Zum Haareraufen fand eine Ludwigsburgerin die Ludwigsburg-Umfrage. Foto: gms/dpa

Geldverschwendung, Zeitverschwendung und keinerlei Erkenntnisgewinn – so lauten die Vorwürfe einer Ludwigsburgerin, die sich an der Online-Umfrage beteiligt hat.

Annette Schneider (Name geändert) gehört zu den 10 000 Menschen, die per Zufall aus dem Einwohnermelderegister ausgewählt wurden, um an der Ludwigsburg-Umfrage teilzunehmen. Die lief bis Mitte November und soll laut Stadtverwaltung „die Bevölkerung an den Entwicklungen der Stadt beteiligen“ – so steht es jedenfalls auf der Homepage der Stadt Ludwigsburg. Dort ist auch zu lesen: „Die Ergebnisse der repräsentativen Umfrage dienen der Politik und der Verwaltung als Informationsbasis für Planungen und Entscheidungen.“

 

Annette Schneider hat sich deshalb rund eine halbe Stunde Zeit genommen und gewissenhaft alle Fragen beantwortet. Allerdings haben sich ihr, während sie sich durch den Online-Fragebogen geklickt hat, immer mehr Zweifel und Fragen aufgetan. Und zwar so viele, dass sie den Sinn einer solchen Umfrage infrage stellt. Weil sie wegen der Verbindung von Teilnahmecode und ihrer Adresse auf dem Anschreiben an der zugesicherten Anonymität zweifelt, hat uns die Ludwigsburgerin gebeten, im Artikel ihren Namen zu ändern.

Äpfel mit Birnen verglichen

Bei den meisten Fragen, so Schneider, habe sie wegen der Undifferenziertheit der Fragen die Antwortmöglichkeit „teils – teils“ ausgewählt. „Was soll man denn beispielsweise anklicken bei Aussagen zur eigenen Wohngegend wie ‚Die Leute hier helfen sich gegenseitig‘ oder ‚Hier gibt es häufig Konflikte zwischen den Nachbarn‘?“, fragt Schneider. In der Oststadt gebe es ganz unterschiedliche Gebiete.

„Wie will man das Schlösslesfeld mit der Friedrichstraße vergleichen, wie Einfamilienhäuser mit großen Wohnblocks, in denen Menschen aus vielen verschiedenen Nationen leben?“ Mit anderen Worten: Eine brauchbare Erkenntnis für die Stadtverwaltung dürfte nach der Auswertung, die durch die Evangelische Hochschule Ludwigsburg durchgeführt wird, kaum herauskommen.

Beeinflussung durch Fragestellung?

Bei einem weiteren Punkt findet die Oststädterin „die Art, so zu fragen, schwierig“. Die Frage lautete: „Inwieweit stimmen Sie den nachfolgenden Aussagen über Ludwigsburg zu?“ Die Antwortmöglichkeiten reichten von „stimme voll und ganz zu“ bis zu „stimme überhaupt nicht zu“ und „weiß nicht/keine Angabe“.

Und die Aussagen? Sollten wohl überwiegend für ein positives Bild von Stadt und Verwaltung sorgen: „Es ist leicht, in Ludwigsburg eine vernünftige Wohnung zu einem guten Preis zu finden“, „Ausländerinnen und Ausländer, die in Ludwigsburg leben, sind gut integriert“, „Wenn man sich an die Stadtverwaltung in Ludwigsburg wendet, wird einem schnell und unkompliziert geholfen“ oder „Ludwigsburg ist eine saubere Stadt“. Zehn Aussagen sind es insgesamt, nur zwei davon laden mit ihrer negativen Formulierung zu Kritik ein: „Luftverschmutzung ist ein großes Problem in Ludwigsburg“ und „Lärm ist ein großes Problem in Ludwigsburg“.

Laut Auskunft einer Stadtsprecherin hat Oberbürgermeister Matthias Knecht den diesmaligen inhaltlichen Schwerpunkt der Umfrage, Sport und Kultur, festgelegt. Die Anfrage, wer für die anderen Fragestellungen verantwortlich ist, blieb unbeantwortet.

Fazit: Das bringt ja sowieso nichts

Was Schneider ebenfalls an der Umfrage ärgert: Die Antwortmöglichkeiten beim abgefragten Haushaltstyp seien „völlig daneben“ gewesen. „In Deutschland lebt in den meisten Haushalten nur eine Person. Als Antwortmöglichkeiten waren aber Paare mit und ohne Kinder, Alleinerziehende und sogar WGs vorgegeben – Einpersonenhaushalte wurden nicht genannt, sondern konnten nur als ‚andere Haushaltsform oder Mischform‘ angekreuzt werden.“

Da frage man sich schon, wie weit die Fragesteller eigentlich von der Realität entfernt seien, sagt Schneider. Und schließlich: Nur ganz am Schluss habe es die Möglichkeit gegeben, selbst etwas mitzuteilen. „Und dafür stand nur sehr wenig Raum zur Verfügung. Aber zu dem Zeitpunkt war ich ohnehin völlig entnervt und dachte mir: Das bringt ja sowieso nichts“, so die Ludwigsburgerin resigniert.

Aus ihrer Sicht ist die Umfrage rausgeschmissenes Geld. „Da wäre es sinnvoller, einige Menschen zu einem persönlichen Gespräch einzuladen“, meint sie. „Dann wüsste man wirklich, was den Leuten in Ludwigsburg auf den Nägeln brennt, und könnte etwas verändern. Aber vielleicht will man das ja gar nicht und nur das Gefühl vermitteln, unsere Meinung sei wichtig.“

Der Umgang der Stadtverwaltung Ludwigsburg mit Umfragen wirkte bereits in der Vergangenheit fragwürdig: Bei einer früheren Umfrage war beispielsweise herausgekommen, dass die Bürger mehrheitlich keine weiteren Baugebiete und Nachverdichtung wollen. Diese Zeitung hakte nach, warum trotzdem immer mehr gebaut wird – und Baubürgermeisterin Andrea Schwarz entgegnete: „Dann hat man vielleicht falsch gefragt. Würde man fragen: ‚Wollen Sie, dass Ihre Kinder auch in Zukunft noch in Ludwigsburg wohnen können?‘, sähe die Antwort bestimmt positiv aus.“