Bekannt geworden ist Mahle – hier die Stuttgarter Zentrale – durch Kolben. Foto: dpa

Das Unternehmen sucht Käufer für zwei Komponentenwerke für Motoren in Sachsen und Nordrhein-Westfalen. Die Entscheidung der Geschäftsführung ruft Widerstand bei der IG Metall und dem Betriebsrat hervor.

Stuttgart - Der zu den 20 größten Automobilzulieferern weltweit gehörende Stuttgarter Mahle-Konzern prüft den Verkauf zweier Werke. Wie das Unternehmen am Freitag in Stuttgart mitteilte, hat die Mahle-Geschäftsführung beschlossen, „einen Verkauf der Schmiedeaktivitäten zu untersuchen“. Diese sind an den Standorten Plettenberg in Nordrhein-Westfalen und Roßwein in Sachsen angesiedelt. Rund 630 Mitarbeiter arbeiten dort und stellen Motorenbauteile, etwa Ausgleichswellen oder Pleuel sowie Schmiedeteile her. Die Fertigung solcher Rohteile stehe für Mahle nicht mehr im „strategischen Fokus“, teilte das Unternehmen mit. Daher prüfe man die Veräußerung „in Deutschland“ an einen möglichen Käufer mit stärkerem Fokus „auf die Herstellung von Schmiedeteilen“. In den kommenden Monaten sollen Gespräche mit potenziellen Investoren aufgenommen werden. Angaben der Gewerkschaft IG Metall zufolge hält der Konzern aber an seinen US-Werken zur Pleuelproduktion fest. Starker Wettbewerbsdruck von Seiten der Automobilhersteller, aber auch technische Umbrüche wie der Übergang zu Elektromobilität und vernetztem Fahren, setzen der Zuliefererbranche schon seit Jahren zu. Auf die Herausforderungen reagieren die Firmen vor allem durch Übernahmen. So verleibte sich ZF Friedrichshafen im vergangenen Jahr für zehn Milliarden Euro mit dem US-Konkurrenten TRW ein Branchenschwergewicht mit hoher Kompetenz bei Fahrerassistenzsystemen und im autonomen Fahren ein. Der Bosch-Konzern verstärkte sich kürzlich durch die Übernahme von ZF-Lenksysteme.

Mahle steht vor einer Neuausrichtung

Auch Mahle, der als Hersteller klassischer Motorenteile wie Kolben von den bevorstehenden Umwälzungen in technologischer Sicht besonders betroffen ist, hat in den vergangenen Monaten kräftig zugekauft. Allein durch den Erwerb der Klimatechnik-Sparte des US-Zulieferers Delphi wuchs der Konzernumsatz um rund eine Milliarde Euro. Das Thermomanagement von Motoren gilt mit Blick auf alternative Antriebe als Wachstumsbereich. Außerdem hat Mahle in der jüngeren Vergangenheit den slowenischen Zulieferer Letrika sowie den japanischen Elektromotorenbauer Kokusan Denki übernommen. Dadurch kletterte die Mitarbeiterzahl der Stuttgarter auf rund 76 000 Beschäftigte weltweit. Der Konzernumsatz betrug 2015 11,5 Milliarden Euro.

Den Zukäufen stehen aber auch Veräußerungen gegenüber. Seit Monaten versucht sich das Unternehmen von seiner Industriesparte zu trennen, in der etwa Filtersysteme hergestellt werden. Diese trägt allerdings – ähnlich wie die jetzt zum Verkauf stehenden Schmiede-Werke – nur rund ein Prozent zum gesamten Konzernumsatz bei.

Dass jetzt Werke zur Disposition stehen, in denen Kernkomponenten eines Automobils hergestellt werden, ruft beim Betriebsrat und bei der Gewerkschaft IG Metall Protest hervor. Auf was Mahle setze, sei derzeit nicht klar erkennbar, sagte Michael Kocken, der bei der Stuttgarter IG Metall für Mahle zuständig ist. „Es fehle eine schlüssige Strategie“, zumal die beiden betroffenen Werke profitabel wirtschafteten.

Betriebsrat geht auf Distanz zum Konzern

Mahle-Gesamtbetriebsratschef Uwe Schwarte sagte, nach der jetzigen Entscheidung könne sich offenbar kein Standort, der Bauteile für Verbrennungsmotoren herstelle, mehr „sicher sein, auch künftig noch zur Mahle-Familie zu gehören“. Erst vor wenigen Wochen waren 18-Monate andauernde Krisen-Verhandlungen zwischen der Mahle-Geschäftsführung und den Arbeitnehmern mit einem Kompromiss zu Ende gegangen. Demnach sind für die Mahle-Beschäftigten betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland bis Ende 2019 ausgeschlossen. Die damals ausgehandelte Beschäftigungssicherung gelte auch für die Mitarbeiter in den Werken Plettenberg und Roßwein, hieß es vom Unternehmen, auch im Falle eines Eigentümerwechsels.

Kocken sagte, bei den Verhandlungen zur Beschäftigungssicherung sei nie die Rede davon gewesen, dass die Pleuelfertigung zu den „kritischen Standorten“ gehöre. Dass die Geschäftsführung sie nun verkaufen will, kurz nachdem die Tinte unter den Verträgen trocken ist, deutet er als Zeichen, „dass man mit den Arbeitnehmern nicht ehrlich umgegangen ist.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: