Die Zeugen Jehovas verteilen derzeit nicht den Wachtturm, sondern Postkarten. Foto: dpa/Matthias Balk

Derzeit bekommen besonders ältere Menschen Post, die auf den ersten Blick wie die Nachricht eines Bekannten aussieht. Doch dahinter verbirgt sich etwas völlig anderes.

Stuttgart - Hübsch sieht sie aus, die Postkarte, die eine Familie im Rems-Murr-Kreis aus ihrem Briefkasten zieht. Auf der einen Seite befindet sich eine Kinderzeichnung mit Sonne, einer Wolke und Wasser. Aufkleber mit Fischen und einem Seestern runden das nette Bild ab. Daneben steht ein Text, der aussieht, als ob er handschriftlich verfasst worden sei. „Lieber Herr S.“, beginnt er mit einer namentlichen Anrede, um sodann über die Corona-Pandemie sowie Trost aus der Bibel zu sprechen und schließlich mit einer privaten E-Mail-Adresse und vielen Grüßen von „Gerrit und Tatjana“ zu enden.

Die Familie rätselt, welche Bekannten da geschrieben haben könnten. Der einzige Hinweis, der sich noch findet, ist der auf eine Internetseite. Dort wird schnell klar, um was es geht: Die Karte ist von den Zeugen Jehovas. „Ich finde das ganz schön dreist und wirklich unseriös“, sagt eine Betroffene – und ist damit nicht allein. Denn die Karten scheinen derzeit häufiger aufzutauchen.

Offenbar wenden sie sich bevorzugt an Haushalte, in denen ältere Menschen leben. In einem anderen Fall hat ein 92 Jahre alter Mann eine solche Karte im Briefkasten. „Es berührt mich sehr unangenehm, ein solches Schreiben im Briefkasten meines greisen Vaters zu finden“, sagt die Tochter. Man frage sich, woher die umstrittene Religionsgemeinschaft die Adressen habe und warum sie sich die Adressaten aussuche.

Corona verändert das Vorgehen

Die Hintergründe sind einfach. „Wir sind ja eigentlich bekannt dafür, dass wir von Tür zu Tür gehen, ohne uns zu sehr aufzudrängen“, sagt ein Deutschland-Sprecher der Zeugen Jehovas. Wegen der Corona-Pandemie mache man dies derzeit nicht. Deshalb versuche man, auf schriftlichem Wege mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Verantwortlich dafür sind die regionalen Gruppen, die unterschiedlich vorgehen. „Wir mischen uns da nicht ein“, sagt der Sprecher, räumt aber ein, dass zumindest der Absender klar zu erkennen sein sollte: „Vielleicht setzt das nicht jeder optimal um.“

Rechtlich sind die Postkarten nicht angreifbar. Oft sind sie nicht frankiert oder mit Adresse versehen, so dass vermutlich die Namen einfach am Briefkasten abgeschrieben werden. Überhaupt genießen die Zeugen Jehovas in Baden-Württemberg einen höheren rechtlichen Status, als vielen bewusst ist. Die damalige grün-rote Landesregierung hatte die Religionsgemeinschaft nach einem langem Rechtsstreit im Jahr 2015 als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Die Entscheidung folgte denen anderer Bundesländer und des Bundesverfassungsgerichts. Damit sind die Zeugen Jehovas den großen Kirchen gleichgestellt.

Keine Beschwerden

Seither gibt es zwar immer wieder mal Zweifel an dieser Entscheidung und eher zaghafte Vorstöße aus der Politik, daran etwas zu ändern. Doch die rechtliche Einschätzung der Zeugen Jehovas durch das Kultusministerium hat sich nicht verändert. „Es gibt keine belastbaren Erkenntnisse, insbesondere hinsichtlich der notwendigen Rechtstreue, die einen Entzug der Körperschaftsrechte rechtfertigen würden“, sagt eine Sprecherin. Zu der Postkartenaktion habe man bisher keine Hinweise.

Gleiches gilt für verschiedene Polizeipräsidien. Dort heißt es lediglich, dass es immer mal wieder Beschwerden über Hausbesuche gebe. Die aber finden ja derzeit nicht statt. Das Schreiben von Tatjana und Gerrit wird also nicht auf einem Behördenschreibtisch landen. Sondern mutmaßlich im Papiermüll.

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