Zu Besuch bei einem Skihelm-Hersteller. Wir haben für Sie hinter die Kulissen geschaut. Foto: StN

80 Prozent der Skifahrer tragen inzwischen Helm – weil sie schützen und sehr komfortabel sind. Wir haben hinter die Kulissen bei einem großen Hersteller geschaut.

Chamerau - Zutaten mischen, in eine Form gießen, erhitzen, abkühlen lassen: Es ist ein bisschen wie Kuchen backen, was da hinter einer dicken Glasscheibe bei Uvex passiert. Nun hat sich die Firma aber nicht mit der Herstellung von Gebäck einen Namen gemacht, sondern mit Sportartikeln. Und so plumpst am Ende des Fließbands kein Kuchen aus der Form, sondern die weiße Hartschale eines Skihelms. Zusammen mit einer eingeklebten Styroporschale soll der Kopfschutz später ­dafür sorgen, dass die ­Beschleunigung, die bei einem Sturz auf das Gehirn wirkt, ­abgebremst wird.

Doch so schnell lässt sich ein Skihelm nicht backen. „Es braucht noch 15 weitere Arbeitsschritte, bis ein Helm fertig ist für die Piste, die meisten sind Handarbeit“, sagt Matthias Ebeling, Produktionsleiter bei Uvex. Da auf diese Weise nur etwa 1000 Helme pro Tag das Werk verlassen, wird rund ums Jahr für den Wintersport produziert.

Denn die Nachfrage nach Skihelmen ist in den letzen Jahren rasant gewachsen. Während im Jahr 2008 noch die Hälfte der Skifahrer oben ohne fuhr, waren es ein Jahr später wegen des schweren Unfalls des ehemaligen thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus bereits 70 Prozent. In der aktuellen Saison dürften durch den Sturz des Formel-1-Weltmeisters Michael Schumacher noch einmal zehn Prozent hinzugekommen sein, schätzt Andreas König, ­Sicherheitsexperte beim Deutschen Skiverband.

Nur bequeme und optisch ansprechende Helme werden auch getragen

Ein Metallwagen hat die weißen Hartschalen inzwischen eine Halle weiter gebracht. Der aufdringliche Geruch nach Farbe und Lösungsmitteln bringt die Mitarbeiterin am Maltisch nicht aus der Ruhe. Mit einem Pinsel zeichnet sie sorgfältig winzige Blüten auf den Helm. Im Nebenraum werden bunte Plastikfolien mit Wasser befeuchtet und als sportliche Streifen auf die Stirnseite geklebt. Parallel zur Kante, ohne Falten, von Hand.

„Die Helme müssen den Trägern gefallen, sonst zieht sie keiner gern auf“, sagt Alexander Selch, Geschäftsführer bei Uvex. Weshalb für ihn die Optik eine ähnlich wichtige Rolle spielt wie die Entwicklung möglichst leichter Materialien oder eine noch bessere Belüftung. „Damit kann man den Menschen viel mehr Lust auf das Tragen eines Helms machen als mit einer gesetzlichen Pflicht“, glaubt Selch.

Und so sitzen in der nächsten Halle ­mehrere Dutzend Mitarbeiter am Fließband, fischen sich einen vorbeifahrenden Helm ­herunter und kleben sorgfältig Ohrenschützer und gepolsterte Kinngurte in die ­Schalen. „Die modernen Helme sind viel ­bequemer als kratzende Wollmützen und halten den Wind besser ab“, findet ­Produktionsleiter Matthias Ebeling.

Wie sich ein Helm beim Sturz verhält wird in Tests simuliert

Endlos steigern aber lässt sich der Tragekomfort nicht. Dafür sorgt die Fallsäule einen Raum weiter. Mit einem lauten Knall schlägt ein fertiger Skihelm aus zwei Meter Höhe senkrecht und mit 20 Stundenkilometern auf eine Metallplatte auf. Eine Kugel darin stellt den menschlichen Kopf dar. Sie ist mit Sensoren gespickt, weshalb beim nächsten Knall auf dem nebenstehenden Computer jede Menge Zahlen auftauchen. Sie verraten, welcher Belastung das Gehirn bei diesem nachempfundenen Sturz ­ausgesetzt ist.

„Jeder Skihelm, der in Deutschland ­verkauft, wird, muss die Sicherheitsnorm EN 1077 erfüllen“, sagt Alexander Selch. Neben der Dämpfung wird geprüft, ob die Schale des Helms spitze Gegenstände wie Skistöcke oder Steine abhält, ob das ­Gurtband unterm Kinn fest sitzt und sich der Helm nicht zu leicht abstreifen lässt.

Festgelegt werden diese Kriterien durch ein Normierungsgremium, in dem Mediziner, Hersteller und Prüfexperten sitzen. Zwar gibt es die Norm bereits seit 1995. „Es wird aber laufend geprüft, ob sie noch zu Skimodellen, Fahrverhalten, Pisten und den höheren Geschwindigkeiten passt, die Kunstschnee hervorbringt“, sagt Thomas Oberst vom Tüv Süd. Auch dort werden die Skihelme noch einmal einer neutralen Prüfung unterzogen.

Im Klimaschrank werden die Helme künstlich gealtert

Immer wieder diskutiert das Gremium auch darüber, ob in Skihelmen künftig mehr Dämmmaterial verarbeitet werden sollte. „Das Problem ist, dass die Helme dadurch vielleicht besser gegen ein Schädel-Hirn-Trauma schützen würden. Gleichzeitig werden sie aber auch schwerer, könnten bei Unfällen zu einem Genickbruch führen und sind nicht mehr so komfortabel zu tragen“, sagt DSV-Sicherheitsexperte Andreas König. Man müsse deshalb immer einen Kompromiss finden zwischen Sicherheit und Praxistauglichkeit. Und Uvex-Geschäftsführer Selch sagt: „ Auch beim Auto ist eine Knautschzone endlich.“

Nachdem die Skihelme in der Fallsäule ihre Knautschzone unter Beweis stellen mussten, steht ein weiterer Belastungstest an: der Klimaschrank. Hinter dicken Glasscheiben liegen mehrere Helme auf backblechähnlichen Brettern. Drei Wochen lang wird das Material nun mit Hilfe von Temperaturen zwischen Sonnenhitze und Gletscherkälte künstlich gealtert. „So wissen wir, dass ein Skihelm nach etwa fünf Jahren ausgetauscht gehört, weil unsichtbare Risse im Material die Schutzfunktion beeinträchtigen können“, sagt Alexander Selch.

Selbst wenn irgendwann alle Skifahrer auf der Piste einen Helm tragen, muss der Geschäftsführer sich also keine allzu großen Sorgen um seine ­Verkaufszahlen machen. Dafür sorgen seit Jahren ohnehin eher die Fahrradhelme, die Uvex ebenfalls herstellt. „Während sich die Skifahrer inzwischen vorbildlich­ verhalten, tragen nur zehn ­Prozent der Erwachsenen in Deutschland einen Fahrradhelm. ­Dabei sind Geschwindigkeit und Verletzungsrisiko hier ­ähnlich wie auf der Skipiste.“

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