Francesco Friedrich ist der erfolgreichste Bobfahrer der Geschichte und trotz vieler Medaillen hungrig auf den nächsten Sieg – besonders bei Olympia. Dazu geht er einen neuen Weg.
Stuttgart - Anschieben, reinspringen, runterfahren. So funktioniert der Bobsport seit Ende des 19. Jahrhunderts. So lernten Piloten wie der legendäre Italiener Eugenio Monti, der Schweizer Gustav Weder und der Kanadier Pierre Lueders sowie die Deutschen von Wolfgang Zimmerer über André Lange bis hin zu Francesco Friedrich und Johannes Lochner, wie man sich ins Labyrinth eines Eiskanals hineintastet, man sich hineinfühlt. Oder sich „reinfuchst“, wie Doppel-Olympiasieger Friedrich sagt. Jede Fahrt ist ein Test, deshalb gibt es für einheimische Piloten einen Heimvorteil, der umso größer ist wie der Eiskanal neu und relativ unbekannt. Wie etwa die Olympiabahn für die Winterspiele 2022 in Peking.
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Die Bahn in Innsbruck-Igls, wo an diesem Freitag der Bob-Weltcup in die Saison startet, ist bestens bekannt. Da weiß jeder alte Hase, welche Kurven auf einen zufliegen und wo die kritischen Passagen lauern. Knifflig wird es bei neuen Kanälen wie den in Yanqing bei den Spielen im Februar 2022 – da ist es mit Anschieben, Reinspringen und Runterfahren nicht getan. Deshalb haben Friedrich und Lochner den chinesischen Eiskanal schon gekannt, ohne dass auch nur eine Kufe ihres Schlittens das Eis berührte. BMW hat in München einen Bob-Simulator entwickelt, in dem sich die Schlittenfahrer in die Olympiabahn virtuell hineinstürzen konnten, so wie es im Motorsport seit Jahren üblich ist, wenn sich Autorennfahrer im Simulator auf die nächste Piste vorbereiten oder Neuentwicklungen testen. Die Bobfahrer prägten sich Layout und Kurvenfolgen fest ein und sparten so viel Zeit. Denn im Oktober, als die Chinesen den Ausländern den Olympiakanal für drei Wochen überlassen haben, wussten Friedrich und Lochner sofort, wo die kniffligen Stellen warten. Das Herantasten geschah in null Komma nichts. „Es war für uns viel einfacher, gleich richtig in die Bahn zu gehen, weil wir die Kurvenfolge kannten“, erzählt Francesco Friedrich, „solche Simulationen, um Strecken kennenzulernen, das ist die Zukunft des Bobsports.“ Insgesamt 39 reale Fahrten hat Friedrich im Zweier und Vierer auf der Olympiabahn absolviert und die Testwettbewerbe am Ende gewonnen, was nicht ausschließlich, aber sicher auch dem Simulator zu verdanken war.
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Es ist eine radikale Neuerung im System Friedrich, dem erfolgreichsten Bobpiloten der Geschichte, der in Pyeongchang 2018 zweimal Gold geholt, der 13 WM- sowie sechs EM-Titel und 47 Weltcup-Erfolge gesammelt hat. Denn der Sachse, der in seiner Geburtsstadt Pirna lebt, gilt als ausgemachter Tüftler, als ein Mensch, der sich mit ebenso viel Akribie wie Fleiß in eine Problemlösung stürzt und üblicherweise erst aufhört, wenn eine Lösung gefunden ist. „Wir gehen sehr strukturiert vor“, betont der 31 Jahre alte Bundespolizist, „mein Team und ich, wir wissen, wohin wir wollen – und wenn etwas nicht funktioniert, gehen wir wieder einen Schritt zurück.“ Es geht mit dem Bob in den Windkanal, um ein paar Hundertstelsekunden zu finden, indem die Sitzpositionen optimiert werden, es wird an den Kufen gefeilt genauso wie an der Athletik des Personals und der Startprozedur. „Daran arbeiten wir seit Jahren, um uns zu verbessern“, sagt der Sachse.
Doch wie in der hochtechnisierten Formel 1 kann ein noch so ausgeklügelter Simulator mit endlos vielen Gigabyte Daten die Wirklichkeit nicht zu 100 Prozent wiedergeben. Und schon gar nicht kann er die nötige Erfahrung ersetzen, die einen Routinier wie Francesco „Franz“ Friedrich in seinem Metier über die Maßen auszeichnet. „Ich habe in all den Jahren gelernt, worauf es ankommt. Ich weiß, was wichtig ist und was nicht“, sagt der Virtuose an den Steuerseilen, „die Summe des Erlebten ist die Grundlage für den Erfolg. Diese Leistung ist in allem begründbar, und deswegen bin ich darauf sehr stolz.“ Das gilt nicht nur für die Fahrten in der Bahn, sondern auch für das tägliche Training. Nur so, da ist sich Friedrich sicher, könne er sich noch immer motivieren, verspürt er noch keinerlei Verschleißerscheinungen in Körper und Geist – auch nicht nach bald einem Jahrzehnt in der Weltspitze.
Folglich peilt Friedrich in Peking wieder zwei Goldmedaillen an, alles andere wäre eine Tiefstapelei, die keiner dem Dominator der Szene auch nur im Ansatz abnehmen würde – ein erneuter Triumph im Zweier und Vierer wäre ein historischer, und allein schon deshalb sieht der Pilot aus Pirna darin eine seiner Extraklasse angemessene Herausforderung. „Wenn ich es schaffe, über zwei oder vielleicht sogar drei Olympia-Zyklen die Benchmark zu sein, wäre das schon eine Latte an Erfolgen“, sagt der 31-Jährige selbstbewusst, „die muss mir erst einmal jemand nachmachen.“ Lediglich mit „Anschieben, Reinspringen, Runterfahren“ ist im Bobsport nicht mal mehr ein Trostpreis zu gewinnen – und ein Francesco Friedrich schon gar nicht zu besiegen.