Die neue Anlage in Schwäbisch Gmünd soll die größte in Baden-Württemberg werden und die Stadt als Hochtechnologie-Standort voranbringen.
Noch sind die Mengen, die produziert werden, überschaubar. Aber immerhin soll es die bisher größte Produktionsstätte von grünem Wasserstoff in Baden-Württemberg werden. Am Donnerstag haben Schwäbisch Gmünd und der französische Wasserstoffproduzent Lhyfe zum Spatenstich für das Hochtechnologieprojekt geladen. In Gmünd soll bis zum Sommer 2024 eine Zehn-Megawatt-Wasserelektrolyse-Anlage entstehen, in der täglich bis zu vier Tonnen grüner Wasserstoff hergestellt werden können. Zur Einordnung: Ein Auto braucht für 100 Kilometer etwa ein Kilogramm Wasserstoff.
Der Wasserstoff soll zum einen als Treibstoff für Autos und Lastwagen in einer in unmittelbarer Nachbarschaft entstehenden Jet-Wasserstofftankstelle genutzt werden. Zum andern soll der Wasserstoff in eine Pipeline eingespeist werden, mit deren Hilfe vor allem der neu entstehende Hochtechnologiepark H2-Aspen mit Wasserstoff versorgt werden kann. Der für die Produktion des Wasserstoffs notwendige Strom soll von Windkraft- sowie Photovoltaikanlagen geliefert werden. Kritiker merken an, dass es rund um Schwäbisch Gmünd überhaupt nicht genug Anlagen gebe, die den benötigten Strom für die Produktionsstätte einspeisen könnten.
„Ein besonderer Tag für die Industriegeschichte von Schwäbisch Gmünd“
Für Oberbürgermeister Richard Arnold ist es dennoch „ein besonderer Tag für die Industriegeschichte von Schwäbisch Gmünd“. Die Freude ist verständlich: Schließlich ist die innerhalb von nur neun Monaten genehmigte Anlage die Voraussetzung dafür, dass die Stadt ihr ehrgeiziges Ziel erreichen kann. Als Teil der baden-württembergischen Modellregion Grüner Wasserstoff will man ein flächendeckendes Wasserstoff- und Tankstellennetz aufbauen. Sowohl das Land Baden-Württemberg als auch die EU fördern das Projekt.
Welch immense Bedeutung dabei die neue Wasserstoff-Produktionsstätte hat, hat Arnold schon früher betont: Die Zusammenarbeit mit Lhyfe gebe dem Gewerbegebiet H2-Aspen den notwendigen Schub. Das Ziel dort sei eine „gesamtheitliche nachhaltige Produktion“. Es gehe darum zu zeigen, wie ein Gewerbe- und Industriepark der Zukunft aussehen könne. Arnold: „Der Ansatz, sich mit dem Projekt vollständig entlang der Wasserstoff-Wertschöpfungskette zu positionieren, ist nicht nur beispielhaft für unsere Region, sondern für ganz Deutschland.“
Baubeginn könnte im kommenden Sommer sein
Das sind große Töne. Aber zumindest scheinen die Rahmenbedingungen in Schwäbisch Gmünd zu stimmen. H2-Aspen bietet im ersten Bauabschnitt auf knapp 50 Hektar Fläche rund 28 Hektar Bauland für Gewerbe und Industrie. Der zweite Bauabschnitt soll später folgen. Der Entwurfsbeschluss im Bebauungsplanverfahren ist bereits gefällt, alle Grundstücke sind erworben. Man sei mit „vielen interessanten Unternehmen im Gespräch“, sagt Markus Herrmann, der Sprecher der Stadt. Richard Arnold geht davon aus, dass im kommenden Sommer die Hochbauarbeiten beginnen können.
Das Datum lässt aufhorchen. Interessiert beobachtet man in Schwäbisch Gmünd die Entwicklung im knapp 30 Kilometer Luftlinie entfernten Weilheim unter Teck (Kreis Esslingen). Im dort neu geplanten Gewerbegebiet Rosenloh will bekanntlich Cellcentric, das Joint Venture von Volvo und Daimler Truck, auf 15 Hektar eine der größten Brennstoffzellenfirmen Europas bauen.
Bei Cellcentric drängt die Zeit
Dort allerdings sind die Grundstücksverhandlungen ins Stocken geraten – und bei Cellcentric drängt die Zeit: Bereits 2026 sollen die ersten Brennstoffzellen in Serie produziert werden. Ursprünglich hatte Cellcentric deshalb als Baustart das erste Quartal 2023 genannt und betont, man gehe davon aus, dass man zumindest noch 2023 mit ersten Baumaßnahmen beginne.
Danach sieht es im Moment aber nicht aus. Zwar betonte Cellcentric zuletzt, dass man weiter auf das Verhandlungsgeschick von Weilheims Bürgermeister Johannes Züfle setze. Es ist aber auch zu hören, dass es zwischen Cellcentric und Schwäbisch Gmünd Gespräche für den Fall gibt, dass sich die Weilheimer Pläne zerschlagen.
2020 sollen schon sehr konkrete Pläne existiert haben
Offiziell bestätigen will das momentan niemand. Aber es spricht vieles dafür. Ein gewisser Vorteil: Man kennt sich. Im Jahr 2020 hatte Daimler bereits einmal in Gmünd angeklopft. Es sollen damals schon sehr konkrete Pläne existiert haben. Nachdem sich aber mit Weilheim aus Sicht von Cellcentric eine bessere Lösung – das Gebiet Rosenloh hat einen direkten Autobahnanschluss, zudem befindet es sich nur wenige Kilometer entfernt vom bisherigen Forschungszentrum im Kirchheimer Stadtteil Nabern – aufgetan hatte, hatte Cellcentric die Gespräche mit Schwäbisch Gmünd abgebrochen.
In Gmünd ist man jedoch nicht nachtragend. Und der nun begonnene Bau der Wasserstoff-Produktionsstätte ist sicher ein weiteres Argument, das Richard Arnold für seine Stadt auch in etwaigen Verhandlungen mit Cellcentric geltend machen kann.
Das sind die Partner von Schwäbisch Gmünd
Lhyfe
Das 2017 in Nantes gegründete Unternehmen Lhyfe ist Produzent und Anbieter von grünem und erneuerbarem Wasserstoff für Mobilität und Industrie. Im Jahr 2021 weihte Lhyfe die weltweit erste großtechnische Anlage zur Erzeugung von grünem Wasserstoff ein, die mit einem Windpark verbunden ist. 2022 folgte die weltweit erste Offshore-Pilotplattform zur Erzeugung von grünem Wasserstoff. Lhyfe ist in elf europäischen Ländern vertreten und hat rund 150 Mitarbeiter.
Jet H2 Energy
Das Unternehmen ist ein Joint Venture der Phillips 66 Ltd. (UK) und der H2 Energy Europe AG (CH), gegründet im Juli 2022. Das ambitionierte Ziel der Jet H2 Energy ist der Aufbau von 250 öffentlichen Wasserstofftankstellen für den Straßenverkehr in Deutschland, Dänemark und Österreich innerhalb der nächsten fünf Jahre.