Tradition wird im Zirkus Barelli groß geschrieben. Foto: Stefanie Schlecht

Mit über 100 Jahre alten Zirkuswagen, einem Zirkusmuseum und abwechslungsreichem Programm gastiert der Zirkus Barelli zehn Tage in Böblingen. Warum der Zirkus trotz Kritik von Tierschützern weiterhin Tiershows im Programm hat – und was Besucher sonst noch erwartet.

Das rot-weiße Zelt des Zirkus Barelli ist schon aus der Ferne sichtbar – ragt es doch 20 Meter in die Höhe. Kaum betritt man den Festplatz Flugfeld, wo die Zirkusfamilie Barelli vorübergehend ihr Zuhause aufgeschlagen hat, ist es, als würde man eine andere Welt betreten. Dafür sorgen allein schon die über den Platz verteilten, über hundert Jahre alten Zirkuswagen.„Wir legen sehr viel Wert auf Nostalgie“, erzählt Franz Barelli stolz, während er über das Gelände geht. Und schnell wird klar, was er meint.

 

Ein Wagen mit der Aufschrift ‚Büro‘ kommt in Sicht. Hinter der Tür verbirgt sich ein Raum, der an längst vergangene Tage erinnert: Eine mit Fresken verzierte Decke, alte, massive Möbel aus dunklem Holz und schwere rote Vorhänge an den Fenstern, die das Sonnenlicht filtern. Vor einem weiteren Wagen – der kleinen Zirkus-Schneiderei auf vier Rädern –, informiert ein Schild darüber, dass die Geschichte des Gefährts bis ins Jahr 1914 zurückreicht. Einst im Besitz einer alten Schaustellerfamilie, fand Timmy Barelli, der zweite der beiden Barelli-Brüder, den Wagen 2021 und hauchte ihm neues Leben ein. Auch einige der ältesten Zirkustraktoren nennen die beiden ihr Eigen.

Tiere im Zirkus: Tradition trifft auf Kritik

Im vergangenen Jahr feierte der Zirkus Barelli nach der durch die Coronapandemie bedingten Pause erstmals wieder eine Weltpremiere. Die schwierige Zeit hat auch den Barellis, wie vielen anderen Zirkussen, stark zugesetzt. Doch sie nutzten die erzwungene Auszeit sinnvoll: „Timmy und ich haben während der Pandemie die Wägen alle aufwendig restauriert. Diese alten Fahrzeuge – das wagt fast niemand mehr, aber mein Bruder und ich sind mit voller Leidenschaft dabei“, erklärt Franz Barelli, der während den Vorstellungen als Pferdedompteur auftreten wird. Gemeinsam mit seinem Bruder Timmy, der als Komiker und „Clown für die Erwachsenen“ fungiert, wird er auch durch das Programm führen.

Trotz scharfer Kritik von Tierschutzorganisationen an der Haltung von Tieren in Zirkussen wollen die Brüder Barelli auch künftig nicht auf Tiershows verzichten. Neben Pferden und Ponys werden auch Trampeltiere und ein Esel Teil der Darbietungen sein. „Ja, wir gehen mit der Zeit, aber ich bin nun mal im Zirkus mit Tieren aufgewachsen – mein erstes Pony hatte ich mit sechs Jahren. Ich bin der Meinung, dass man den Tieren auch im Zirkus ein gutes Leben bieten kann“, meint Barelli.

Originale Zirkusuniformen ausgestellt

Tiernummern haben im Zirkus eine lange Tradition – und genau diese wird im Zirkus Barelli mit besonderer Hingabe bewahrt. Das zeigt sich auch in den mit Liebe fürs Detail dekorierten, historischen Zirkuswagen, deren Wände mit unzähligen gerahmten Fotografien aus fast vier Jahrzehnten Zirkusgeschichte geschmückt sind. Im Zirkus Barelli wird bewusst eine Atmosphäre der Nostalgie geschaffen – schließlich ist er auch, wie es auf seiner Website heißt, „der einzige Zirkus in Deutschland, der ein eigenes, reisendes Zirkusmuseum bietet“. Dort ausgestellt: originale Zirkusuniformen und Kostüme, kunstvolle Gemälde, historische Pferdegeschirre, alte Trompeten und vieles mehr.

Der Zirkus ist groß. Gereist wird mit über 60 Lkw. „Wir sind fast 100 Leute“, sagt Barelli. „Über 40 Leute sind allein für Licht und Ton zuständig.“ Auch die zirkuseigene Schneiderin Anna-Carina Sydney gehört zum Team. „Ich arbeite nun schon seit knapp drei Jahren als Schneiderin für den Zirkus“, erzählt Sydney. Sie öffnet die Tür zu ihrem fahrbaren Atelier. Drinnen findet sich eine alte Schneiderpuppe, antike Holzmöbel, verzierte Spiegel und Stoffproben in den leuchtendsten Farben.

Schneiderin Anna-Carina Sydney vor ihrer fahrbaren Zirkus-Schneiderei. Foto: Janina Link

Ebenso wie ihre Stoffe leuchten auch ihre Augen, wenn sie von ihrer Arbeit spricht. Doch wie kam sie eigentlich zu ihrem Job? „Ich habe damit angefangen, Kostüme für verschiedene Artisten zu machen. Irgendwann habe ich dann beim Zirkus angefragt, ob sie eine feste Schneiderin brauchen.“ Seitdem reist Sydney mit den Barellis durch die Gegend.

Artisten aus der ganzen Welt

„Im Gegensatz zu manch anderen Zirkussen wechseln wir unser Programm in der Regel fast jedes Jahr“, erklärt Barelli. In diesem Jahr treten unter anderem eine Handstand-Akrobatin aus der Schweiz, ein Drahtseil-Artist aus Spanien und ein Clown aus Frankreich auf. Zudem begleitet ein zehnköpfiges Live-Orchester aus der Ukraine die Vorstellungen. „Wir haben viele talentierte Artisten aus Zirkusfamilien aus der ganzen Welt dabei – unter anderem aus Kolumbien, den USA, Spanien, Italien und Frankreich.“

Auch Barellis 14-jähriger Sohn Francesco ist Teil der Vorstellung – er sorgt mit seinem ‚Bounce Juggling‘, bei dem er gleichzeitig zehn Bälle jongliert, für weitere familiäre Unterstützung in der Manege.

Im Zirkuszelt laufen derweil die letzten Vorbereitungen auf Hochtouren, denn am Donnerstag um 16 Uhr werden die ersten Gäste erwartet. Rund 1200 Besucher finden auf der freistehenden Tribüne rund um die Manege Platz. Noch steht der nostalgische Popcorn-Wagen nicht an seinem Platz, doch der Duft frisch gerösteten Popcorns liegt fast schon in der Luft.

Osterzirkus in Böblingen

Vorstellungen
Die Vorstellungen finden von Donnerstag, 17. April, bis Sonntag, 27. April, statt – täglich um 16 und 20 Uhr, an Sonn- und Feiertagen bereits um 14 und 18 Uhr. Am Sonntag, 27. April, wird ausnahmsweise um 11 und 15 Uhr gespielt. Eine Sonderzeit gilt auch am Dienstag, 22. April – hier beginnt die Vorstellung um 17 Uhr. Am Karfreitag, dem 18. April, bleibt das Zelt für eine Vorstellung geschlossen: Stattdessen gibt es von 11 bis 18 Uhr einen Tag der offenen Tür mit Einblicken in Proben, das Zirkusmuseum, Kamelreiten und weiteren Attraktionen.