Kai Schlauch ist Polizist und weiß, dass es gefährlich ist, einen flüchtigen Täter zu stellen. Trotzdem rennt der 27-Jährige einem Mann im Ausnahmezustand hinterher. Was war passiert?
Eigentlich hatte Kai Schlauch ganz andere Pläne für diesen einen Abend Ende August des vergangenen Jahres. Er wollte nach dem Spätdienst schnell heimfahren, weil er mit seiner Freundin zu einer Geburtstagsparty eingeladen war. Auf diese Party ist das Paar am Abend auch noch gegangen, aber deutlich später als geplant und auch erst, nachdem sich die Laune seiner Freundin nach seinem verspäteten Eintreffen wieder ein bisschen gebessert hatte. „Erst komme ich zu spät, und dann musste sie sich noch anhören, dass ich mich in Gefahr gebracht habe. Da war sie verständlicherweise erst mal etwas sauer“, sagt Kai Schlauch.
Der 27-Jährige kann sich noch genau an die damaligen Umstände erinnern. Sein Dienst im Polizeirevier Backnang war gegen 20 Uhr beendet, und er stieg in sein Auto, um nach Schwäbisch Hall zu fahren, dort wohnt er. Im Kopf hatte er dabei immer noch den Fall, der ihn an diesem Tag beschäftigt hatte. Am Mittag war er mit Kollegen bei einem Einsatz in einer Wohnung gewesen, in der ein Mann seine Ehefrau geschlagen und danach Suizid angedroht haben soll. „Der Mann war mit einem Messer flüchtig, wir hatten eine Personenbeschreibung herausgegeben, und es war ein Hubschrauber im Einsatz.“
Für seine Zivilcourage wird Kai Schlauch geehrt
Weil aber nicht diese Kollegen aus der Luft den Flüchtigen schlussendlich finden und dingfest machen konnten, sondern Kai Schlauch das ganz alleine im Feierabend erledigte und sich dabei in Gefahr brachte, wurde er für sein Handeln und seine Zivilcourage nun von der Initiative Sicherer Landkreis ausgezeichnet. „In Anerkennung Ihrer Verdienste für die Sicherheit im Rems-Murr-Kreis“, heißt es auf der Urkunde. „Damit hätte ich überhaupt nicht gerechnet. Das freut einen natürlich schon. Ein Kollege hat einen wohl ganz netten Bericht über den Vorfall geschrieben, und dann kam die Mitteilung, dass ich ausgezeichnet werde, und es gab noch einen Tag Sonderurlaub obendrauf.“
Also ein Tag mehr, an dem der junge Polizist sich beim Spaziergang mit seinem Hund oder beim Sport entspannen kann. Dass er auch bei privaten Unternehmungen immer mit einem Auge Polizist bleibt und Personen und Umgebungen scannt, hat im Fall des flüchtigen Täters wohl den entscheidenden Unterschied gemacht. „Es klappt eigentlich schon, dass ich abschalte, wenn Feierabend ist, aber ein paar Verhaltensweisen behält man eben doch bei.“ Er würde es wieder tun, also versuchen, den Mann auf eigene Faust zu erwischen, denn es sei einfach wichtig, dass man mit offenen Augen durch die Welt gehe und nicht jeder nur nach sich schaue, sagt der Mann, der immer schon Polizist werden wollte und im Jahr 2023 im Streifendienst im Polizeirevier Backnang angefangen hat. „Es ist toll, dass durch die Auszeichnung eine größere Wertschätzung für Zivilcourage erreicht wird.“
Aber zurück zu diesem Abend Ende August gegen 20 Uhr. Es dämmerte langsam und Kai Schlauch fuhr die Strecke Richtung Schwäbisch Hall, als er einen Mann am Straßenrand entdeckte, auf den die Beschreibung des Flüchtigen vom Mittag passte. „Es war instinktiv. Ich wusste sofort vom Gefühl und von Größe und Haarfarbe, dass das der gesuchte Mann ist.“ Also wendete der Polizist sein Auto, gab der Freundin telefonisch Bescheid, dass es später werden würde, parkte am Straßenrand und näherte sich dem Mann. Er habe erst mal nur Small Talk gemacht und sich dann den Namen bestätigen lassen. „Der Mann war sichtlich irritiert und neben der Spur. Ich hatte zivile Kleidung an, und er wirkte eher überfordert, aber als ich dann erzählt habe, dass ich nachmittags bei ihm in der Wohnung war und von den Vorfällen weiß, rannte er weg.“
Und Kai Schlauch? Der informierte seine Kollegen und rannte hinterher. Etwa einen Kilometer lang, immer mit einem Abstand von zehn bis 15 Metern verfolgte er in seinem Feierabend den Flüchtigen. Nach kurzer Zeit trafen die Kollegen ein, und gemeinsam überwältigten sie den Mann.
„Das Messer stellte sich als Taschenmesser heraus, er wehrte sich und musste fixiert werden, aber es war alles im normalen Rahmen.“ Zeitgleich wäre auch der Hubschrauber geflogen, den man dann nicht mehr gebraucht habe, sagt Kai Schlauch und fügt hinzu, dass er während der ganzen Situation zwar keine Angst, wohl aber Respekt gehabt habe. „Wir haben immer wieder mit psychischen Ausnahmezuständen zu tun. Es ist wichtig, da schnell zu helfen, damit nichts Schlimmeres passiert. Aber natürlich muss man immer auch schauen, dass man sich nicht selbst in Gefahr bringt.“
Es gelte, den Täter zu verfolgen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen
Eine Erkenntnis, die ihm seine Freundin dann ja auch sofort bestätigt hat, nachdem er an diesem Abend deutlich später als sonst von der Schicht im Polizeirevier zurückgekommen war. „Ich denke, es war nicht wirklich ein großes Risiko, aber Laien würde ich auf jeden Fall raten, einen Notruf abzusetzen – und wenn überhaupt, dann nur im Auto, nicht zu Fuß, die Verfolgung aufzunehmen. Hauptsache man tut etwas.“