Zukunft der Arbeitswelt "Erst kommt der Beruf, dann das Private"

Von Anne Guhlich 

In wenigen Jahren müssen wir unser Privatleben dem Beruf unterordnen, auch Teilzeitkräfte.

Stuttgart - In Zukunft werden alle, die bei Kräften sind, arbeiten müssen. Unser Privatleben werden wir dem Beruf unterordnen müssen. Und trotzdem wird das Wirtschaftswachstum nicht größer sein als ein Prozent. So sieht Kai Gramke von der Prognos AG die Zukunft. Warum er sie gut findet, sagt er im Interview.

 Herr Gramke, wurden Sie von Ihren Freunden schon oft als Spaßbremse bezeichnet?

Gramke: Nein.

Im Moment sind Sie es aber. Alle anderen feiern den Aufschwung. Sie nicht.

Stimmt. Wir jubeln nicht. Dafür hat die Prognos AG während der Krise den Abschwung auch nicht schlimmer eingeschätzt, als er sich nachher herausgestellt hat. Wir konnten praktisch an unserer ursprünglichen Prognose festhalten. Andere haben von minus sieben Prozent gesprochen. Wir sind also etwas konservativer in unseren Prognosen, dafür aber realistischer. Man kann das humorlos nennen.

Wem soll ich glauben?

Wenn es um die aktuelle Entwicklung der Konjunktur geht, können Sie ruhig denen glauben, die von großen Wachstumsraten sprechen. Aber glauben Sie nicht denjenigen, die uns ein Jahrzehnt des Aufschwungs versprechen.

Warum nicht?

Wir haben noch lange nicht das Vorkrisenniveau erreicht. Was uns jetzt als XL-Aufschwung verkauft wird, ist nichts anderes als Aufholen.

Wann sind wir damit fertig?

Voraussichtlich im Jahr 2012. Der momentane Aufschwung ist nur ein paar Ländern geschuldet. China etwa. Ein gewisses Risiko bleibt also. Viele unserer traditionellen Handelspartner sind auch mittelfristig mit der Überwindung der Krise beschäftigt.

Haben wir in 25 Jahren weniger oder mehr Geld in der Tasche?

Im Durchschnitt mehr. Unser Wohlstand nimmt zu. Wenn Sie das zukünftige Wachstum gleichmäßig verteilen, dann hätte jeder Einwohner Deutschlands bis 2035 pro Jahr rund 370 Euro mehr Realeinkommen.

Wo ist dann das Problem?

Wir werden uns als reiche Volkswirtschaft an niedrigere Wachstumsraten gewöhnen müssen, also an ein durchschnittliches Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von lediglich einem Prozent. Der wachstumsbeschränkende Faktor ist die schrumpfende Bevölkerung.

Inwiefern?

Es gibt drei Elemente, die das Wirtschaftswachstum beeinflussen: Arbeit, Kapital, Produktivität. Was Kapitalbestand und Produktivitätsentwicklung angeht, sind wir optimistisch. Anders sieht es bei der Bevölkerung aus, die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter geht zurück. Der Anteil schrumpft um knapp neun Millionen. Das sind 17 Prozent.

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