Zeigt zwei Gesichter: Der Ehemann in der Tanzszene „Draußen und drinnen“ Foto: Heiss/Lichtgut

Zivilcourage zu zeigen erfordert Mut und Überwindung. Und in gefährlichen Situationen Vorsicht. Beim Aktionstag im Rathaus haben sich die Teilnehmer in Workshops dem Thema gewidmet. Polizeipräsident Franz Lutz fordert eine „Kultur des Hinschauens“.

Stuttgart - Die Botschaft von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) im Großen Sitzungssaal des Rathauses war deutlich. „Häusliche Gewalt war lange ein Tabuthema, darüber zu reden ist ein erster Schritt, das Tabu aufzubrechen“, sagte Kuhn am Samstag bei der von der Bosch-Stiftung geförderten Veranstaltung.

Das Stadtoberhaupt forderte die rund 100 anwesenden Bürgerinnen und Bürger am Aktionstag „Zivilcourage – Nein zu Beziehungsgewalt“ gerade auf, genauer hinzuschauen, als ein junger Mann im Publikum plötzlich eine junge Frau bedrohte. Erst verbal und dann auch körperlich. Kuhn unterbrach seine Rede, eilte zu dem Paar, blieb zwei Meter vor ihm stehen, nahm eine breite Körpersprache ein und redete ruhig auf den Mann ein. Die Frau konnte sich währenddessen zurückziehen. Es war eine gestellte Szene mit zwei Schauspielern. „So kann Zivilcourage in der Praxis funktionieren, indem man versucht, das Opfer aus der Situation rauszuholen“, sagt Ralf Bongartz, Trainer für Zivilcourage und Konfliktmanagement, in seinem Vortrag.

Ein beklemmendes Gefühl hinterließ bei den Anwesenden auch die Tanzszene „Draußen und drinnen“ unter der Choreografie von Eric Gauthier. Draußen der liebevolle Ehemann, drinnen der brutale Schläger, der erst nach dem Eingreifen des Nachbarn realisiert, was er tut. Unter Zivilcourage versteht Bongartz den sozialen Mut, dort einzugreifen, wo Unrecht geschieht. In der Theorie teilen die meisten Bürger diesen Ansatz. In der Praxis aber fragt sich der eine oder andere, ob er die Situation nicht verschlimmert oder sich selbst gefährdet. „Viele Menschen haben den Fall von Dominik Brunner und Tugçe im Kopf“, sagt Ralf Bongartz. Deren Eingreifen für andere endete tödlich.

Bongartz (53) war 20 Jahre lang bei der Kriminalpolizei, ermittelte bei Sexualstraftaten und Tötungsdelikten. Er empfiehlt Zeugen, erst einmal stehen zu bleiben, zu beobachten und einzuschätzen. „Dann kann man andere ansprechen, Teams bilden und fragen, ob jemand Hilfe braucht, oder die Polizei anrufen“, sagt der Konfliktexperte. In München sprang zum Beispiel ein 15-jähriges Mädchen einem bereits Bewusstlosen, auf dessen Schädel eingetreten wurde, zu Hilfe. Es nahm seinen Kopf in den Schoß. „Das hatte einen Zündeffekt auf andere, die schließlich das Mädchen und den Verletzten schützten“, sagt Bongartz. Dagmar Ströbel-Monzer hat dieser Vortrag sehr geholfen. „Er hat mir gezeigt, dass man immer etwas tun kann. Das gilt auch bei häuslicher Gewalt“, sagt die Stuttgarterin.

Stuttgarts Polizeipräsident Franz Lutz berichtete von 485 bekannten Fällen häuslicher Gewalt, bei denen die Polizei in Stuttgart 2014 eingreifen musste. „Wir müssen eine Kultur des Hinschauens fördern, bei der sich der Bürger selbst nicht gefährdet“, ­appelliert der Polizeichef. Viele Nachbarn wollten sich nicht einmischen, weil sie das gute Verhältnis nicht gefährden wollten und darauf hofften, dass sich die Konflikte von selbst lösten. „Ich weiß jetzt, dass man bei einem Verdacht aktiv werden muss“, sagt Hildegard Dötzauer.

Mit der Präventionsmaßnahme „Hinsehen – Erkennen – Handeln“ will die Botschafterin des Projekts, Waltraud Ulshöfer, vor allem Kindern und Jugendlichen aus betroffenen Familien zeigen, dass man Konflikte auch gewaltfrei lösen kann. „Gewalt hört nie von selbst auf“, sagt Waltraud Ulshöfer. Ein wichtiger Teil des Aktionstages war auch die Veranstaltung Gewalt in Teenagerbeziehungen. Viele Beziehungsmuster werden früh gebildet. Täter werden oft wieder Täter, Opfer suchen sich wieder Täter aus. „Wir wollen diesen Gewaltkreislauf durchbrechen“, sagt Iris Enchelmaier von der Beratungsstelle Frauen helfen Frauen.

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