Ein seltener Moment der Innigkeit zwischen zwei Überlebenden (Justin Chu Cary und Jaime King) Foto: Netflix

Den vielen Zombieseuchen fügt Netflix eine weitere hinzu: „Black Summer“. Auch hier werden Menschen zu Bestien, und im Nu bricht die Zivilisation zusammen.

Stuttgart - Nichts ist so sicher wie die Zukunft – könnte man jedenfalls meinen, wenn man wieder mal über eine der vielen Varianten der Zombieapokalypse stolpert. Der Streamingdienst Netflix, sonst durch sein Streben nach originellen Eigenproduktionen profiliert, hat gerade eine weitere Serie über die Verwandlung von Menschen in tollwütig um sich beißende Bestien gestartet: „Black Summer“. Das Ganze stammt von den Machern der Zombieserie „Z Nation“, spielt im selben Universum, beginnt aber zu einem früheren Zeitpunkt. Von „The walking Dead“ gibt es ja bereits seit 2015 solch einen Ableger mit dem Titel „Fear the walking Dead“.

Rasende Bestien

Wir werden in „Black Summer“ mitten hineingeworfen in eine Vorstadt in Panik und Auflösung. Gerade fahren die letzten Evakuierungslaster des Militärs an, zurück bleiben viele Pechvögel, Infektionsverdächtige, Plünderer und andere Kriminelle sowie jede Menge rasender Bestien, die Schüsse wegstecken wie Fingerstupser und allenfalls durch Zerstörung ihres Schädels aufzuhalten sind. Verschiedene Grüppchen von Überlebenden werden gezeigt, deren Wege sich mehr oder weniger fatal kreuzen, aber die Situation wird nicht mehr lange begründet und detailreich hergeleitet. Der Zivilisationskollaps ist eine mittlerweile selbsterklärende Szenerie, wie ein Megastau auf der Autobahn oder der Strandurlaub einer Familie.

Hier wird gerannt und gekämpft, paktiert und misstraut, geholfen und getrickst, gekreischt und gestorben. Auf die einzelnen Charaktere kommt es in „Black Summer“ nicht mehr an, die Spannung resultiert allein aus einem perversen statistischen Interesse. Es geht Szene um Szene um die Frage, ob in solch einer verzweifelten Lage die Quote des Menschen-machen-Menschen-zur-Beute-Verhaltens bei vollen einhundert Prozent aller Interaktionen liegt – oder vielleicht doch ein klein wenig darunter.

Endzeit als Hintergrundmusik

Man kann das alles als Drückebergerei und Dürftigkeit abtun, als Versuch der Showrunner John Hyams und Karl Schaefer, mit der geringstmöglichen kreativen Anstrengung, aber sauberen Produktionsstandards den offenbar noch immer nicht gesättigten Markt der Zombiefreunde zu bedienen: die Serie als endzeitgrollende Hintergrundmusik für Menschen, die sich gerade mit dem Smartphone, der Hauskatze oder der Nagelschere beschäftigen.

Aber vielleicht liegt in der Geschäftsmäßigkeit des Untergangsgemäldes, in der Sofortigkeit des Zusammenbruchs der Wertesysteme, in der opportunistischen Brutalität vieler Figuren die gar nicht besser ausdrückbare Botschaft des Zombieseuchen-Genres. Aus Serien wie „Black Summer“ grinst ein schon völlig abgestumpfter Pessimismus bitter heraus. Eine tiefe Übereinkunft scheint Erzähler und Zuschauer zu einen: Es kann so nicht weitergehen wie bisher mit unserem Wohlstand, unseren Konflikten, unseren Komfortzonen und unseren Krisen. Also scheint die Kamera sich an den apokalyptischen Zuständen zu laben: Endlich hat der Kampf aller gegen aller in der Ellbogengesellschaft seine vielen Masken abgelegt. Die Figuren müssen mit Zähnen, Klauen und Schusswaffen ums Überleben kämpfen. Aber sie dürfen es auch.

Verfügbarkeit: Beim Streamingdienst Netflix, alle acht Folgen bereits abrufbar

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