Herausragend und in bester Lage: die Villa Bolz am Kriegsbergturm (Bildmitte) Foto: Lichtgut/Volker Hoschek

Die über dem Talkessel thronende Villa des früheren württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz erhalten oder wie geplant abreißen? Darüber wird in Stuttgart intensiv diskutiert. Jetzt naht die Entscheidung. Sie wird wohl von Ministerpräsident Winfried Kretschmann persönlich getroffen.

Stuttgart - Ein Bericht unserer Zeitung vom 20. August („Geschichte vor dem Abriss“) hatte die Diskussion über die Villa am Kriegsbergturm 44 angestoßen. Der frühere württembergische Staatspräsident, führende Zentrumspolitiker und entschiedene Nazi-Gegner Eugen Bolz (1881-1945) hatte zwölf Jahre seines Lebens dort verbracht – von 1932 bis zu seiner Verhaftung durch die Gestapo 1944 als Folge des gescheiterten Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944. Bolz’ Tochter Mechthild hatte das Gebäude bis zu ihrem Tod 2011 bewohnt. Vergangenes Jahr verkauften die vier Bolz-Enkel das 13 Ar große Anwesen an ein Stuttgart Wohnungsbauunternehmen. Dieses will die Villa abreißen und an ihrer Stelle ein Gebäude mit vier exklusiven Eigentumswohnungen ­errichten.

Die Berichterstattung darüber hat ein intensives Nachdenken bewirkt. Ist der Abriss der Villa Bolz zu vertreten? Würde damit eine Chance vertan, Geschichte erlebbar zu machen? Bei diesen Fragen spielt eine Rolle, dass Bolz’ herausragende Rolle lange unterbelichtet war – in jüngerer Zeit jedoch umso mehr gesehen und gewürdigt wird. Der gebürtige Rottenburger ist der ranghöchste Repräsentant der Weimarer Republik, der von den Nazis umgebracht wurde. Historiker stellen ihn auf eine Stufe mit Dietrich Bonhoeffer und anderen bekannten Widerständlern. Die katholische Kirche hat im Mai ein Seligsprechungsverfahren für den christlichen „Märtyrer“ eingeleitet.

„Der Mister Weimar in Württemberg“

Thomas Schnabel, Leiter des Stuttgarter Hauses der Geschichte, befürwortet die Einrichtung einer Erinnerungsstätte in der Villa – nicht nur wegen der Leidensgeschichte von Eugen Bolz, die mit seiner Hinrichtung am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee endete, sondern „weil er der wichtigste Politiker des Südwestens in der Weimarer Republik war“. Von 1919 bis zu seiner Entmachtung 1933 bekleidete er ohne Unterbrechung Ministerposten. Für Schnabel ist Bolz deshalb „der Mister Weimar in Württemberg“. Gemessen daran ist die Erinnerungskultur schwach ausgeprägt. Es gibt in Stuttgart eine Bolz-Straße, ein Bolz-Mahnmal am Königsbau, eine Bolz-Büste im Landtag – jedoch keinen Ort der Beschäftigung mit Eugen Bolz.

Vor diesem Hintergrund wird die aktuelle Diskussion um den Erhalt seines Hauses verständlich. Aber ist das auch leistbar? Was spricht gegen, was spricht für eine Gedenkstätte? Die wichtigsten Argumente:

Contra

Das Geld. Stärkstes Gegenargument sind vermutlich die Kosten. Das Land Baden-Württemberg müsste die Immobilie, die sich in bester Lage befindet, erst einmal erwerben. Die Kaufsumme dürfte sich nicht unter drei Millionen Euro bewegen. Dazu kommen die Kosten für die Sanierung und die laufenden Kosten für eine Gedenkstätte.Der Denkmalschutz. Aufgrund unserer Berichterstattung und von Bürgeranfragen begutachteten Denkmalschützer die 1906 errichtete und im Zweiten Weltkrieg beschädigte Villa. Ergebnis: Sie ist kein Kulturdenkmal – auch weil sie später baulich stark verändert wurde.

Gedenkstätten sind keine Besuchermagneten

Die Besucherzahlen. Gedenkstätten sind in der Regel keine Besuchermagneten. Eine Gedenkstätte bliebe ein Zuschussbetrieb. Zur Einordnung: Die zentral gelegene Stauffenberg-Gedenkstätte im Alten Schloss zählt jährlich zwischen 8000 und 10 000 Besucher. Die staatliche Subvention beträgt etwa acht Euro pro Besucher. Bei der Villa Bolz läge sie vermutlich höher.

Pro

Das Bedürfnis nach einem Erinnerungsort ähnlich dem für die Stauffenberg-Brüder oder für Georg Elser. Die Villa Bolz böte Gelegenheit, diese Lücke der Erinnerung zu schließen. Zuletzt sprach sich der Vorsitzende der Stauffenberg-Gesellschaft und frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, für eine solche Gedenkstätte aus: „Dass wir eine würdige Erinnerungsstätte brauchen, steht außer Zweifel“, sagte er unserer Zeitung – gerade mit Blick auf die junge Generation. „Das wäre ein Aushängeschild für Baden-Württemberg.“ Die Erinnerung an den Widerstand gegen Hitler dürfe nicht auf Uniformträger wie Stauffenberg verengt werden, betont Schneiderhan.

Ein breites Bündnis der Unterstützer

Das ungewöhnlich breite Bündnis der Unterstützer. Es reicht von der Stuttgarter CDU bis zu Grünen-Politikern, dem Lern- und Gedenkort Hotel Silber, dem Verein „Für Demokratie – gegen Vergessen“, dem Schwäbischen Heimatbund bis zur Diözese Rottenburg-Stuttgart mit Bischof Gebhard Fürst an der Spitze. Nicht zu vergessen prominente Persönlichkeiten wie der frühere Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU). Oder auch der bekannte Stuttgarter Architekt Roland Ostertag, die Historiker Wolfram Pyta und Gerhard Raff, Rolf Linder vom Freundeskreis des Hauses der Geschichte sowie der Frankfurter Erziehungswissenschaftler und Autor Micha Brumlik, der 2010 als Mentor der Anhörung „Erinnerungsort in Stuttgart“ fungierte. Brumlik fordert die Stadt Stuttgart via „Südwest Presse“ auf, angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen an historischen Orten deutliche Zeichen zu setzen. Die CDU-Landtagsfraktion forderte ebenfalls in dieser Woche, die Villa „als Stätte der Erinnerung und Mahnung mit dem Ziel der politischen Bildung aller Menschen zu erhalten“.

Nach knapp zwei Monaten Diskussion sind die Argumente im Wesentlichen ausgetauscht. Ob die Idee einer Gedenkstätte in der Villa Bolz weiterverfolgt wird oder nicht, soll in Kürze entschieden werden. Und das an höchster Stelle. Die Abwägung, so ist zu hören, wird Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) treffen.

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