Nicht zuletzt im Baugewerbe sind viele Kräfte aus dem östlichen Mitteleuropa und aus Südosteuropa in Baden-Württemberg tätig. Foto: dpa

Einst kamen zahlreiche Arbeitskräfte aus den östlichen Ländern Europas in den wirtschaftlich starken Südwesten. Nun kehren viele Migranten wieder in ihre alte Heimat zurück.

Stuttgart - Wenn Mirco Babic (Name geändert) von der Arbeit nach Hause geht, macht er einen kurzen Stopp am Strand. Dort schwimmt er ein, zwei Runden, genießt ein Weilchen die Sonne, riecht das Meer, hört den Möwen zu und fährt dann heim. In Stuttgart hat er das vermisst. In der Hoffnung auf ein besseres Leben zog er als ausgebildeter Handwerker nach Süddeutschland und verdiente dort sein Geld auf Baustellen. „Wenn ich aber Miete, Nebenkosten, Lebensmittel, Fahrtkosten abzog, blieb vom Lohn nicht viel übrig“, erzählt er. Nach zwei Jahren verließ er Stuttgart und ging wieder zurück nach Kroatien, wo er bei der Firma eines Verwandten einen Job bekam. „In meiner Branche sind jetzt gute Leute sehr gesucht. Und ganz ehrlich: man kann hier auch gut verdienen“, sagt er.

Studie der internationalen Immobiliengesellschaft Colliers

Auch andere entscheiden sich wie Mirco Babic. Einer Studie der internationalen Immobiliengesellschaft Colliers zufolge steigt die Zahl derer, die einst unter anderem Polen, Ungarn oder Slowenien für Jobs und Perspektiven in wirtschaftlichprosperierende Regionen in Westeuropa verließen – und nun in ihre Heimat nach Ost-, Mittel- und Südosteuropa zurückgehen. Angesichts der vielen Rückkehrer spricht Colliers deshalb von einem „Arbeitskräfte-Boomerang“. „Wir glauben, dass die Migrationswellen aus Osteuropa den Höhepunkt erreicht haben und dass Arbeiter nun wieder zurück gehen“, schreiben die Autoren.

Die Zeichen dafür treten langsam aber deutlich hervor: Seit 2010 ist die Abwanderung in neun von elf der früheren Ostblock-Staaten gefallen. Zwar kommen immer noch mehr Menschen aus dem Osten nach Deutschland als Menschen dorthin auswandern. Aber die Tendenz weist in die andere Richtung. So nahm laut dem statistischen Bundesamt in Wiesbaden die Zahl der Polen in Deutschland im vergangenen Jahr um etwa 42 000 zu, vier Jahre zuvor waren es noch 77 000 gewesen. Für Ungarn nahm die Saldo-Zuwanderung nach Deutschland im selben Zeitraum um die Hälfte ab und lag im vergangenen Jahr bei etwa 14 000.

Bessere Lebensbedingungen

Warum immer weniger Menschen in den Westen wollen und viele auch in ihre Heimat im Osten zurück kehren, dafür spricht vor allem eines: Bessere Lebensbedingungen. Denn die Ost-Länder haben sich seit dem Beitritt zur Europäischen Union Anfang der 2000er Jahre gewandelt, vielerorts unterscheidet sich das Lebensniveau kaum von dem, was im Westen Standard ist. Arbeit gibt es jetzt genug. In Rumänien und Polen liegt die Arbeitslosigkeit laut Eurostat bei etwa fünf Prozent, in Tschechien sogar bei drei Prozent – weniger als in Deutschland. 73 Prozent der Handwerksunternehmen in Ungarn sagen, dass sie keine passenden Mitarbeiter finden. Das lässt Löhne steigen: In Ungarn stiegen Gehälter innerhalb eines Jahres um 15 Prozent, in Kroatien in den vergangenen zwei Jahren um mehr als zehn Prozent. Wohnungen hingegen sind deutlich günstiger als im Westen: In Prag kostet der Quadradmeter etwa die Hälfte von dem, was man in Stuttgart bezahlt. Colliers zufolge sei es daher wahrscheinlich, dass die Welle der Rückkehrer in den Osten erst beginnt.

Das ist keine guten Nachricht für Betriebe aus dem deutschen Südwesten, die heute schon erheblich unter dem Fachkräftemangel leiden. Viele sind auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. „Wir können auf Gäste verzichten, auf Mitarbeiter aus dem Ausland verzichten können wir nicht“, sagt ein Sprecher des Gastronomie-Verbands in Baden-Württemberg. Fast 40 Prozent aller Arbeitnehmer in Hotels und Kneipen haben im Südwesten keinen deutschen Pass. Viele kommen aus der Balkanregion und dem östlichen Mitteleuropa. Das selbe Bild gibt es in der Pflege. Dort stellen Polen die größte Gruppe ausländischer Arbeitskräfte. „Natürlich wäre es für Altenheime und Krankenhäuser ein erheblicher Brain-Drain, wenn viele Polen jetzt in ihre Heimat zurück gehen“, so eine Sprecherin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBFK).

Unternehmen müssen sich teilweise neu aufstellen

„Manche Unternehmen werden sich in Zukunft neu aufstellen müssen“, sagt Oliver Kreh, Osteuropa-Experte der IHK Baden-Württemberg. Den möglichen Verlust von Arbeitnehmern aus dem Osten vermutet er vor allem in körperlich-intensiven Branchen, wie Pflege, Bau oder Handwerk. Davon kaum betroffen wären Dienstleister oder hoch spezialisierte Fachkräfte wie Juristen oder IT-Experten. „Firmen werden sich, wenn sie das nicht schon heute machen, auch außerhalb von Europa nach Fachkräften umschauen müssen“, so Kreh.

Daneben müsse das Arbeitsangebot auf dem heimischen Markt den Bedürfnissen der Arbeitnehmer angepasst werden: flexible Arbeitszeitmodelle, altersgerechtes Arbeiten und eine gezielte Suche nach Auszubildenden müssten auch in kleineren Betrieben Einzug halten. In Zukunft ist es vorstellbar, dass nicht Arbeitnehmer dahin zögen, wo Arbeit ist, sondern Firmen sich dort ansiedelten, wo es Arbeiter gibt. Das sei schon heute so. Wenn VW in Osteuropa Fabriken eröffne dann dort, wo es gut ausgebildete Fachkräfte gibt, erklärt der IHK-Experte. „Tschechien oder Polen sind schon seit geraumer Zeit keine Armenhäuser Europas mehr. Auch sie konkurrieren heute um die besten Köpfe.“

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