Der Philosoph Hegel hat in seiner Geburtsstadt Stuttgart viele Anhänger. Foto: Petsch

Um die Frage, wie Hegel in seiner Geburtsstadt gewürdigt werden soll, gibt es verschiedene Ansätze. Einer davon stammt von Stadtdekan Christian Hermes, einem bekennenden Hegelianer.

Stuttgart - Philosophie, die Liebe zur Weisheit, ist nicht jedermanns Sache. Einzelne Vertreter dieser Geisteswissenschaft schon gar nicht. Dazu zählt auch Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der am 27. August 1770 in Stuttgart geboren wurde und am 14. November 1831 in Berlin starb. Hegel zu verstehen fällt nicht leicht. Und doch, so sagen die Kenner, habe der Vertreter des Idealismus eine ungeheure Aussagekraft auf die heutige Zeit.

Da wundert es kaum, dass die Veranstaltungen, die das Hegelmuseum und Geburtshaus des Philosophen (Eberhardstraße 53) anbietet, rasch ausgebucht sind. „Melden Sie sich am besten schnell an“, empfiehlt die Dame an der Pforte des Museums, „wir haben in unserem Veranstaltungsraum im Keller nur 35 Plätze. Die sind meistens schnell vergeben.“

Mit der Enge und Platznot, die eine Verbreitung des Hegelschen Gedankenguts behindert, soll bald Schluss sein. Rechtzeitig vor dem 250. Geburtstag des berühmten Sohnes der Stadt im Jahr 2020, lautet das Motto: Make Hegel great again. Das Museum soll runderneuert und mit einem neuen Konzept neu eröffnen. Ziel ist es, ein besucherfreundliches und attraktives Museum, das wichtige Begriffe der Hegelschen Philosophie durch innovative Ausstellungselemente und interaktive Angebote erfahrbar macht. Eigens dazu hat die Stadt Stuttgart nun sogar eine Stelle geschaffen. Eine Dame, deren Namen noch ein Stadtgeheimnis ist, soll die Konzeption vorantreiben. Dabei sind die Eckdaten des Museum-Umbaus noch gar nicht klar. Selbst Manfred Schmid, der bis zu seinem Ruhestand Ende Oktober noch für das Hegelhaus verantwortlich ist, kann nichts Konkretes sagen: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass da im kommenden halben Jahr etwas passiert.“

Vorschlag der Grünen

Dies steht im Gegensatz zu den Aussagen von der Leiterin des Kulturamtes, Birgit Schneider-Bönninger vor einiger Zeit: „Es ist alles im grünen Bereich und im Zeitplan. Im letzten Quartal 2018 schreiben wir den Gestalterwettbewerb aus, 2019 wird der Umbau und die Neukonzeption der Ausstellung vollzogen. 2020 wird das Haus neu eröffnet und mit einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm auch die ganze Stadt als Hegel-Stadt bespielt.“

Zu Letzterem hat sich nun auch die Fraktion der Grünen im Gemeinderat per Antrag zu Wort gemeldet: „Das Thema Hegel muss aber in die gesamte Stadtgesellschaft und an andere Museen oder Orte des Geistes getragen werden. Wir halten die Wahrnehmung Stuttgarts als Hegelstadt für ausbaubar. Das Jubiläumsjahr 2020 kann dafür sorgen, dies nachhaltig zu ändern. Veranstaltungen und Aktionen in der gesamten Stadt sollen Hegel in 2020 zum Stadtgespräch machen.“

Was sich Vorderhand gut anhört ist aus Sicht des katholischen Stadtdekans Christian Hermes ein wenig zu kurz gesprungen: „Grundsätzlich finde ich ja, alle Einwohner Stuttgarts sollten sich mit Hegel intensiv beschäftigen. Ich begrüße alle kreativen Ideen, ausgehend von einem zeitgemäß neukonzipierten Hegelhaus den gesamten Stadtraum mit Hegel zu bespielen und damit den Menschen zu denken zu geben.“ Aber er fragt auch: „Hat nicht eine Stadt auch eine Verantwortung für die intellektuelle Entwicklung ihrer Bürger? Gerade so wie für Sicherheit und Sauberkeit? Der Stadtraum ist ja beherrscht von der Idee ,Ich konsumiere, also bin ich‘. Hegelianisch wäre dies aufzuheben: Das futternde Anverwandeln von Materie bleibt dumm, wenn daraus nicht die Energie zur Produktion und Verwandlung entsteht.“

Hermes: keine Banalisierung

Daher wünscht sich Hermes, „dass Hegel auch als Hegel ernst genommen und nicht zu einer touristisch-banalisierten Hohlfigur gemacht wird. Vielleicht lässt sich auch beides verbinden. Super wäre, zum Beispiel den Hegel-Experten Slavoij Zizek in die Vorbereitung einzubinden. Dann geht es aber ab.“

Damit liegt der Stadtdekan bestimmt nicht falsch: Sein Vorschlag, den aus aus Slowenien stammenden Philosophen und Kulturkritiker in die Konzeption mit einzubinden, regt schon jetzt eine heiße Diskussion an. „In dem Namen Zizek liegt Sprengstoff“, sagt etwa Hegel-Museums-Chef Manfred Schmid: „Den kann man in Stuttgart nicht vermitteln. Zizek tritt manchmal als Clown auf, der zu allem seinen Senf abgibt.“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, sein Geburtshaus und sein Geburtstag: ein Thema, viele Ansichten. Vermutlich hätte der kluge Mann seine helle Freude an dem heftigen Diskurs über eine angemessene Würdigung seiner Person samt seiner Gedanken. „Der Mensch ist, was er als Mensch sein soll, erst durch Bildung“, sagte er gerne. Man könnte auch sagen: So lebt Philosophie in der Stadt.