Im winzigen Wolfegg-Alttann im Kreis Ravensburg steht das einzige Haus, das der Architekt Richard Herre je gebaut hat. Einblicke in ein Anwesen, das so viele Geschichten erzählt, wie die Fabrikanten-Villa Wandfarben hat.
Wolfegg - Versteckt zwischen unscheinbaren Mehrfamilienhäusern ist im tiefsten Allgäu ein Bauhaus-Ufo gelandet. Im winzigen Städtchen Wolfegg (3700 Einwohner) im Kreis Ravensburg, genauer gesagt im noch winzigeren Wolfegger Ortsteil Alttann (919 Einwohner), wirkt es so, als wäre ein Teil der Weißenhofsiedlung vom Stuttgarter Killesberg in ein Voralpen-Idyll verpflanzt worden, das man so an dieser Stelle nicht erwartet hätte.
Umrahmt wird die architektonische Unbekannte durch ein beinahe unwirklich pittoreskes Setting, wie gecastet für einen Werbespot, in dem der Begriff Idyll dem Betrachter mit dem Holzhammer eingetrichtert wird: Die Kirchenglocken läuten, die Vögel zwitschern, die Frühlingssonne scheint, der Blick reicht bis zu den Schweizer Alpen.
Eine Pappel liefert den Soundtrack der Heimeligkeit
Hinter einer mächtigen Pappel, die den Soundtrack der Heimeligkeit um eine weitere Nuance ergänzt, erhebt sich ein klares, herrlich sachliches Baudenkmal, 1930 fertiggestellt nach den Plänen des Stuttgarter Architekten Richard Herre, gebaut für den Maler Willi Sauerländer. Herre setzt in Wolfegg-Alttann seinen einzigen Hochbauentwurf um – und was für einen. Von außen frei nach Roy Black: „Ganz in Weiß, so siehst du in meinen Bauhaus-Träumen aus“, ist das Innenleben des Baudenkmals farbenfroh. Jedes Zimmer ist in einem anderen Farbton gehalten. Das Treppenhaus in Grün, der Flur Pastell, das Wohnzimmer mit einem wuchtigen roten Teppich ausgestattet, der mitsamt der Wandfarbe in der Polstermöblierung aufgegriffen wird. Die Schrankwand im Schlafzimmer – im ganzen Haus finden sich unzählige Einbauschränke, um Platz zu sparen – ist ockerfarben. In der herrschaftlichen Schlafstube herrscht Gleichberechtigung: Auf jeder Seite des Bettes findet sich ein Safe sowie ein Knopf, um die Angestellten rufen zu können: Frühstück ans Bett auf dem Ausziehbrett – frühmorgens war die Moderne im Allgäu noch in Ordnung.
Knöpfe für die herrschaftliche Kommunikation mit dem Personal finden sich genauso wie Bakelit-Lichtschalter in jedem Zimmer. Im Flur im Erdgeschoss befindet sich ein Kästchen, in dem die Bediensteten nachschauen konnten, von welchem Zimmer aus geläutet wurde: Das entsprechend beschriftete Kärtchen schnellte in die Höhe. So ging Smarthome vor 90 Jahren.
Sauerländers Fabrik hatte mehr als 100 Angestellte
Das Haus Sauerländer erzählt jede Menge Geschichten. Zum einen natürlich die von Richard Herre. Herre, geboren 1885, gestorben 1959, war viel mehr als nur Architekt. Er arbeitete als Designer, Typograf und Übersetzer – unter anderem für Le Corbusier. Herre war mit Oskar Schlemmer und Willi Baumeister eng befreundet, Teil der Avantgarde und gestaltete so die Moderne in Stuttgart mit. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern brachte er die Werkbund-Ausstellung „Die Wohnung“ und damit die Weißenhofsiedlung auf dem Stuttgarter Killesberg mit auf den Weg.
Bauherr Willi Sauerländer wiederum war erst impressionistischer Maler, gab seine Passion dann aber von einem auf den anderen Tag auf, um Teppiche zu gestalten und produzieren zu lassen. Dieses Kapitel seines Lebens funktioniert wie ein Vorgriff auf die Globalisierung: Die „Allgäuer Handwebteppiche Sauerländer & Co.“ wurden bis nach Amerika verkauft. Sauerländers Fabrik hatte mehr als 100 Angestellte, da durfte die zum wirtschaftlichen Erfolg passende Fabrikanten-Terrassen-Villa natürlich nicht fehlen.
Ein haus wie eine Zeitkapsel, die im Allgäu gelandet ist
Das Wohnzimmer der Villa ist das Herzstück der im Allgäu gelandeten architektonischen Zeitkapsel. Das üppig bestückte Bücherregal zeigt: Der Bauherr war ein Anhänger der klassischen Literatur. Henrik Ibsens gesammelte Werke finden sich neben Tolstois „Krieg und Frieden“, Dostojewski steht nicht weit entfernt von Hans Fallada.
„Man kann sich bildlich vorstellen, wie Sauerländer und Herre, wie wir jetzt, hier saßen und viel Spaß miteinander hatten, wenn sie über Farben und Formen diskutierten“, sagt Florian Hinteregger. Hinteregger ist Sauerländers Enkel und der heutige Besitzer des Hauses. Als Chronist des Anwesens hat er viele weitere Geschichten des besonderen Anwesens auf Lager: Im Zweiten Weltkrieg sei das Haus in Tarnfarbe gestrichen gewesen, die SS habe hier gehaust. Nach Kriegsende habe der Chef der Bodenseeflotte – Friedrichshafen ist nur 45 Minuten mit dem Auto entfernt – im Haus Sauerländer gewohnt – inklusive eigenem Koch. Später hat der bekannte Kunsthistoriker Willibald Sauerländer hier seine Bücher geschrieben. Auf dem Schreibtisch von Florian Hintereggers Onkel steht noch immer seine Schreibmaschine, dazu ein Schädel, der scheinbar zur Inspiration diente.
Architekt Richard Herre ist der Großvater von Max Herre
Dass das Haus etwas Museales hat, kommt nicht von ungefähr. Florian Hinteregger hat in seiner Kindheit unbeschwerte Tage in Wolfegg-Alttann verlebt. Heute lebt er in Schwabing, und wer einmal in Münchens Boheme-Stadtteil heimisch geworden ist, kann einem inoffiziellen Kulturgesetz zufolge nicht mehr anderswohin verpflanzt werden. Das Haus Sauerländer wird also nur noch punktuell wohnlich genutzt. Eine Zeit lang hatte Hinteregger das Anwesen sogar auf dem freien Markt angeboten, ein Käufer fand sich aber nicht. Heute hofft der 56-Jährige auf die Unterstützung des Denkmalamtes. Er träumt davon, das Haus als ein Kulturerbe bespielen zu lassen. Vielleicht als ein Ort, an dem Stipendiaten sich der Architektur-Geschichte nähern? So könnte das Anwesen, dem man die Jahre von außen etwas ansieht – der Putz bröckelt an einigen Stellen –, wunderbar funktionieren.
Das findet auch Max Herre, der Enkel von Richard Herre. Max Herre wurde mit seiner Band Freundeskreis bekannt, sein Vater Frank hat eine kürzlich zu Ende gegangene Ausstellung über Richard Herre im Stadtpalais – Museum für Stuttgart kuratiert. Im Sommer soll es ein Gipfeltreffen der Sauerländer- und Herre-Enkel geben, auf der Terrasse des Bauhaus-Ufos in Alttann. Begleitet vom Rauschen der Pappel und dem Läuten der nahen Kirchenglocken wird dann nicht nur in die Schweizer Alpen, sondern auch in die Zukunft des historischen Anwesens im Allgäu geblickt.