Edvin Revazov tanzt als Gast in Stuttgart. In „Anna Karenina“ spielt er an der Seite von Miriam Kacerova die Rolle des Grafen Wronski, die John Neumeier mit ihm gestaltete. Foto: Stuttgarter Ballett

Für den Tänzer Edvin Revazov war nationale Identität zweitrangig, bis der Krieg in der Ukraine ausbrach. Mit dem Hamburger Kammerballett engagiert er sich für geflüchtete Kollegen.

Der Hamburger Solist Edvin Revazov gastiert für insgesamt zwei Vorstellungen beim Stuttgarter Ballett. An diesem Donnerstag tanzt er in „Anna Karenina“ letztmals den Liebhaber der Titelfigur. Die Rolle des Grafen Wronski wurde ihm auf den Leib choreografiert, John Neumeier hat die Figur 2017 mit dem Deutsch-Ukrainer entwickelt, bei der Übernahme des Stücks durchs Bolschoi-Ballett im Jahr darauf war Revazov als Assistent an der Einstudierung in Moskau beteiligt.

 

Diese russisch-ukrainische Begegnung wirkt im Rückblick wie ein weit entferntes Ereignis. Seit Februar 2022 befinden sich die beiden Länder im Krieg, damit hat sich auch für Edvin Revazov viel verändert. Zum Beispiel die Frage der eigenen Identität.

Edvin Revazov kommt in Sevastopol auf die Welt

Dem 1983 in Sevastopol geborenen Tänzer, seit 2003 Mitglied des Hamburger Ballett, war selbst nach dem Zusammenbruch der UdSSR nationale Identität nicht so wichtig, wie er beim Gespräch in einem Stuttgarter Ballettsaal beschreibt. „Ich war in erster Linie Künstler, der Tanz ist wie eine eigene Nationalität. Tänzer können sich ohne Worte in der Sprache ihrer Kunst sehr schnell verstehen. So wurde meine Identität als Ukrainer erst durch den Krieg überhaupt wichtig für mich“, sagt Edvin Revazov.

Edvin Revazov Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Nach dem Angriff auf sein Heimatland war ihm schnell klar, dass er ein Projekt zur Unterstützung ukrainischer Kolleginnen und Kollegen starten wollte, die vom Krieg betroffen sind. „Ich bin ein Macher und muss etwas tun; meine Meinung auf Facebook zu teilen, reicht mir nicht“, sagt Edvin Revazov. So kam es, dass er mit der Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard Kontakt aufnahm und mit ihrer Unterstützung sowie der seines Hamburger Ballettchefs John Neumeier zwei Aufführungen mit ukrainischen Geflüchteten realisierte. 2023 folgte dann die Gründung des Hamburger Kammerballetts (HKB), das derzeit seinen sechs ukrainischen Mitgliedern eine Art Exil und eine neue künstlerische Heimat bietet.

Die Sorge um zurückgebliebene Angehörige stresst

Neben einer Einladung zum Noverre-Abend 2024, bei dem Edvin Revazov die kleine Kompanie in seinem Stück „Unbound“ vorstellte, stemmte das HKB in der vergangenen Saison sieben Premieren, tanzte in diesem Jahr in der Elbphilharmonie, in der Schweiz, in Italien und Brasilien, durfte sich über Preise freuen. Doch der weiter andauernde Krieg drückt auf die Stimmung; nicht alle Tänzer aus den Anfangstagen sind noch mit dabei. „Tänzer zu sein ist ein Beruf, der mit Stress zu tun hat; jede Aufführung verstärkt ihn“, sagt Edvin Revazov. Geflüchtete müssten aber durch den Verlust von Heimat und die Sorge um zurückgebliebene Angehörige zusätzlich viel Stress aushalten. „Den einen hilft es, intensiv in den Tanz einzutauchen, für andere ist die Stress-Dosis zu hoch und sie haben sich für Umschulungen entschieden“, sagt Edvin Revazov.

Die sechs aktuellen Mitglieder des HKB dürfen sich über viel Unterstützung und eine stabile Situation freuen. Die privat finanzierte Kompanie sorgt durch ihrer Förderer für Unter- und Einkünfte; das Hamburger Ballett bietet Trainings- und Probemöglichkeiten; Kollegen Revazovs helfen als Assistenten und Solisten aus; Choreografen wie Marco Goecke, John Neumeier, Paul Lightfoot und Sol León stellen Ballette kostenfrei zur Verfügung.

HBK in Chemnitz zu Gast

Wer das HKB in Aktion sehen möchte, hat am 21. November in Chemnitz Gelegenheit dazu. Das Programm der europäischen Kulturhauptstadt bringt im Staatstheater das Chemnitzer Ballett, das Ballett am Rhein und das Hamburger Kammerballett gemeinsam auf die Bühne.

Edvin Revazov wird für den Chemnitzer Abend die Uraufführung „Distant Light“ schaffen, ein Titel, der die Hoffnung als fernes Licht aufglimmen lässt. In seinem Stück „Freedom Unbound“, das mit Thomas Hampson und dem Orchester der Wiener Akademie realisiert wurde, ging es vor dem Hintergrund des Prometheus-Mythos um Freiheit und Menschlichkeit. „Manche sind bereit, dafür ihr Leben zu opfern, andere nicht. Dürfen sie deshalb verurteilt werden?“, benennt Edvin Revazov die Frage, die ihn umtrieb.

Edvin Revazov setzt Zeichen mit seinem Engagement für Geflüchtete

Wichtig ist ihm als Choreograf aber auch, Themen jenseits des Ukraine-Kriegs aufzugreifen. „Wir wollen schließlich die Gesellschaft spiegeln, in der wir leben“, sagt er. „Und für die Tänzer ist es ebenfalls wichtig, sich mit anderen Stoffen zu beschäftigen.“ Mit Frank Wedekinds „Lulu“ zum Beispiel, deren verzweifelt nach Liebe suchender Charakter Edvin Revazov schon lange faszinierte.

Mit seinem Engagement für Geflüchtete will er ein Zeichen setzen. Die neue Kompanie steht für ihn auch für die erneuernde Kraft der Kunst – mehr als 50 ukrainische Künstlerinnen und Künstler wurden bislang unterstützt. „Sie sind eine große Bereicherung“, sagt Revazov. „Es wäre doch dumm, dieses ganze Talent einfach wegzuwerfen.“

Termin
Edvin Revazov, Erster Solist des Hamburger Balletts, tanzt am 23. Oktober nochmals den Wronski in „Anna Karenina“ mit dem Stuttgarter Ballett an der Seite von Miriam Kacerova. Am 24. Oktober übernimmt sein Hamburger Kollege Jacopo Bellussi den Part, Elisa Badenes tanzt die Hauptrolle.