Schülerlotsen helfen meist nur an Brennpunkten – ansonsten sind radelnde Schüler auf ihrem Weg zum Unterricht auf sich allein gestellt. Foto: dpa-Zentralbild

Die Zahl der Schulwegunfälle im Land ist zuletzt um zehn Prozent auf 640 pro Jahr gestiegen. Künftig sollen verbindliche Radschulwegpläne diesen Trend umkehren.

Stuttgart - Noch mehr Pläne! So mancher Schulleiter hat den jüngsten Erlass des Innenministeriums zerknirscht in den Händen gehalten. Noch mehr Pläne bedeuten zunächst einmal noch mehr Bürokratie. Dass Radschulwegpläne bei aller zusätzlichen Arbeit, die auf Lehrer und Rektoren zukommen wird, in der Sache aber ein richtiges Instrument für mehr Verkehrssicherheit sind, ist an den meisten Schulen unstrittig.

Doch der Reihe nach. An sämtlichen Bildungseinrichtungen in Baden-Württemberg existieren heute schon sogenannte Schulwegpläne. Diese zeigen den unter Verkehrssicherheitsaspekten idealen Weg von und zur Schule auf. Erfasst werden nicht die Schulwege eines jeden einzelnen Schülers, aber die Hauptrouten.

Dasselbe soll es künftig auch für radelnde Schüler geben. Die grün-rote Landesregierung sieht beim Thema Fahrrad und Schule großen Nachholbedarf – nicht nur in puncto Verkehrssicherheit, sondern auch, was die Nutzung des Fahrrads als Transportmittel angeht. Hier ist an vielen Schulen beziehungsweise bei vielen Schülern noch Luft nach oben.

Viele Rektoren haben das Thema auf die lange Bank geschoben

Radschulwegpläne sollen deshalb verbindlich werden. Bis Ende des Schuljahrs muss jede weiterführende Schule (Haupt-, Werkreal-, Realschule, Gymnasium) in Abstimmung mit der jeweiligen Kommune und Polizeidienststelle einen solchen Plan vorliegen haben, um ihn Schülern oder deren Eltern an die Hand zu geben. Viele Rektoren haben das Thema auf die lange Bank geschoben, weil sie mit anderen Dingen beschäftigt sind und ein solcher Plan nicht mal eben auf dem Bierdeckel zu erstellen ist. Doch jetzt ist Abhilfe in Sicht. Dank Bernhard Krumwiede. Der Vater von drei Kindern aus Bietigheim-Bissigen hat sich den sicheren (Rad-)Schulweg auf die Fahnen geschrieben. An den Ellental-Gymnasien gründete Krumwiede eine Arbeitsgemeinschaft, aus welcher der „ideale Radschulwegeplan“ hervorgegangen ist. Ideal aus zwei Gründen: zum einen, weil die Schüler im Geografieunterricht selbst an der Erstellung mitwirkten. Sämtliche Gefahrenstellen wurden erfasst und in die Umgebungskarte eingetragen. Dazu zählen unübersichtliche Stellen, schlechter Belag, ungünstige Ampelschaltungen und vor allem Brennpunkte mit Autoverkehr.

„Durch das Mitwirken der Schüler ist der Stellenwert ein ganz anderer“, berichtet Krumwiede. Seit der gemeinsamen Aktion würden sich mehr Schüler für das Fahrrad als Verkehrsmittel und für den sicheren Schulweg entscheiden. Die zweite Besonderheit des Bietigheimer Radschulwegplans ist technischer Natur. Mit Hilfe des Landesamts für Geoinformation und Landentwicklung (LGL) entstand ein digital aufbereiteter und visualisierter Plan mit integrierten Fotos, Verbesserungsvorschlägen und Alternativrouten. „Der Plan hilft sowohl den Schülern als auch der Stadtverwaltung, den Handlungsbedarf zu bewerten und Maßnahmen einzuleiten“, sagt Krumwiede.

Mehr noch: Die vom LGL entwickelte Anwendung könnte als Baukasten für andere Schulen dienen. „Auf Basis dieses Systems lassen sich Schüler leichter an Radschulwegplänen partizipieren und in der Folge auch schneller erstellen“, meint Karl-Heinz Holuba, Leiter des Referats Geoinformationssysteme beim LGL. In einem zweiten Schritt sei das System auch als mobile Anwendung denkbar, als App fürs Smartphone. Doch mit dem ersten Schritt haben alle Beteiligten erst mal genug zu tun – das Schuljahresende kommt sicher schneller, als man denkt.

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