Die bewährte Kochzeit für Kartoffeln ist Geschichte. Ein winziges, aus dem Süden eingewandertes Insekt verändert aktuell die Knollen massiv. Eine Landwirts-Familie aus Aldingen zeigt die Folgen auf.
Früher gab es eine einfache Faustregel für das Kochen von Kartoffeln: Nach etwa 20 Minuten im kochenden Wasser sind sie gar, größere Knollen nach maximal 30 Minuten. Werden sie zu lang gekocht, zerfallen sie.
Doch das kann heute auch dann passieren, wenn man genau auf die Kochdauer achtet. Der Grund dafür ist wenige Millimeter klein und heißt Schilfglasflügelzikade – ein als Folge des Klimawandels aus dem Süden eingeflogenes Insekt. Beim Saugen an den Früchten überträgt die Zikade eine bakterielle Infektion. Für Menschen ist diese völlig harmlos, doch bei Kartoffeln und auch Zuckerrüben welken die Blätter, und die Knollen schrumpfen und werden gummiartig.
Weniger Stärkegehalt und geringere Größe
Die Aldingerin Sarah Escher-Gauß, deren Familie auf einer Fläche von etwa 25 Fußballfeldern Kartoffeln anbaut, schneidet zur Demonstration eine Knolle auf, die von außen zwar ein bisschen verschrumpelt, aber ansonsten nicht ungewöhnlich aussieht. Auch innen fällt dem Laienauge nicht viel auf. Doch die junge Landwirtin weist auf ein paar Stellen hin, die nicht ganz so intensiv gelb gefärbt sind wie der Rest. „Da fehlt die Stärke, und deshalb zerfallen sie auch beim Kochen schneller.“
Schon bei der Ernte habe man einige der Feldfrüchte aussortiert, erklärt ihr Mann Alexander Gauß. Doch auch jetzt gebe es noch Probleme. „In der Kühlung sehen alle Kartoffeln einwandfrei aus, aber wenn sie ein paar Tage im Hofladen sind, fangen manche davon ebenfalls an zu schrumpeln.“ 10 bis 12 Prozent der Erdäpfel fielen so durchs Raster.
Nicht alle sind als Lagerkartoffeln geeignet
Die Familie Escher verkauft ihre Erzeugnisse nicht nur an Privatkunden, sondern auch an Gastronomiebetriebe. Und wenn bei denen dann die frisch erworbenen Kartoffeln zerfielen, sei das für sie als Lieferanten sehr unangenehm. „Zum Glück haben wir überwiegen treue und langjährige Kunden, die wissen, dass so etwas früher nicht vorkam. Und wenn sich jemand darüber beschwert, sind wir sogar froh darüber, weil wir dann erklären können, woran es liegt“, sagt Escher-Gauß. Natürlich tausche man dann die geschädigten Kartoffeln gegen andere aus.
Ein weiteres Problem: Die Erdäpfel reifen wegen des unterschiedlichen Befalls nicht mehr alle gleichzeitig. Weil man sie aber natürlich nicht je nach Reifegrad einzeln ernten könne, seien einige noch nicht schalenfest und deshalb als Lagerkartoffeln nicht geeignet gewesen, berichtet Alexander Gauß.
Schwäbischer Kartoffelsalat kann zum Glücksspiel werden
Erstmals sei ihnen das Problem beim Zubereiten von Kartoffelsalat für den Hofladen aufgefallen, erzählt Seniorchef Werner Escher. „Meine Frau sagte auf einmal: Was sind denn das für Kartoffeln? Die kann man ja gar nicht richtig schälen.“ Und auch das „Rädeln“ habe mangels Stärkegehalt Schwierigkeiten gemacht. Doch auch auf dem Feld müsse man erst einmal genau hinschauen, bevor man einen Befall bemerke. „Die ersten zwei Wochen merkt man gar nichts, dann rollen sich die Blätter ganz leicht ein, und irgendwann färben sie sich rötlich“, berichtet der erfahrene Landwirt. Zudem wachse die Kartoffel nicht mehr weiter.
Den Schädling zu bekämpfen, sei schwer, so Eschers Einschätzung. „Eine Stellschraube allein wird nicht helfen“, ist er überzeugt. Es gebe Kollegen, die ihre Felder mit feinen Netzen abdeckten. „Aber das ist sehr teuer und bei großen Flächen wie unseren nicht machbar.“ Hinzu komme: „Die Zikade überlebt auch in Wegkräutern wie Winden, eventuell auch in blühenden Ackerrandstreifen.“ So bleibe letzten Endes nur eine Kombination aus Fruchtwechsel, Brache und Pflanzenschutzmitteln. Letztere würden von den Landwirtschaftsämtern bei einem hohen Befall genehmigt.
Auch Rhabarber, Karotten, Spargel und Weintrauben gefährdet
Auch mit der Bodenbearbeitung im Herbst und dem Einsatz des Vollernters könne man einiges erreichen, sagt Alexander Gauß: „Damit kann man den Befall etwa um die Hälfte reduzieren.“ Der Remsecker Familienbetrieb profitiert zudem von der guten Zusammenarbeit mit anderen Landwirten. „Wir tauschen die Anbauflächen untereinander aus. So werden Kartoffeln bei uns nur alle fünf Jahre auf derselben Fläche angebaut“, berichtet Werner Escher. Weizen, Mais oder anderem Getreide als Zwischenfrucht könne die Zikade nicht schaden.
Fest steht: Irgendetwas muss man unternehmen, um dem Insekt Paroli zu bieten. Denn waren es am Anfang nur die Zuckerrüben und dann die Kartoffeln, gehören nun auch Karotten, Rote Bete, Rhabarber, Spargel und Weintrauben zu den geschädigten Nahrungsmitteln. Darin sieht Escher aber auch eine Chance: „Wenn es so viele betroffen sind, suchen alle gemeinsam nach neuen Wegen, die Zikade zu bekämpfen.“