Die Stromnetze der Zukunft sollen optimal genutzt werden – vom Erzeuger und Verbraucher. Foto: dpa/Uwe Zucchi

Für Experten sind die Energie- und die Verkehrswende zwei Seiten einer Medaille. Wer wie Deutschland aus der Atom- und Kohlekraft aussteige, müsse andere Nachteile in Kauf nehmen.

Stuttgart - Für manch einen ist es einfach: Der Strom kommt aus der Steckdose, jederzeit und zuverlässig. Wenn es denn so einfach wäre und bliebe: Da ist zum einem die Stromerzeugung, bei der Deutschland als einziges hoch industrialisiertes Land in den nächsten Jahren gleichzeitig aus Atom- und Kohlekraft aussteigt, dann die Speicherung, die angesichts der nicht immer zur Verfügung stehenden regenerativen Energien wie Sonne und Windkrafteine Schlüsselrolle spielt, und schließlich sind da die Stromnetze, die in der Stadt der Zukunft noch komplexer werden als sie es heute sind.

Batterien bleiben wichtig

Das war viel Stoff für eine hochkarätig besetzte Diskussionsrunde mit den Professoren Dietmar Göhlich (Berlin) und Stefan Rinderknecht (Darmstadt), den Wirtschaftsvertretern Roland Matthé (Opel) und Reiner Windbiel (Siemens), Susanne Schmelcher von der Deutschen Energie-Agentur und dem Stuttgarter Elektromeister Rolf Gühring, der nicht nur Kunden Fotovoltaikanlagen auf die Dächer baut, sondern auch seit zwei Jahrzehnten Elektroautos fährt. Einig war sich die von StZ-Titelautor Mirko Weber moderierte Runde, dass Batterien als Speichertechnologien benötigt würden, aber auch andere technologische Lösungen nötig seien und entwickelt würden. Gerade die Koppelung verschiedener Sektoren wie Elektromobilität, dezentrale Stromerzeugung und Wärmegewinnung habe ein enormes Potenzial, sagten Schmelcher und Rinderknecht: „Das ist ökologisch sinnvoll und ökonomisch vertretbar.“ Und Göhlich assistierte: „Energie- und Verkehrswende gehören in der Stadt zusammen.“ Das gelte gerade für städtische Verkehrsbetriebe und große Logistikunternehmen, die ihre Flotten auf Elektroantrieb umstellten, betonte auch Windbiel.

„Veränderung tut weh“

Bei so viel Einigkeit konzentrierten die Energieexperten ihre Energie bald auf einen anderen Punkt: die Einsicht in die Notwendigkeit des Wandels und dessen Folgen. Gühring begegnen bei der Elektromobilität die Vorbehalte, die er vor Jahren bei der Fotovoltaik hörte. „Unsere Generation wird sich fragen lassen müssen, warum wir das wertvolle Öl verbrannt haben“, sagte er. Wer die Energiewende wolle, müsse auch Nachteile wie Speicheranlagen und Stromleitungen in Kauf nehmen, meinte Matthé. „Veränderung kostet etwas und tut weh“, sagte Göhlich. Auch im Geldbeutel: Da müsse auch mal auf kurzfristige Rendite verzichtet werden. Auch die Medien seien gefragt, Herausforderungen und Folgen klar zu benennen.

Intelligente Stromnetze

In diesem Sinn leuchtete auch das von StZ-Lokalchef Jan Sellner moderierte Gespräch über die Stromnetze der Zukunft die Fragestellungen aus. Das Stichwort dafür sind Smart Grids. Darunter versteht man intelligente Stromnetze, die datengestützt Erzeugung, Speicherung, und Verbrauch optimieren und verschiedene Verbraucher und Nutzer zusammenspannen. Sie berücksichtigen nicht nur große Erzeuger, sondern integrieren dezentrale Komponenten – bis hin zu kleinen Fotovoltaikanlagen auf Privathäusern und Batterien in Elektroautos, die als Speicher dienen und dann aufgeladen werden, wenn genügend Strom zu einem günstigen Preis zur Verfügung steht. Mit digitalen Messinstrumenten lässt sich die optimierte Nutzung auf Privathäuser erweitern.

Abschied von Großkraftwerken

Über allem steht die Idee, dass durch die Effizienzsteigerung auch große Städte möglichst unabhängig werden sollen von Energie, die von weit her kommt. „Die Zeit der Großkraftwerke ist vorbei“, sagte Siemens-Manager Windbiel. Auch sein Kollege Alexander Beck von ABB meinte: „Es geht nicht, immer mehr Windanlagen und Kraftwerke zu bauen. Die Stadt der Zukunft sollte es schaffen, so autark wie möglich zu sein.“ Der Weg dorthin sei allerdings lang. „Das ist auf dem streng reglementierten Energiemarkt sehr komplex“, sagte er, erst in 20 Jahren rechnet Beck mit grundlegenden Änderungen.

In Baden-Württemberg soll die vom Umweltministerium geförderte Smart-Grids-Plattform für den Wandel werben. „Wir wollen das Energiesystem umbauen mit einem hohen Anteil an erneuerbaren Energien“, sagte Melanie Peschel von der Plattform. Dieses neue Energiesystem solle partizipativ, vielfältig und vernetzt sein, also für gewerbliche und private Erzeuger und Verbraucher offen stehen, verschiedene Energieformen anbieten und quartiersbezogene Lösungen ermöglichen. „Wir können ganze Straßenzüge zusammenschalten und sie wie ein Kraftwerk betrachten“, sagte Beck.

Beispiel Olgaareal

Wie das konkret aussieht, lässt sich auch in Stuttgart besichtigen: Das neue Quartier Olgaareal erzeugt mit einer Fotovoltaikanlage auf dem Dach seinen Strom selbst. „Dieses Mieterstrommodell ist ein Vorbildprojekt“, sagte Peschel, doch die Umsetzung sei aufgrund der gesetzlichen Vorgaben „sehr kompliziert“. Mehr als 15 000 Vorschriften gebe es im Energierecht, das erschwere smarte Lösungen. „Das muss vereinfacht werden“, sagte Peschel – eine Forderung, die auch von Experten anderer Bereiche an den Konferenztagen immer wieder zu hören war.

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