Der „Zirkus des Horrors“ will Besuchern in Böblingen das Fürchten lehren. Er besticht mit halsbrecherischer Artistik, weiß aber auch zu provozieren. Wie kommt das beim Publikum an?
Samstag, 21.30 Uhr: Das Publikum im Zelt des „Zirkus des Horrors“ ist still. Alle Augen sind auf die Bühnenmitte gerichtet. Auch die Artisten sind höchst fokussiert. Müssen sie auch, denn gleich rasen die fünf auf Motorrädern auf halsbrecherische Art und Weise durch eine Stahlgitterkugel. Eine Millisekunde Unkonzentriertheit, ein Fahrfehler, eine falsch abgestimmte Aktion und die fiktive Horrorshow in Böblingen könnte zum echten Horror werden.
Am Ende können alle durchatmen – das portugiesische Artisten-Quintett meistert das Spektakel in dem Eisenkäfig und holt sich den tosenden Applaus eines erleichterten Publikums ab. Auch der Chef des „Zirkus des Horrors“ zeigt sich glücklich über den positiven Ausgang des Stunts: „Das sind schon etwas bange Minuten. Aber die Jungs sind Profis. Jeder kann sich aber nun vorstellen, weshalb die Metallkugel auch ‚Kugel des Todes’ genannt wird“, erklärt Zirkusleiter Joachim Sperlich. Der 63-Jährige weiß, andernorts hat diese Einlage zu schwer verletzten Motorradartisten geführt.
Trapezkünstler beeindrucken Zirkus-Publikum
Nicht nur bei der heiklen Biker-Nummer, auch bei anderen Einlagen gehen die Artisten an ihre physischen Grenzen. So schwingen sechs Artisten aus Chile in großer Höhe auf Trapezen hin und her, zeigen Salti und fangen sich auf. Immerhin hier sind die Künstler vor Stürzen und damit tödlichen Verletzungen geschützt: Unter ihnen ist ein Auffangnetz gespannt. Verletzte Künstler hat es weder bei Shows noch bei den Proben bisher gegeben, sagt der Zirkuschef: „Die Artisten üben das über Monate. Es gibt aber keine Garantie. Man muss immer Respekt vor der Situation haben.“
Das Austesten von Grenzen ist ein ständiger Begleiter des Horrorzirkus. Nicht nur körperlich geht es an die Limits, auch inhaltlich provoziert der 2013 gegründete Zirkus mitunter. In der ersten Szene des Abends wird eine junge Frau von einem Mann getötet. Die beiden waren verabredet. Der Mann attackiert die Frau und erwürgt sie – weshalb, wird nicht klar. Die Darstellerin „Roxy“ legt als leichtbekleidete Untote in Ledermontur auf der Bühne noch einen lasziv anmutenden Tanz hin, bevor der Sensenmann sie mitnimmt.
Frauen sind in Szenen immer wieder Gewaltopfer
Ebenfalls kontrovers wurde in der Vergangenheit der Akt „Marianne und Hans“ rezipiert. Darin geraten eine Frau und Mann, ein Paar mit Baby, in Streit. Der Mann geht auf die Frau los, stößt sie. Den Todeskampf fechten die beiden ungarischen Artisten sich in tollkühnem Tempo drehend und einer kaum vorstellbaren Körperbeherrschung aus. Am Ende erhängt sich die Frau, der Mann erschießt sich. Gerade in Wien, wo der Zirkus im Oktober 2025 gastierte, missfiel einigen Zuschauern das Dargebotene. In Internetforen zeigten sich manche Besucher irritiert ob der Gewaltdarstellungen. In einem Kulturmagazin ging eine Journalistin wegen den Gewaltszenen mit dem Zirkus hart ins Gericht.
Den Böblinger Zuschauern ging die Gewalt speziell gegen Frauen unterschiedlich nah. Paul, der mit seiner Mutter die Vorstellung besucht, sagt über die erste Szene, der Tötung der jungen Frau: „Das war krass. Bitter für die Frau.“ Seine Mutter fügt hinzu: „Das war makaber.“ Petra und Michael, ein horrorgeschichtenerfahrenes Paar aus Böblingen, haben mit drastischen Darstellungen gerechnet. „Wir haben uns etwas eingelesen vorher, was uns hier erwartet. Das Gesehene war hart, aber nicht zu hart für uns“, sagt Michael. Auch in Krimis oder bei True Crime würden Gewalt und Tod dargestellt, merken beide an. Insgesamt habe ihnen die Vorstellung gut gefallen.
Der Zirkusgründer nimmt kritische Anmerkungen an, sagt aber auch: „Wir haben uns bewusst für die Nische Horror entschieden, um uns abzuheben. Unsere Erfahrung beweist: Die Menschen wollen Horror sehen. Auch solche Gewaltszenen sind für die meisten kein Problem.“ In Wien habe er sich nach der Vorstellung mit einer entsetzten Zuschauerin über die Kritik, hier werde Gewalt gegen Frauen zu realitätsnah zur Schau gestellt, unterhalten. „Natürlich gefällt nicht jedem alles. Wir haben uns hierzu aber offen ausgetauscht“, sagt Sperlich.
Programm ist nie ganz in Stein gemeißelt
Sollten sich solche Stimmen mehren, sei es laut dem Zirkuschef möglich, Inhalte noch zu verändern: „Wenn wir sehen würden, die Leute verlassen in Scharen das Zelt, könnten wir etwas anpassen. Das war aber nie der Fall. Einwände von Zuschauern wie in Wien sind die Minderheit.“ Außerdem bestehe „Memento Mori“ aus weit mehr als diesen Szenen – es gebe Komik und Feuerspiele sowie Akrobatik und Artistik.
Ob sich Böblingen für den Zirkusunternehmer als gutes Pflaster herausstellt, müssen die restlichen Tage noch zeigen. Sollten Sperlich, sein Organisations- und dann auch wieder neues Artistenteam wiederkommen, hätten sie in jedem Fall ein neues Programm im Gepäck. Das aktuelle endet im Herbst in Oberhausen. In Böblingen können sich Zuschauer noch bis zum 10. Mai in die Welt von Tod, Horror und Gruselgeschichten entführen lassen.
Ein Horrorzirkus in Böblingen
Personal
Rund 40 Mitarbeitende sind Teil des Teams. Dazu gehören auch über 20 Artisten aus Ländern wie Chile, Ungarn oder Italien. Mit Joachim Sperlich sind auch dessen Frau und seine drei erwachsenen Kinder Teil des Zirkusses.
Programm
„Memento Mori“ ist im November 2026 dann zwei Jahre gespielt und wird durch ein neues Horrorgeschichtenprogramm ersetzt. Mit dem Wechsel im Programm ändert sich auch die künstlerische Belegschaft komplett.