Seit fünf Jahren kümmere sich das Land ums Thema. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Verkehrsminister Winfried Hermann will, dass mehr Menschen zu Fuß gehen. Doch diese vermeintlich einfache Fortbewegungsart zu fördern, erweist sich als schwierig.

Stuttgart - Alle reden von der neuen Mobilität, aber die Fußgänger befürchten, dass sie unter die Räder kommen: Selbst die „letzte Meile“ soll der Mensch nun mit E-Tretrollern überwinden.

Peter Erben vom Stuttgarter Verein „FUSS e.V“ hat auf der Fachtagung der Grünen-Landtagsfraktion „Was geht? Fußverkehr in Baden-Württemberg“ am Montag ein düsteres Bild der Lage gemalt, wie sie sich selbst in der grün regierten Landeshauptstadt darstellt: „Ladesäulen für Elektroautos werden auf Gehwegen errichtet, Querparken ist noch erlaubt, obwohl Heck oder Front dann auf den Bürgersteig ragen, und die Möblierung unserer Gehwege nimmt zu.“ Gastronomie, Zementsockel fürs Grundwassermanagement, Parkscheinautomaten und Schilder stellen Räume zu, die für Fußgänger frei sein sollten: „Dass Autofahrern mal ein Parkplatz weggenommen wird, ist selten.“ Und dies selbst in Stuttgart, das 2011 der „Charta des Gehens“ beigetreten sei.

1000 neue Zebrastreifen

Allein schon aus Klimaschutzgründen, so der Grünen-Landtagsabgeordnete Hermino Katzenstein, sollte jeder zweite Weg im Land „selbstaktiv“, das heißt zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt werden. Was den Fußverkehr anbelangt, ist sein Anteil nach Einschätzung des Landesverkehrsministeriums allerdings rückläufig, im Durchschnitt beläuft sich sein Anteil an der Zahl aller Wege (nicht die Streckenleistung) auf 21 Prozent – aber die Zielmarke für das Ministerium liegt bei 30 Prozent bis 2030. „In Städten wie Stuttgart, Ulm und Heidelberg haben wir hohe Anteile der Fußgänger am Gesamtverkehr, in kleinen und mittleren Städte haben wir eher Defizite“, berichtete Christoph Erdmenger, Abteilungsleiter Nachhaltige Mobilität im Ministerium. „Wir müssen den Fußverkehr systematisch planen und fördern“, sagte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne).

Seit fünf Jahren kümmere sich das Land ums Thema, das eigentlich Sache der Kommunen sei: mit sogenannten Fußverkehrschecks für Städte und Gemeinden (52 Kommunen machten schon mit), mit einem Projekt für 1000 neue Zebrastreifen in sechs Städten sowie eine bessere Vernetzung in der Politik, etwa die Gründung des Arbeitskreises fahrrad- und fußgängerfreundliche Kommunen.

Erschreckende Unfallstatistik

An die Städte und Gemeinden appellierte der Minister, dem Beispiel von Touristenorten zu folgen und Schilder aufzustellen, die durch Minutenangaben die Distanzen zu fußläufigen Zielen aufzeigen. Der zweite Appell richtete sich an Radfahrer: „Mich erreichen viele Beschwerden über rücksichtslose Radfahrer. Bei denen scheint sich eine Unkultur einzuschleichen: Sie fühlen sich auf der Straße gejagt und nichts wert und übertragen das wohl auf Rad- und Gehwege.“ Dass die Fußgänger die schwächsten Mitglieder in der Verkehrsgemeinschaft sind, zeigt die Statistik: Ausgerechnet die Altersgruppen, die viel laufen, sind oft Unfallopfer: 23 Prozent aller schwer verletzten Fußgänger seien unter 15 Jahren, sagte Hermann, 57 Prozent der bei Straßenunfällen getöteten Fußgänger seien über 65 Jahre alt.

Experten wie die Verkehrsplanerin Juliane Krause plädieren für kommunale Fußverkehrskonzepte. „Der öffentliche Raum ist das Gesicht einer Stadt – aber er ist nicht fair verteilt.“ Gehwege seien schmal und zugeparkt, öffentliche Plätze seien Parkplätze und böten eine geringe Aufenthaltsqualität. Krause forderte ein Gehwegparkverbot, die Abtrennung der Radwege und Tempo 30 in Städten. Gehwege sollten mindestens 2,50 Meter breit sein. Ähnliches hörte man von Uta Bauer vom Institut für Urbanistik, die ein vom Umweltbundesamt vorgestellte Bundesfußverkehrsstrategie beleuchtete. Sie ist für eine Trendwende im Straßenverkehrsrecht: Zur Zeit sei die Maxime, dass der Autoverkehr fließe, „doch alle Verkehrsteilnehmer sollten das gleiche Recht erhalten“.

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