ein moderner Weg, Beschwerden wie Durchblutungs- und Kreislaufstörungen, Gelenk- und Muskulaturerkrankungen sowie Schmerzen zu lindern.
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