Sie gehen optimistisch ans Werk: Chefarzt Mimoun Azizi, Krankenhaus-Direktor Michael Beier und Klinikverbunds-Chef Alexander Schmidtke (von links) vor dem Leonberger Klinikum. Foto: Simon Granville

Der Neurologe Mimoun Azizi leitet das geriatrische Zentrum im Klinikverbund Südwest. Im Schwerpunktkrankenhaus Leonberg wird eine große Abteilung aufgebaut.

Die ersten Warnzeichen sind selten spektakulär: „Unser Opa isst nicht mehr so viel wie früher“, berichtet eine Frau vom daheim lebenden Großvater. Ein älterer Mann klagt über kurze Nächte. Früher habe er geschlafen wie ein Bär. Ein anderer sitzt nur noch vor dem Fernseher, den Drang nach draußen hat er verloren.

 

Stetige Gewichtsabnahme, zu wenig Schlaf oder mangelnde Bewegung: All das kann im Alter zu erheblichen Problemen führen. Oftmals wurden in der Vergangenheit Senioren mit derartigen Symptomen mit Tabletten behandelt. Eine intensive medizinische Auseinandersetzung mit älteren Patienten war nicht immer gegeben.

In der Region ist gut ein Drittel der Menschen 65 und älter

Auch der Mediziner Mimoun Azizi hat sich oft gefragt: „Es gibt für vieles Fachärzte. Aber warum gibt es keinen Facharzt für ältere Menschen?“ Jetzt ist der 54-Jährige selbst einer. Der Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie leitet seit einem dreiviertel Jahr als Geschäftsführender Chefarzt das Zentrum für Geriatrie und Frührehabilitation im Klinikverbund Südwest. Dieser Fachbereich ist im Entstehen und soll im Umgang mit älteren Patienten ganz neue medizinische Wege eröffnen. Schwerpunkte wird es in Calw und Leonberg geben.

„Jeder Patient soll eine optimale medizinische Betreuung erhalten“

Wie nötig der Ausbau der Altersmedizin ist, beweist ein Blick auf die Zahlen: Fast 20 Millionen Menschen in Deutschland sind 65 Jahre und älter. Das sind 23 Prozent der Gesamtbevölkerung. Nicht viel anders sieht es rund um Stuttgart aus, wo mehr als ein Drittel der Bevölkerung, die magische Zahl 65 erreicht oder überschritten hat. Sowohl bundesweit als auch vor der eigenen Haustür ist die Tendenz steigend.

Auch Kuscheltiere können zum Genesen älterer Menschen beitragen. Foto: dpa

Die Devise von Mimoun Azizi ist ganz einfach: „Jeder Patient soll eine optimale medizinische Betreuung erhalten, egal ob er 20 oder 80 ist. Auch alte Menschen haben einen Anspruch auf Teilhabe und Lebensqualität.“ Und das will der im westfälischen Hagen aufgewachsene Mediziner und Philosoph seinen Patienten mit dem Ansatz „Humanismus, Empathie und Würde“ vermitteln.

Varianten der Behandlung zeigt der Geriatrie-Experte auf, der zuvor in den Uni-Kliniken von Düsseldorf, Essen und Dortmund sowie zuletzt im niedersächsischen Celle tätig war: Die Akutversorgung im konkreten Krankheitsfall, die anschließende Rehabilitation, beides im Krankenhaus, oder die „Reha im Wohnzimmer“, wie er sagt. Hier kommen die Fachleute – Logopäden, Ergotherapeuten oder Psychologen – zu den Patienten nach Hause, um sie dort wieder für den Alltag fit zu machen. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass ein Patient den Wiedereinstieg in den Beruf findet.

Momentan stellt Azizi die geplanten geriatrischen Möglichkeiten bei niedergelassenen Ärzten, Sozialstationen und anderen Hilfseinrichtungen vor. „Viele wissen noch gar nicht, dass es uns gibt und Patienten direkt an uns überwiesen werden können“, sagt der Facharzt. „Auch Angehörige können sich an uns wenden.“ Sie müssten den Patienten dafür zur Zentralen Notaufnahme im Krankenhaus bringen. Die Geriatrie übernehme ihn dann.

„Es geht uns darum, es den Menschen leichter, nicht komplizierter zu machen“, sagt der Chefarzt. „Aber wenn etwas nicht so gut läuft, müssen wir das wissen. Wir sind im Aufbau, holen neue Leute, die eingearbeitet werden müssen und wollen uns erweitern. Bis April 2025 gab es ja überhaupt keine Akutgeriatrie.“

Kunst vor dem Krankenhaus in Leonberg. Foto: Simon Granville

Momentan gibt es in der Leonberger Geriatrie 20 Betten, die noch im ersten Halbjahr 2026 auf 30 erweitert werden. Um das Ziel einer großen Abteilung mit 60 Betten zu erreichen, wird ein Bereich des Erdgeschosses umgebaut. „Durch den Umzug des Zentrums für Psychotherapie in einen Neubau neben der Klinik haben wir Platz gewonnen“, sagt Michael Beier, der Direktor des Leonberger Krankenhauses. „Die Bauarbeiten beginnen noch in diesem Jahr.“

Die Geriatrie soll in Leonberg auch den Standort sichern

In den anderen Häusern des Klinikverbundes gibt es ebenfalls geriatrische Betten. Leonberg soll in dieser Disziplin aber, ähnlich wie das Krankenhaus in Calw, eine herausragende Position bekommen. So ist auch eine Demenzstation geplant. „Gerade die peripheren Häuser sind bestens geeignet für wachsende geriatrische Abteilungen“, meint Klinikdirektor Beier. „Unsere Infrastruktur ist für Altersmedizin perfekt.“

Auch der Geschäftsführer des Klinikverbundes sieht große Perspektiven: „Wir wollen das Thema wirklich etablieren und hochfahren“, sagt Alexander Schmidtke. „Zug um Zug wollen wir die Geriatrie ausbauen, bis wir im Laufe der Jahres 2027 die 60 Betten erreicht haben. Für Leonberg ist das eine wichtige Standortsicherung.“

Azizi: „Selbst ein Alzheimer-Patient ist nicht verloren“

Mimoun Azizi, der im vergangenen Jahr den in Fachkreisen renommierten Medizinpreis „German Medical Award“ in der Hauptkategorie „Patientenzentriert“ gewonnen hat, ist voll des Optimismus: „Wenn es um die Menschen geht, geben wir nicht auf. Selbst ein Alzheimer-Patient ist nicht verloren. Sein Verhalten bei der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahmen und Halluzinationen können wir behandeln. Man kann immer etwas machen.“

Kontakt für Fragen

E-Mail
Der Chefarzt des Zentrums für Altersmedizin ist unter der E-Mail-Adresse m.azizi@klinikverbund.suedwest.de zu erreichen.

Mobil
Die Handynummer von Mimoun Azizi lautet 0176 / 55 376 167.