Da schau her! Roberta Agosti und ihre Ziegen der Rasse Saanen Foto: Susanne Hamann

In der lombardischen Region Brescia sind Menschen zu Hause, die mit ganzem Herzen und mit viel Leidenschaft ihrem Handwerk nachgehen.

Brescia ist nicht nur der Name einer Stadt in Oberitalien. So heißt auch die Region – grob gesagt der Landstrich zwischen Mailand und dem Gardasee. Kennen sie nicht? Sollte man aber. Brescia ist sozusagen die Region der „hidden champions“. Hier werden nicht nur Schaumweine gekeltert, die es locker mit Champagner aufnehmen können, sondern auch die Tornetze für italienische Fußball-Erstligisten wie den AC Florenz geknüpft.

 

Kann man nicht meckern

Die Ziegen hören am liebsten sanfte Balladen von Elton John und Michael Bublé. „Bei Heavy-Metal-Musik wie Iron Maiden oder AC/DC geben sie weniger Milch“, sagt Roberta Agosti. 160 Tiere stehen in dem hellen und super-sauberen Stall, den Menschen nur mit Plastiküberziehern an den Füßen betreten dürfen, und recken neugierig die Köpfe. Die 38-Jährige hat alle Hände voll zu tun, um so viele wie möglich zu streicheln. Vor zehn Jahren schmiss sie ihren Job als Buchhalterin hin und investierte ihr Erspartes sowie einiges Geld von der Bank in ein Stück Land im kleinen Ort Rodengo Saiano. Ihr Traum: ein Bauernhof. „Meine Eltern glaubten, ich sei verrückt“, sagt Roberta Agosti. Einen Plan B gab es nicht.

Il Colmetto ist ein Bauernhof in der Lombardei. Foto: privat

Nun produziert sie aus der Milch ihrer Ziegen Käse und Butter. In den Gewächshäusern gedeihen Artischocken, Kohl, Romanesco oder Erbsen. Auf den Wiesen und Feldern wachsen Äpfel, Kartoffeln, alte Karotten- und Zwiebelsorten. Alle Zutaten wandern in die Küche von Il Colmetto („kleiner Hügel“).

Küchenchef Riccardo Scalvinoni – auch ein Quereinsteiger, er hat eigentlich Bäcker gelernt – erkochte vor drei Jahren einen grünen Michelin-Stern. Seine Kreationen: meist vegetarisch, immer saisonal und raffiniert. Im Moment gibt es gerösteten Kürbis mit Rosenkohl, gebratenen Chicorée mit karamellisierten Mandarinen und Walnüssen, mit Apfel gefüllte Kichererbsenpasta in Grünkohl-Brühe. Und natürlich Ziegenkäse zum Abschluss. Serviert wird oft von der Chefin persönlich. Sie packt überall mit an, wo sie gebraucht wird. Ganz uneitel und pragmatisch.

www.ilcolmetto.it/

Gebäck vom Feinsten

Diese kleinen Geschütze sind der Knaller. Knuspriger Blätterteig, gefüllt mit einer großartigen Vanillecreme. Wahrscheinlich gibt es in ganz Italien keine köstlicheren Cannoncini (italienisch für „Kanönchen“) wie die bei Konditormeister Giovanni Cavalleri (52). „Das Geheimnis sind die Eier. Ich nehme ungefähr dreimal so viele wie in anderen Rezepten“, sagt der Kuchenkünstler. Sein Betrieb namens Pasticceria Roberto steht im kleinen 8000-Seelen-Ort Erbusco im Herzen der Region Franciacorta. Das Gebäude – ein Sahnestück für Architekturliebhaber – würde man eher in einer Großstadt erwarten. Sehr modern mit viel Glas, Stahl und hellem Holz, total urban und schick.

Foto: Pasticceria Roberto

„Mein verstorbener Vater hatte hier eine kleine Bäckerei, daher kommt auch der Name Roberto“, erzählt Giovanni Cavalleri, der seinen eigenen Sohn sicherheitshalber auch Roberto genannt hat. Falls er eines Tages ins Geschäft einsteigen möchte. Cavalleri, also der Mittlere, wollte immer schon gerne den elterlichen Betrieb übernehmen, träumte aber nicht nur von gutem Brot, sondern vor allem von Feingebäck auf höchstem Niveau. Daher ging er zur Ausbildung nach Brescia und sein Lehrmeister war nicht irgendwer, sondern der in Italien sehr berühmte Meisterkonditor Iginio Massari.

Giovanni Cavalleri ist nun fast so bekannt wie sein Vorbild und zaubert ähnlich hochwertige Kunstwerke: buttrige Croissants, schwebend leichte Macarons, sahnige Torten, köstliche Pralinen oder mürbe Kekse. Dafür bekam er vom italienischen Gastroführer Gambero Rosso die höchste Auszeichnung: drei Torten.

www.pasticceriaroberto.com/

Die Region zwischen Brescia und dem Iseosee nennt man auch Franciacorta. Foto: STZN/Lange

Volltreffer

Wenn in der ersten italienischen Fußball-Liga ein Tor fällt, sieht Michele Archetti den Ball oft in einem Netz zappeln, das er selbst hergestellt hat. „Wir beliefern in der Serie A einige Clubs wie den SSC Neapel oder den AC Florenz“, sagt der Juniorchef der Firma Breschiareti, der selbst dem AC Mailand die Daumen drückt. Der Handwerksbetrieb hat seinen Sitz in einem kleinen rosa gestrichenen Haus direkt an der Uferpromenade auf der Monte Isola, der größten Insel im Iseosee.

Netzwerker Michele Archetti arbeitet an einem Torgeflecht für den AC Florenz. Foto: Susanne Hamann

Von außen sieht die Werkstatt aus wie ein völlig normaler, eventuell etwas rumpeliger Andenkenladen. Breschiareti hat für die Touristen geknüpfte Schlüsselanhänger, Einkaufsbeutel, Sprungseile oder Hängematten im Angebot. Angefangen haben sie mit Fischernetzen. „Der Iseosee ist sehr, sehr tief, daher wurden hier schon immer besondere Netze gebraucht“, erklärt der 35-Jährige.

Die Knotenkünstler auf Monte Isola sind stolz auf ihre Tradition, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Die Fertigkeiten werden von Generation zu Generation weitergegeben. Auch Michele lernte das Handwerk von seinem Vater Paolo. Inzwischen gibt es nur noch wenige Fischer, die Hechte oder Felchen fangen. Die Archettis knüpfen nun auch Netze für Tennisplätze, Volleyballfelder, Basketballkörbe und die Tore beim Eishockey oder Fußball. Auch Sicherheit ist ihre Baustelle: Der Flughafen Palermo hat gerade ein Maschenwerk zur Taubenabwehr bestellt.

www.breschiareti.it

Ganz viel Gefühl

Die erste Flasche Schaumwein aus eigener Produktion wird wie ein wertvolles Kunstwerk aufbewahrt, von oben mit einem einzelnen Scheinwerfer dramatisch angestrahlt. „Der Jahrgang 1978“, sagt Matteo Pizziol ehrfürchtig. Der Juniorchef des Weinguts Villa Franciacorta in Monticelli Brusati ist 26 Jahre alt. Genau in diesem Alter kaufte sein Großvater Alessandro Bianchi ein Anwesen in der Nähe von Monticelli Brusati. Bianchi investierte im Jahr 1960 sein Vermögen, das er mit einer Firma für Hydraulikmaschinen gemacht hatte, in ein paar alte Häuser und Weinberge.

Matteo Pizziol im Weinkeller der Firma Villa Franciacorta, wo eine Million Flaschen Schaumwein lagern. Foto: Susanne Hamann

Reben wuchsen hier schon seit Jahrhunderten. Alessandro Bianchi stellte die Produktion von Still auf Prickelnd um. Produziert wird seither rein ökologisch und streng nach der Methode, mit denen Winzer in der Champagne sehr erfolgreich sind. Das Ergebnis: so gut wie Champagner. „Mein Großvater sah sich nicht als Besitzer, sondern als Hüter des Landes“, sagt Matteo Pizziol. Und an diese Philosophie halten sich Tochter, Schwiegersohn und die beiden Enkel, die den Betrieb heute gemeinsam führen.

„Wir verwenden nur die eigenen Trauben und kaufen nichts dazu“, sagt Matteo Pizziol. 200 000 Flaschen im Jahr stellt der Betrieb her, alles in Handarbeit. Passenderweise trägt ihr Bestseller, ein Brut mit Noten von weißem Obst und frisch gebackenem Brioche, den Namen „Emozione“. Italienisch für Gefühl.

www.villafranciacorta.it/

Info

Anreise
Mit dem Zug über Zürich und Mailand nach Brescia, www.bahn.de .

Unterkunft, Essen und Trinken
In Corte Franca betreiben die Brüder Giorgio, Marco und Matteo Vezzoli mit ihrem Onkel Vincenzo den Agriturismo Le Quattro Terre. Man wohnt in einem restaurierten Bauernhof inmitten von Weinbergen. Zum Haus gehört ein sehr gutes Restaurant. Und natürlich werden Schaumweine aus eigener Produktion ausgeschenkt. Doppelzimmer mit Frühstück ab 110 Euro, www.quattroterre.it . Der Restaurantfachmann Giovanni Lo Presti und der Küchenchef Giulio Pittioni lernten sich in einem Fine-Dining-Lokal in Vicenza kennen. Gemeinsam beschlossen die Endzwanziger, sich selbstständig zu machen. Sensole Locanda Contemporanea auf der Insel Monte Isola ist ein Ort zum Wohlfühlen. Im Erdgeschoss: eine urgemütliche Bar für Aperitif oder Kaffee. Im Obergeschoss – sehr geschmackvoll mit Möbeln im Mid-Century-Style eingerichtet – genießt man raffinierte Kreationen mit Fokus auf Fisch aus dem Iseosee. Neun Gästezimmer gibt’s auch. DZ/F ab 78 Euro, https://sensole.it/ .Polastri Maceler ist ein kleines Feinkostgeschäft, in dem man Spezialitäten der Region wie Schaumwein, Salami oder Käse kaufen kann. Im ersten Stock befindet sich eine kleine Trattoria. Dort kann man „Spiedo Bresciano“ essen – ein traditionelles Gericht, bei dem verschiedene Fleischsorten auf lange Spieße gesteckt und über mehrere Stunden bei niedriger Hitze in einem sich drehenden Ofen gegart werden. Dazu gibt es Polenta, www.polastrimaceler.it/ .

Allgemeine Informationen
Tourismusbüro für die Stadt und die Region Brescia, www.visitbrescia.it