Die Remstalkellerei macht 2020 Schlagzeilen: Ein Betrüger hat sie um viel Geld gebracht, der Vorstand schlägt den Verkauf des Geländes in Beutelsbach vor. Dort will ein Planer Weinstadt um eine touristische Attraktion reicher machen.
Weinstadt - Die Zeit dränge, sagt Peter Jung. Es gelte die Devise „je schneller, desto besser“. Der Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzende der Remstalkellerei spricht über die Strategie, mit welcher der Vorstand und der Aufsichtsrat die finanziell angeschlagene Genossenschaft mit Sitz in Weinstadt wieder flott machen wollen. Das tut Not, denn die Reserven der Genossenschaft sind, auch durch Rücklagenentnahmen in früheren Jahren, aufgebraucht.
Angeblich rund 35 000 Euro hat die Remstalkellerei zudem im Jahr 2017 durch einen Betrüger verloren – das stellte sich bei der Generalversammlung im Januar des vergangenen Jahres heraus. Der Schwindler hatte offenbar ein großes Exportgeschäft in Aussicht gestellt und für dessen Anbahnung vorab eine Provision in Form von Goldbarren gefordert. Die Goldbarren wurden ausgeliefert, das Geschäft aber kam nie zustande. Bei der Generalversammlung Anfang 2020 entlasteten die Mitglieder daraufhin weder den Vorstand noch den Aufsichtsrat, welche deshalb fast komplett zurücktraten.
Weinherstellung in Möglingen?
Der Plan, den die im März ins Amt gewählte neue Führungsriege der Remstalkellerei im November ihren Mitgliedern vorgestellt hat, sieht vor, die Remstalkellerei zu schrumpfen. Denn, so erläutert Peter Jung, „die Mittel, die man brauchen würde, um den Betrieb wieder fit zu machen, haben wir nicht. Heute braucht man eine andere Struktur, als es in den 1950er und 1960er-Jahren Sinn hatte.“ Ohne massive Einschnitte, so erklärt Peter Jung, könne die Genossenschaft die Höhe des an die Mitglieder ausgezahlten Traubengelds nicht steigern.
Die Herstellung und Abfüllung des Weins soll daher die Württembergische Weingärtner-Zentralgenossenschaft (WZG) mit Sitz in Möglingen übernehmen. „Die WZG soll als Dienstleister für uns den Wein ausbauen, wir geben vor, was wir gerne hätten und sind Herr des Verfahrens“, sagt Jung. Die Weingärtner-Zentralgenossenschaft werde in diesem Falle ungefähr drei Millionen Flaschen Wein für die Remstalkellerei ausbauen.
Als Mitglied der WZG gebe die Remstalkellerei schon einen gewissen Teil der Ernte als Most an Möglingen ab, dieser werde von der WZG unter eigenem Etikett verkauft. Den in Zukunft eventuell komplett in Möglingen hergestellten Wein will die Remstalkellerei aber selbst vermarkten. Aber nicht vom angestammten Gelände in Beutelsbach aus, das Peter Jung als überdimensioniert bezeichnet, sondern an einem neuen Standort.
Neuer Ort für den Neubeginn
Für den Neuanfang braucht es nach Ansicht von Vorstand und Aufsichtsrat eine zentrale Erfassungsstation, ergänzt durch ein Verwaltungsgebäude mit Lager und Logistik und eine Vinothek. „Ein eigener Keller ist nicht drin“, sagt Peter Jung. Der neue Standort sollte an Weinbergen gelegen sein, um ein entsprechendes Ambiente zu bieten, auch eine Vorhaltefläche für Erweiterungen sei wünschenswert. Wo der Sitz der Remstalkellerei künftig sein könnte, dazu gibt es nach den Worten von Peter Jung bisher keine Entscheidung. „Zu den Standorten sage ich noch nichts, es gibt da mehrere Optionen.“ Klar sei, dass der Standort für Mitglieder wie Kunden gut erreichbar sein müsse. In der Vergangenheit im Gespräch war, eine zentrale Kelter in Verlängerung der Schönfelderstraße zwischen Endersbach und Beutelsbach zu bauen, der Standort liegt aber in einem regionalen Grünzug.
Auch die an der Schorndorfer Straße beim Bürgerpark gelegene Kelter in Grunbach sei als Standort im Gespräch, berichten Mitglieder der Genossenschaft. Allerdings befürchtet so mancher, dass sich Protest bei den Anwohnern regen wird.
Die tatsächliche Entscheidung über die Zukunftsstrategie fällten ohnehin die Mitglieder, sagt Peter Jung. Diese diskutierten derzeit intensiv über die Pläne: „Ich habe aber den Eindruck, dass viele erkannt haben, dass es tief greifende Maßnahmen braucht.“ Sobald es die Lage zulasse, werde man das Konzept bei Infoveranstaltungen den Mitgliedern vorstellen und erfragen, welche Bedenken es gebe: „Wir brauchen eine breite Zustimmung.“
Wie sich die derzeit diskutierte Verlagerung der Weinherstellung auf die Zahl der Arbeitsplätze und Mitarbeitenden auswirken werde, dazu gebe es noch keine Planungen, sagt Peter Jung, ergänzt aber: „Wir werden weiterhin önologisches Personal brauchen, um Qualitätskontrollen draußen zu machen und um den Kontakt zu halten zu Möglingen und zum dortigen önologischen Personal.“
Wohnbebauung auf Kellerei-Gelände
Das möglicherweise frei werdende, rund 1,3 Hektar große Gelände in Beutelsbach, so sagt Peter Jung, „würde sich unserer Meinung nach prinzipiell für eine Wohnbebauung eignen, es liegt ja mitten im Wohngebiet“. Auch die Stadt Weinstadt hält vorwiegend „Wohnnutzungen oder qualifizierte, mit dem Wohnen verträgliche, gewerbliche Nutzungen“ für denkbar. Die Frage der Nachnutzung des Kellers stellt laut der Verwaltung eine besondere Herausforderung dar, diese könne von der Stadt nicht beantwortet werden. Was die Zukunft des Geländes angeht, betont der Weinstädter Oberbürgermeister Michael Scharmann, dass die Stadt derzeit einen Ankauf des Geländes nicht ausschließen kann oder will.
Ein Museum für den Weinbau im Remstal
Klar, für eine Wohnbebauung biete sich das große Grundstück mitten in Beutelsbach natürlich an, sagt Veit Auch. Aber das riesige Gelände biete auch die Chance, der Standort einer neuen touristischen Attraktion zu werden. Der 27-jährige Weinstädter hat im vergangenen Jahr sein Studium am Institut für Entwerfen und Raumkomposition an der Uni Braunschweig mit einer Masterarbeit abgeschlossen, deren Titel „In vino veritas – Wein und Wandel“ lautet.
Für seine Abschlussarbeit hat sich Veit Auch das Gelände der Remstalkellerei vorgenommen, die Idee dazu kam ihm, weil eine Freundin dort tätig ist. „Ich habe im Februar einen Rundgang und Fotos gemacht und Pläne von der Remstalkellerei bekommen.“ Nach und nach reifte bei ihm die Idee, auf dem Areal den Weg von der Traube bis zum Wein sichtbar zu machen.
Veit Auchs Entwurf sieht vor, sämtliche Gebäude auf dem Gelände der Remstalkellerei abzureißen, die gewaltigen Keller beziehungsweise Tanklager will er erhalten und darin die Neubauten der Remstalkellerei platzieren. Die Produktion, von der Anlieferung bis zur Abfüllung, wird quasi in einzelne (Gebäude-)Teile zerlegt. „Jeder Produktionsschritt liegt jeweils eine Ebene tiefer als der davor, das Prinzip einer Gravitationskelter wird da aufgegriffen“, erklärt Auch.
Ein öffentlicher Weg soll durch das Areal führen und Besuchern Einblicke in die Herstellung des Weins geben, zwischen den Gebäuden, die maximal zehn Meter über die Erdoberfläche ragen, könnte eine Parkanlage entstehen. „Die Abfüllung ist der Punkt, an dem man als Besucher das Gebäude betreten kann“, erklärt Veit Auch, der auf dem Areal ein Museum plant, das die Geschichte des Weinbaus in der Region und die der Remstalkellerei zeigen soll.
Die Zukunftspläne der Remstalkellerei, ihren möglichen Umzug, sieht er gelassen. Denn beim Studium hat er die Erfahrung gemacht: „Das, was man plant, wird eigentlich nie so verwirklicht.“