In der Stuttgarter Innenstadt passiert jede dritte Körperverletzung. Foto: Max Kovalenko

Die Polizei verstärkt ihre Kräfte an den Wochenenden in der Innenstadt. Wohnungseinbrüche in Degerloch bereiten den Beamten Sorgen.

Stuttgart - „Zielgenaue Präsenz“ – das ist das neue Motto der Stuttgarter Polizei. Dafür gibt es einen tagesaktuellen Krimiatlas der Brennpunkte. Und der zeigt: Gewalt­taten konzentrieren sich in der Innenstadt, samstags findet dort jede dritte Körperverletzung statt.

Wochenende für Wochenende verstärken 30 Beamte der Einsatzhundertschaft die regulären Polizeikräfte in der Stadt. In der nächtlichen Partyszene gelten die drei Bereiche Hirschbuckel, Theodor-Heuss-/Gymnasiumstraße sowie König-/Bolzstraße als besondere Brennpunkte, bei denen Dauerpräsenz von Polizisten angesagt ist. „Wir sind zu verstärktem Handeln gezwungen“, sagte Polizeipräsident Thomas Züfle.

Zunehmender Trend bei Körperverletzungen

Nach der Podiumsdiskussion „Mittendrin“ dieser Zeitung zum Thema Sicherheit in der Innenstadt Anfang September ist die Polizei unter verstärkten Druck geraten. Nach Gemeinderatsanfragen und der Vorbereitung eines Runden Tisches hat sich auch die City-Initiative Stuttgart (CIS) eingeschaltet. Die Aussage des katholischen Stadtdekans Christian Hermes, wonach die Innenstadt „an Wochenenden in Alkohol und Gewalt ersäuft“, wird von Citymanager Hans H. Pfeifer zwar zurückgewiesen. Er spricht aber davon, dass „an verschiedenen Brennpunkten zu bestimmten Zeiten Angst-, Belästigungs- und Störräume ­entstanden“ seien. Die „Wohn- und Aufenthaltsqualität wird drastisch reduziert“, stellt Pfeifer fest.

Um zu zeigen, dass die Polizei handelt, gab Präsident Züfle einen Einblick in das neue Lagebild-System, das tagesaktuell einen Atlas der Kriminalitätsschwerpunkte bietet. Für die Innenstadt ergibt sich ein weiterer zunehmender Trend bei Körperverletzungen, während Raubstraftaten leicht rückläufig seien, so Züfle.

Der Einblick zeigt: Von 413 schwerwiegenden Gewaltstraftaten, die sich an den Samstagen seit Jahresbeginn in der Stadt abspielten, fand mit 135 jede dritte im Bereich des Innenstadtreviers statt. Das sind doppelt so viele Gewalttaten wie in Bad Cannstatt. ­Dabei ist die Zeit zwischen 2 und 3 Uhr ­morgens am brutalsten: Hier verzeichnete das Innenstadtrevier 70 Fälle, das Revier Wolframstraße dagegen nur elf, das Revier in Bad Cannstatt zehn. Die Zahl der Gesamtstraftaten in der City liegt Ende August bei 10.580 Fällen – das liegt leicht über dem Vorjahreszeitraum mit 10.450 ­Delikten.

„Wir können es uns nicht mehr leisten, den Personaleinsatz einfach ins Blaue hinein laufen zu lassen“

Die Stuttgarter Polizei hat an den ­Wochenenden ihre nachts 36 regulären Doppelstreifen mit 30 Bereitschaftspolizisten verstärkt – außerdem gibt es monatlich einen Großeinsatz mit 150 Beamten zusammen mit Bundespolizei, Zoll, Steuerfahndung und städtischen Behörden.

„Wir müssen zielgenau mit den Kräften operieren“, sagt Polizeipräsident Züfle. ­Dazu diene auch der Lagebild-Atlas. „Wir können es uns nicht mehr leisten, den Personaleinsatz einfach ins Blaue hinein laufen zu lassen.“

Das zeigt sich jetzt auch bei den ­Wohnungseinbrüchen, einem weiteren Brennpunktthema. 574 Fälle hat es bis Ende August gegeben – was vor der nun nahenden dunklen Jahreszeit darauf hindeutet, dass es im Jahr 2012 erstmals wieder mehr als 1000 Wohnungseinbrüche geben wird. Der Blick auf den aktuellen Einbruch-Atlas, der Stuttgart in 152 Quartiere aufteilt, zeigt roten Alarm in Degerloch. Der Wohnbezirk unterm Fernsehturm ist mit 19 Fällen am stärksten ins Visier von Einbrechern geraten. In Heslach gab es bisher 16 Fälle, im Lehen im Stuttgarter Süden 15, am Bopser und am Kräherwald 14. Erkenntnisse, die in die Koordinierung von Observationen und Fahndungen einfließen sollen.

„Wer abends essen will, ins Kino, ins Theater gehen – für den ist die Sicherheit gewährleistet“

Polizeipräsident Züfle war freilich weit davon entfernt, Stuttgart zur unsicheren Zone zu erklären. „Wir werden ja oft mit anderen Städten verglichen, und da können wir uns sehen lassen“, sagt er. 933 Wohnungseinbrüchen in Stuttgart beispielsweise stehen 2386 Fälle in Frankfurt am Main und 6482 in Hamburg gegenüber.

Auch die Innenstadt sei sicher, betont ­Züfle: „Wer abends essen will, ins Kino, ins Theater gehen – für den ist die Sicherheit gewährleistet.“ Es gebe keine Sippenhaft für Partygänger, „wir wollen eine lebendige Stadt“. Dabei geraten selbst die Polizeibeamten immer öfter selbst ins Visier von jungen Gewalttätern: „Es findet sich, salopp gesagt, fast überall ein betrunkener Rotzlöffel, der aggressiv und provozierend auftritt oder sogar unsere Beamten angreift.“

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