Die Stadt Leinfelden-Echterdingen will das Moschee-Gelände samt Gebetshaus veräußern. Ein Filderstädter Architekturbüro bringt nun eine ungewöhnliche Idee ins Spiel.
Die Fassade des nicht fertig gestellten Gebetshauses glänzt im Oberaichener Gewerbegebiet mit der Frühjahrssonne um die Wette. Wobei schon etwas Putz abbröckelt, die Fensterscheiben immer trüber werden. Im Inneren stapelt sich Material, das nicht mehr verbaut wird. Der Rohbau müsste eigentlich schon seit Monaten abgerissen sein. Dazu hatte die Stadt die Bauherren – den muslimischen Verein für Kultur, Bildung und Integration (VKBI) und seinen Kölner Dachverband VIKZ – im Sommer vergangen Jahres verpflichtet. Weil diese aber einen Abriss ablehnen, möchte die Kommune das Gelände mittlerweile mitsamt dem Gebäude veräußern – auch um ihre Finanzen aufzubessern.
Frank Prochiner hat derweil genaue Vorstellungen davon, wie sich das Moschee-Gelände entwickeln könnte. Der Architekt ist Geschäftsführer der Munitec GmbH, deren lokaler Sitz in Filderstadt liegt und die laut eigenen Angaben in den vergangenen zwei Jahren in Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen mehrere Entwicklungen angestoßen hat. Das Büro hat unter anderem das Kaya Hotel an der Filderstädter Johannisstraße entwickelt. In Oberaichen an der Wilhelm-Haas-Straße sieht es Micro-Appartements, in denen sich Seniorinnen und Senioren oder auch Studierende einmieten. Gerade im Speckgürteln von größeren Städten gebe es einen hohen Bedarf „an diesen kleinen möblierten Einheiten“, betont der Architekt.
„Ein Abriss finde ich eigentlich das Schlimmste“
Wird dieser Entwurf tatsächlich umgesetzt, müsste das als Gebetshaus errichtete Gebäude nicht abgerissen werden. Das Büro möchte die vorhandene Bausubstanz vielmehr „sinnvoll und respektvoll weiterverwenden“. „Ein Abriss finde ich eigentlich das Schlimmste“, betont Frank Prochiner. Die viele Mühe, die in das Gebäude investiert worden ist, sollte nicht mit dem Bagger zerstört werden.
In dem Rohbau sei schon vieles da, was man nützen könne. Diese Vorgehensweise sei „ein nachhaltiger Umgang mit Ressourcen und im besten Sinne schwäbisch“, betont er. In einer Mail schreibt er: „Durch unsere Geschäftsbeziehungen in der arabischen Welt haben wir eine Sensibilität für kulturelle und religiöse Fragestellungen entwickelt.“ „Es war uns ein Anliegen, die ursprüngliche Nutzungsidee zu berücksichtigen und das Gebäude entsprechend einzubinden.“
Auch ein Café ist denkbar
Frank Prochiner möchte das Gebetshaus in einen neuen Gebäudekomplex integrieren, mit einer speziellen System-Fassade verkleiden, die zur Fassade der angrenzenden Micro-Appartements passt. Die hohen, großen Räume der Moschee könnten die Bewohner der Appartements als Aufenthaltsräume nutzen. Dort könnten Yoga- oder andere Sportkurse, kulturelle und auch interkulturelle Veranstaltungen angeboten werden. Dort könnte auch ein kleines Café oder auch ein Kindergarten entstehen.
„Wir haben proaktiv Pläne entwickelt“, sagt der Geschäftsführer. Ein Geldgeber – aus der Region oder auch aus dem internationalen Umfeld – wird allerdings noch gesucht. „Derzeit stehen wir in Kontakt mit einem möglichen Investor aus London mit Stuttgarter Wurzeln.“
Verkehrswert der Immobilie liegt bei 1,5 Millionen Euro
Frank Prochiner hat einen Vorentwurf seiner Pläne an die Stadt Leinfelden-Echterdingen geschickt. Denn das Moschee-Gelände samt Gebetshaus soll im Rahmen einer Konzeptvergabe den Eigentümer wechseln. Konzepte mit sozialem oder gemeinwohlorientierten Hintergrund haben gute Chancen. Der Verkehrswert der Immobilie liegt bei rund 1,5 Millionen Euro.
Bis jetzt ist die städtische Fläche aber nicht zu kaufen. Die Konzeptvergabe soll laut der Stadtverwaltung im Frühjahr starten. Wann genau ist, „aktuell noch nicht bekannt, da die internen Vorbereitungen beziehungsweise Planungen hierzu noch nicht abgeschlossen sind“, schreibt Andrea Stäbler, die Leiterin der Stabsstelle Persönliches Referat des Oberbürgermeisters und Öffentlichkeitsarbeit unserer Zeitung. Insofern könne die Angabe „im Frühjahr“ zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter konkretisiert werden.
Ärztehaus anstatt Moschee: Diese Idee ist vom Tisch
Alle Interessenten, die sich schon gemeldet haben, werden gelistet, heißt es aus gut informierten Kreisen. Das Ehepaar Anna-Laura und Alexander Kappes aus dem Ortsteil Oberaichen hat sich derweil aus den Reihen der möglichen Investoren zurückgezogen. Vor einem starken Jahr hatten die Kappes vorgeschlagen, der Stadt das Gelände abzukaufen, um das Gebetshaus in ein Ärztehaus umzuwandeln. Anna-Laura Kappes wollte ihre Hausarztpraxis vergrößern. Ihr Mann hatte als Geschäftsführer des Ingenieurbüros „Kappes ipg“ schon konkrete Pläne erarbeitet. „Wir sind weiterhin auf der Suche nach geeigneten Flächen in Musberg und Leinfelden“, sagt Alexander Kappes nun unserer Zeitung. Aber das Moschee-Gebäude in Oberaichen „kommt für uns aufgrund der Bauqualität leider nicht mehr in Betracht“.
Offen sind derweil noch Dinge, zu denen sich die Verwaltungsspitze und auch der VKBI aktuell bedeckt halten. Zum einen pochen die Muslime auf eine Entschädigung für den Bau des Gebetshauses. Eine Million Euro sollen sie von der Stadt eingefordert haben, heißt es. „Wir werden unseren Anspruch auf Wertersatz für die Verwendungen auf das Moschee-Gebäude, auch im Interesse unserer Mitglieder, weiterhin verfolgen“, hatte der Verein im November vergangenen Jahres mitgeteilt. Um welche Summe es dabei geht, verriet er dabei allerdings nicht. Auch der Streit zwischen Oberbürgermeister Otto Ruppaner und dem Ex-Anwalt der Muslime Michael Quaas scheint noch nicht ausgestanden zu sein.
Moschee-Gelände: Diese Wünsche gibt es in Oberaichen
Was aber wünschen sich die Oberaichener, wie soll es auf dem Gelände an der Wilhelm-Haas-Straße weitergehen? „Wir können uns dort sehr gut eine Mischung aus Wohnungen für junge Menschen und altersgerechtes Wohnen vorstellen“, schreibt Katja Fellmeth, die Vorsitzende der Bürgergemeinschaft Oberaichen unserer Zeitung. „Im Idealfall mit einer Einkaufsmöglichkeit im Erdgeschoss.“ Durch die gute Anbindung des Geländes an die S-Bahn und den Bus könnten junge Menschen von dort aus gut zum Ausbildungsplatz oder zur Uni gelangen, die ältere Generation gut in die Ortsmitte von Leinfelden und Echterdingen sowie in Richtung Stuttgart.
Vorstellbar wäre auch, dass sich im Erdgeschoss Gewerbeflächen für Büros befinden und darüber Wohnungen. Die BGO würde dort auch ein Mehrgenerationenhaus oder eine Grundschule begrüßen. „Seit vielen Jahren engagieren sich Bürger für eine Grundschule in Oberaichen“, ergänzt Fellmeth. Diese könnte gemeinsam mit einem Kindergartenbau auf der Fläche entstehen und gleichzeitig ein Raumangebot bieten für Kurse der Volkshochschule und der Kunstschule.