In wenigen Jahren müssen wir unser Privatleben dem Beruf unterordnen, auch Teilzeitkräfte.

Stuttgart - In Zukunft werden alle, die bei Kräften sind, arbeiten müssen. Unser Privatleben werden wir dem Beruf unterordnen müssen. Und trotzdem wird das Wirtschaftswachstum nicht größer sein als ein Prozent. So sieht Kai Gramke von der Prognos AG die Zukunft. Warum er sie gut findet, sagt er im Interview.

 Herr Gramke, wurden Sie von Ihren Freunden schon oft als Spaßbremse bezeichnet?

Gramke: Nein.

Im Moment sind Sie es aber. Alle anderen feiern den Aufschwung. Sie nicht.

Stimmt. Wir jubeln nicht. Dafür hat die Prognos AG während der Krise den Abschwung auch nicht schlimmer eingeschätzt, als er sich nachher herausgestellt hat. Wir konnten praktisch an unserer ursprünglichen Prognose festhalten. Andere haben von minus sieben Prozent gesprochen. Wir sind also etwas konservativer in unseren Prognosen, dafür aber realistischer. Man kann das humorlos nennen.

Wem soll ich glauben?

Wenn es um die aktuelle Entwicklung der Konjunktur geht, können Sie ruhig denen glauben, die von großen Wachstumsraten sprechen. Aber glauben Sie nicht denjenigen, die uns ein Jahrzehnt des Aufschwungs versprechen.

Warum nicht?

Wir haben noch lange nicht das Vorkrisenniveau erreicht. Was uns jetzt als XL-Aufschwung verkauft wird, ist nichts anderes als Aufholen.

Wann sind wir damit fertig?

Voraussichtlich im Jahr 2012. Der momentane Aufschwung ist nur ein paar Ländern geschuldet. China etwa. Ein gewisses Risiko bleibt also. Viele unserer traditionellen Handelspartner sind auch mittelfristig mit der Überwindung der Krise beschäftigt.

Haben wir in 25 Jahren weniger oder mehr Geld in der Tasche?

Im Durchschnitt mehr. Unser Wohlstand nimmt zu. Wenn Sie das zukünftige Wachstum gleichmäßig verteilen, dann hätte jeder Einwohner Deutschlands bis 2035 pro Jahr rund 370 Euro mehr Realeinkommen.

Wo ist dann das Problem?

Wir werden uns als reiche Volkswirtschaft an niedrigere Wachstumsraten gewöhnen müssen, also an ein durchschnittliches Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von lediglich einem Prozent. Der wachstumsbeschränkende Faktor ist die schrumpfende Bevölkerung.

Inwiefern?

Es gibt drei Elemente, die das Wirtschaftswachstum beeinflussen: Arbeit, Kapital, Produktivität. Was Kapitalbestand und Produktivitätsentwicklung angeht, sind wir optimistisch. Anders sieht es bei der Bevölkerung aus, die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter geht zurück. Der Anteil schrumpft um knapp neun Millionen. Das sind 17 Prozent.

Die Belastung wird erträglicher sein

Was bedeutet das für die verbliebenen Menschen im erwerbsfähigen Alter?

Trotz der überdurchschnittlichen Investitionsquote und überdurchschnittlichen Produktivitätserwartungen werden wir unser Arbeitsvolumen wegen des Rückgangs nicht halten können. Das führt zu dem besagten Wachstum von lediglich einem Prozent. Und dieses eine Prozent erreichen wir nur, weil wir praktisch von allen, die arbeiten können, erwarten, dass sie das auch tun.

Erwartet uns ein unmenschlichen System?

Nein. Und die Belastungen werden für den Einzelnen erträglicher sein, als wenn wir diese Arbeitskräfte nicht bekommen. Denn dann bewegen wir uns auf eine riesige Fachkräftelücke zu.

Tun wir das nicht ohnehin?

Die Herausforderung Fachkräftemangel ist noch beherrschbar. Wenn wir es aber nicht schaffen, die fehlenden Leute zu aktivieren, halbiert sich unser Wachstum, liegt nur noch bei 0,5 Prozent. Und dann geraten wir in eine Situation, in dem unser soziales Sicherungssystem und unser gesellschaftlicher Zusammenhalt in Frage gestellt werden. Wir werden in 25 Jahren in einer Gesellschaft leben, in der wir vieles der Arbeit unterordnen. Erst kommt der Beruf, dann das Private. Wenn wir das nicht wollen, müssen wir uns von liebgewonnen Errungenschaften und gesellschaftlichen Erwartungen verabschieden. Wenn wir nicht wachsen, können wir niemandem mehr geben, ohne dass es einem anderen weggenommen wird. Das heißt, dass sich beispielsweise der Verteilungsspielraum zwischen den weniger werdenden Erwerbstätigen und der wachsenden Zahl von Rentnern oder Pflegebedürftigen verengt.

Wie wird die Herausforderung Fachkräftemangel beherrschbar?

Wir müssen an verschiedenen Punkten gleichzeitig ansetzen, verstärkte Bildungs- und Weiterbildungsanstrengungen, eine höhere Erwerbsbeteiligung und mehr Zuwanderung mit entsprechenden Integrationsansätzen. Das sind keine Alternativen, sondern wir müssen alles parallel machen. Die Umsetzung ist natürlich schwierig, wenn man heute noch ungestraft sagen kann, dass wir keine Zuwanderer brauchen, solange wir Arbeitslose haben. Ich bin gespannt, wie das letzte noch fehlende Handlungsfeld gesellschaftlich und politisch diskutiert werden wird: eine längere Arbeitszeit. Wir erwarten, dass diejenigen, deren Qualifikation wir benötigen, zukünftig mehr arbeiten.

Wie soll das gehen?

Das heißt nicht, dass die gut Qualifizierten mehr als 40 Stunden arbeiten sollen oder dass wir alle das Arbeitspensum eines Oberarztes erreichen müssen. Es geht darum, dass Teilzeitbeschäftigte ein bisschen länger arbeiten. Wir gehen in unseren Berechnungen davon aus, dass Beschäftigte mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 20 Stunden maximal vier Stunden mehr arbeiten. Das betrifft vor allem Frauen, und das entspricht in vielen Fällen ihren Wünschen. Viele warten nur auf die richtige Flankierung, etwa durch eine passende Kinderbetreuung. Außerdem muss das Renteneintrittsalter erhöht werden, was im Übrigen die Rentenkasse entlastet.

Das heißt?

Die Rente ab 67 ist dringend notwendig. In den letzten Jahrzehnten mündete die gestiegene Lebenserwartung in eine Verlängerung der Rentenbezugsdauer anstatt in angemessener Weise auch die Beitragszeiten zu verlängern. Hier stimmt die Balance nicht mehr. Im Übrigen ist die Rente mit 67 nicht neu. Zu Bismarcks Zeiten hatten die Arbeiter erst mit Vollendung des 70. Lebensjahres Anspruch auf Rente. Allerdings haben viele damals das 70. Lebensalter gar nicht erreicht, insofern stimmte auch damals die Balance nicht.

Wie werden sich die übrigen Sozialabgaben entwickeln?

Unser kleinstes Problem wird die Arbeitslosenversicherung sein. Die Arbeitslosigkeit wird auf ungefähr zwei Millionen sinken. Für die Beiträge der Pflegeversicherung dagegen gibt es nur eine Richtung: nach oben. Die Anzahl der Pflegebedürftigen wird dramatisch zunehmen, und wenn sich überhaupt jemand bereiterklärt, die Pflegeaufgaben zu übernehmen, müssen wir ihn auch dementsprechend bezahlen.

Herr Gramke, sind Sie sicher, dass Sie keine Spaßbremse sind?

Das wird eine gute Zukunft. Deutschland wird mit seinen Menschen und seinen Produkten am Weltmarkt bestehen können, und wir werden unseren Wohlstand mehren. Aber wir werden mehr arbeiten müssen, sonst können wir unsere Leistungsfähigkeit als Gesellschaft nicht aufrecht erhalten. Unsere Prognose ist durchaus positiv, aber nicht überschwänglich, sondern realistisch. Und damit es so kommt, wie wir das erwarten, muss noch an ein paar Stellschrauben gedreht werden.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: