Die Ökumenische Familienbildungsstätte Esslingen (FBS) ist Vergangenheit. Die Zukunft gehört dem „Haus der Kirche“, meinen Werner Kemmler, Elvira Postic und Dekan Bernd Weißenborn (von links). Foto: Roberto Bulgrin

Eine Ära ging zu Ende: Im Dezember 2023 ist die Ökumenische Familienbildungsstätte Esslingen geschlossen worden. Nun soll neues Leben in die ehemaligen Räumlichkeiten in der Berliner Straße 27 einziehen.

Es war ein sehr emotionaler Abschied. Viele Esslinger haben mit der Ökumenischen Familienbildungsstätte (FBS) positive Erinnerungen an Geburtsvorbereitungskurse, Veranstaltungen für Familien oder Seminare verbunden. Doch zum Jahresende 2023 hatte die evangelische Kirche als Trägerin die Einrichtung in der Berliner Straße aus Kostengründen und wegen sinkender Teilnehmerzahlen geschlossen. Nun soll neues Leben in die alten FBS-Räumlichkeiten einkehren: Das Dekanat und weitere kirchliche Einrichtungen werden im Jahresverlauf in die Berliner Straße umziehen.

 

Arm wie eine Kirchenmaus ist die evangelische Gesamtkirchengemeinde mit dem Einzugsbereich Esslingen ohne den Stadtteil Berkheim nicht. Aber der Mitgliederschwund führe zu rückläufigen Steuereinnahmen und damit zu einer schwierigen finanziellen Situation, werden Kirchenvertreter nicht müde zu betonen. Werner Kemmler von der kirchlichen Stabsstelle Strategie und Verwaltung legt die Zahlen auf den Tisch: 2014 hatte die Gesamtkirchengemeinde Esslingen noch gut 25 000 Mitglieder. 2024 waren es nur noch etwa 19 000 Gläubige. Ein Minus von 6000 Personen innerhalb von zehn Jahren – die Hälfte dieser Menschen sei verstorben, die anderen 50 Prozent seien ausgetreten.

Die Ökumenische Familienbildungsstätte in Esslingen ist endgültig Geschichte. Foto: Roberto /Bulgrin

Auch die Zahl der hauptamtlichen Pfarrstellen werde abnehmen, so Werner Kemmler. Nach dem neuen Pfarrplan sollen die bisherigen 14,25 Stellen bis zum Jahr 2030 auf dann noch neun Seelsorger gesenkt werden. Angesichts dieser Zahlen müsse sich die Kirche inhaltlich, strukturell und räumlich anders aufstellen, ergänzt der scheidende Dekan Bernd Weißenborn: „Wir können das Geld nicht nur in Steine investieren.“ Etwa 80 Gebäude seien innerhalb des Esslinger Stadtgebietes ohne Berkheim im Besitz der evangelischen Kirche. Der Immobilienbestand müsse neu geordnet, Gebäude teilweise abgegeben werden.

„Haus der Kirche“ statt FBS in Esslingen

Die ehemaligen Räumlichkeiten der Ökumenischen Familienbildungsstätte bleiben erhalten. Für sie steht das Konzept. In das Otto-Riethmüller-Haus in der Berliner Straße 27 am Rand der Esslinger Altstadt sollen Dienstleistungen, Gremien und Mitarbeiter der evangelischen Kirche einziehen. Ein „Haus der Kirche“ soll hier entstehen. Das Dekanat mit dem Nachfolger oder der Nachfolgerin von Bernd Weißenborn wird vom jetzigen Standort in der Augustinerstraße in die Berliner Straße verlagert. Untergebracht werden in den Räumen nach bisheriger Planung auch das Gemeindebüro der Stadtkirche, die Stabsstelle Sozialpädagogik und die Kindergartenfachberatung.

Die Vertretung der etwa 900 Mitarbeitenden im Kirchenbezirk Esslingen hat ihren Sitz bereits vom Beblinger Gemeindehaus bei der Frauenkirche in die Berliner Straße verlagert. Auch eine musikalische Note soll das „Haus der Kirche“ erhalten: Uwe Schüssler, der Bezirkskantor an der evangelischen Stadtkirche St. Dionys, werde in den Ruhestand gehen, so Dekan Bernd Weißenborn. Er hatte sein Büro bisher bei sich zuhause gehabt. Sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin werde ein Zimmer in der Berliner Straße bekommen. Die Küche im Erdgeschoss des Gebäudes bleibt erhalten, ein Wartebereich und ein großer Mehrzweckraum etwa für Besprechungen und Veranstaltungen sollen entstehen.

Beblinger Gemeindehaus wird aufgegeben

Die Zukunft der Räumlichkeiten in der Augustinerstraße als bisherigem Dekanatssitz ist laut Bernd Weißenborn noch nicht abschließend geklärt. Das Beblinger Gemeindehaus als bisheriger Standort der Mitarbeitervertretung werde aufgegeben und wohl verkauft. Die katholische Kirchengemeinde habe zugesagt, dass der Salemer Pfleghof ebenfalls in der Nähe der Frauenkirche mitbenutzt werden könne.

Die FBS ist Vergangenheit. Die Zukunft soll dem „Haus der Kirche“ gehören. Der neue Standort biete viele Vorteile, meint Bernd Weißenborn. Er sei zentraler innerhalb der Innenstadt gelegen, die Wege zu anderen kirchlichen Einrichtungen wie dem Jugendwerk seien kürzer: „Hier haben wir alles an einem Ort.“ Barrierefreiheit sei in der Berliner Straße gewährleistet, ergänzt Elvira Postic als Vorsitzende der Gesamtkirchengemeinde, und alle Büros würden im Erdgeschoss untergebracht.

Die Räumlichkeiten seien repräsentativer und besser mit dem öffentlichen Nahverkehr erreichbar. Für die anstehende Fusion der Kirchenbezirke Bernhausen und Esslingen würde zudem ein größeres Raumangebot benötigt, das in der Berliner Straße vorhanden sei. Ganz wird die FBS, einstmals eine fest etablierte Esslinger Institution, aber nicht beerdigt. Zwei Angebote konnten laut Weißenborn erhalten werden: In der Berliner Straße werde noch immer ein Mittagstisch für junge Familien und „Wellcome“ als Unterstützung für Familien abgehalten.

Die ökumenische Familienbildungsstätte

FBS
Die Ökumenische Familienbildungsstätte (FBS) in Esslingen war aus der im Jahr 1929 gegründeten evangelischen Mütterschule hervorgegangen. In einem jährlich im November erscheinenden Programmheft wurden Veranstaltungen, Seminare und Kurse zu Themen wie Sport, Gesundheit, Ernährung, Kreativität und Geburt angeboten.

Schließung
Die FBS war zum Jahresende 2023 geschlossen worden. Als ein Grund wurden sinkende Teilnehmerzahlen genannt. Krabbelkurse, Mutter-Kind-Kurse oder Erste-Hilfe-Kurse würden nicht mehr so stark nachgefragt und auch von anderen Anbietern auf die Beine gestellt. Die Menschen wollten sich nicht mehr längerfristig etwa durch die Teilnahme an einem halbjährigen Kurs festlegen, hatte es von Kirchenseite geheißen. Der Rückgang der Zuschüsse, Verluste während der Corona-Jahre, steigende Kosten etwa durch die Inflation und ein immer größer werdendes Minus seien nicht mehr zu tragen, so die Begründung.