Es ist die im wahrsten Sinne des Wortes größte Bewegung der Stadt: 200 000 Stuttgarter sind Mitglied in Sportvereinen. Doch es gibt zu wenig Sportflächen. Immerhin müht man sich, baut nun mehr Hallen als eigentlich geplant. Ein Überblick.
Stuttgart - Die Not ist groß. Mindestens 30 Sport- und Turnhallen fehlen in Stuttgart. Nur um den jetzigen Bedarf zu decken. Im Haushaltsentwurf von OB Fritz Kuhn und Kämmerer Thomas Fuhrmann spielte dies allerdings keine Rolle. Doch die Stadträte grätschten dazwischen, gaben Geld für den Neubau einiger Hallen. Ein Überblick.
Wie ist die Ausgangslage?
Das Sportamt der Stadt Stuttgart hat untersucht, ob den Sportlern genügend Sportstätten zur Verfügung stehen. Die kurze Antwort: Nein! Vor allem Hallen fehlen. Es gibt in Stuttgart 36 Sporthallen, 117 Turnhallen und 49 Gymnastikhallen. Um dieses Angebot dem Bedarf der Vereine gegenüberzustellen, rechnet man in Übungseinheiten. Je nach Größe der Halle sind das zwischen 0,5 und 3 Übungseinheiten. So lässt sich errechnen, welche Flächen fehlen. Beim Schulsport fehlen keine Kapazitäten. Beim Vereinssport hingegen ist der Bedarf nur zu 75 Prozent gedeckt.
Was sagt die Analyse?
Nun sagt der Wert von 75 Prozent für die gesamte Stadt nicht viel aus. So hat man die Untersuchung aufgeschlüsselt nach Stadtbezirken. Besonders mau sieht es aus in Mitte mit 34 Prozent, Birkach mit 43,5 Prozent, Plieningen, Süd und Möhringen mit gut 60 Prozent und Bad Cannstatt mit 67 Prozent. Besonders hart trifft der Mangel die Kinder und Jugendlichen. Von den Zehn- bis 14-Jährigen Stuttgartern sind sage und schreibe 74 Prozent Mitglieder in Sportvereinen. Für sie reicht das Angebot erst recht nicht. Viele Vereine müssen Kinder ablehnen, weil die Infrastruktur nicht reicht. Bis 17 Uhr nutzen die Schulen die Hallen, allerspätestens um 20 Uhr muss für Kinder- und Jugendliche Schluss sein. Und allzuweite Wege kann man ihnen nicht zumuten. Einem Kind aus Birkach hilft es nicht, wenn es auf der anderen Seite der Stadt in Münster Hallenzeiten gibt.
Was sagen die Vereine?
Der Sportkreis ist der Interessenvertreter und das Sprachrohr der 200 Stuttgarter Sportvereine. Er trommelt seit Jahren für „mehr Räume und Flächen“. Vorstand Fred-Jürgen Stradinger: „Die Gesellschaft weist dem Sport vielerlei Aufgaben zu.“ Gesundheit, Bewegung, Integration, Inklusion etwa. „Dem stellen wir uns auch gerne“, sagt er, „aber dann brauchen wir auch Hallenzeiten, um Angebote machen zu können.“ Man brauche Sofortmaßnahmen und perspektivisch ein Hallenkonzept. Immerhin, die Stadträte hätten bei den Haushaltsberatungen, den Sport nicht nur „angehört, sondern auch erhört“.
Was geschieht nun?
Anders als von der Verwaltung geplant, öffneten die Stadträte die Stadtkasse. Die Sportvereinigung Feuerbach wird für 3,3 Millionen Euro ihr Vereinszentrum Vitadrom erweitern. Mehrere Kursräume sollen in einem Anbau entstehen, aber auch außen ein Sportboulevard mit Boulebahn, Slackline und Boulderwand. Die Stadt gibt 1,54 Millionen Euro hinzu. Der MTV Stuttgart baut am Kräherwald für sieben Millionen Euro zwei Turnhallen auf seinem Vereinsgelände, der städtische Zuschuss, beträgt 4,9 Millionen Euro. Der TV Cannstatt erweitert seinen Baseballpark und baut eine Sport-und Gymnastikhalle für 6,5 Millionen Euro. Die Stadt zahlt davon 4,96 Millionen Euro. Alle drei Vereine bauen selbst, stellen aber der Stadt Flächen für Schul- und Kitasport zur Verfügung. So steigen die städtischen Zuschüsse von 40 Prozent bis auf 90 Prozent für manche Bauabschnitte.
Und sonst?
Das Kunstturnforum in Bad Cannstatt wird um eine Trampolinhalle erweitert. Der TV Stammheim bekommt 120 000 Euro an Planungsmitteln, weil er Ersatz für seine abgebrannte Turn- und Versammlungshalle braucht. Auch die Squash-Insel bekommt 140 000 Euro Planungsmittel für den Neubau eines Squash-Zentrums im Neckarpark. Die Sportkultur will eine Halle in Hedelfingen neu bauen, dafür gibt es Planungsmittel in Höhe von 400 000 Euro. Die Sportkultur ist ja ein junger Zusammenschluss der Vereine SKG Hedelfingen, SKV Rohracker, TV Hedelfingen und VfL Wangen. Um die Fusion mit Leben zu füllen, brauchen sie nun auch ein Vereinszentrum, für einen Neubau gibt es einen Zuschuss von 200 000 Euro.
Was sind Frischlufthallen?
Wie der Name schon sagt, wird es in diesen Hallen frisch. Es handelt sich im Prinzip um ein Kleinspielfeld mit Dach. An den Seiten sind keine Wände, sondern Ballfangnetze. So eine Halle soll 2021 in Vaihingen gebaut werden. Sie kostet 450 000 Euro und könnte als Blaupause dienen. Etwa für die Waldebene Ost, wo sich gerade mehrere Vereine zusammengeschlossen haben.
Was wird fertig?
Diesen Sommer soll die Ballspielhalle in Degerloch eingeweiht werden. An der Eichendorffschule in Bad Cannstatt wird derzeit eine neue Halle gebaut. Ende 2021 könnte die neue Sporthalle an der Fasanenhofschule fertig sein. Die zeigt übrigens beispielhaft, wie lange es dauert, neue Infrastruktur zu bauen: 2011 gab es die erste Machbarkeitsstudie, 2015 wurde ein Entwurf gekrönt, 2019 fasste der Gemeinderat den Baubeschluss.
Was bringt die Zukunft?
Große Hoffnungen setzt man in das Sportzentrum Q 22 im Neckarpark. Dort sollen rund 19 Millionen Euro verbaut werden, 9,2 Millionen Euro für eine zweiteilbare Halle, 5,5 Millionen für ein Judo-Leistungszentrum und 4,2 Millionen für eine Beachhalle. Baubeginn ist frühestens Ende dieses Jahres. Für eine Halle in Birkach stellt man immerhin schon einmal 90 000 Euro Planungskosten bereit.
Wird dann alles gut?
Laut Berechnung des Sportamtes sieht es nicht so aus. Für die nächsten Jahre kündigen die städtischen Statistiker einen historischen Höchststand bei der Einwohnerzahl an – 649 000 im Jahre 2030. Damit wäre der Bedarf zu noch 71,6 Prozent gedeckt, es fehlen dann 91 Übungseinheiten, also mindestens 30 große Hallen. Durch Neubauten wie im Neckarpark wird dies gemildert. Allerdings soll auch die Zahl der Kinder und Jugendlichen um zehn Prozent zunehmen, das wären 8100 unter 15-Jährige mehr als im Jahr 2017. Und die drängen erfahrungsgemäß in die Sportvereine. Zudem steigt die Zahl der fitten Senioren, die bis ins hohe Alter hinein Sport treiben wollen. Deshalb soll die Verwaltung eine Hallenkonzeption 2030 erarbeiten, 600 000 Euro pro Jahr sollen zur Verfügung stehen für Untersuchungen von Standorten, Machbarkeitsstudien und Planungen.