Zerstörtes Kunstwerk Kuhn entschuldigt sich für Kahlschlag

Von Jan Sellner 

Die Überreste des Sancutariums auf dem Pragsattel Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Die Überreste des Sancutariums auf dem Pragsattel Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das vom Stuttgarter Garten- und Friedhofsamt abgeholzte Naturkunstwerk Sanctuarium auf dem Pragsattel macht bundesweit Schlagzeilen. Jetzt meldet sich der Oberbürgermeister zu Wort. Und auch die Direktorin der Staatsgalerie hat dazu eine Meinung.

Stuttgart - Das Naturkunstwerk auf dem Pragsattel, von dem in den folgenden Zeilen die Rede ist, hat es zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht. Darin heißt es: „Das Sanctuarium ist eine landschaftsarchitektonische Installation des niederländischen Konzeptkünstlers Herman de Vries an der Nordwestspitze des Leibfriedschen Gartens in Stuttgart.“ Über den Künstler selbst ist zu lesen: „Herman de Vries, geboren 1931 in Alkmaar, ist ein in Unterfranken lebender niederländischer bildender Künstler.“

Wer mehr über ihn erfahren will, kann dies auf der Internetseite der Stadt Stuttgart tun: „Herman de Vries ist Objektkünstler, Schriftsteller und Maler. Er gilt als einer der bedeutendsten Land-Art-Künstler der Gegenwart. Im Mittelpunkt seiner künstlerischen Arbeit steht Kunst, die die Unterschiede zwischen Natur und Mensch zu überbrücken versucht. In Stuttgart ist er mit einem Kunstwerk vertreten.“

„Ein weiteres Kapitel der Rubrik ,Ist das Kunst oder kann das weg?‘“

Genauer gesagt, er war es. Denn im Februar verfiel das städtische Garten- und Friedhofsamt auf den Gedanken, das von de Vries anlässlich der Internationalen Gartenbau-Ausstellung 1993 geschaffene Naturkunstwerk abzuholzen. Wo Bäume und Büsche seit 25 Jahren auf einer eingezäunten kreisrunden Fläche ungehindert wachsen konnten und einen Kontrapunkt zu der unwirtlichen Umgebung bildeten, blickt man jetzt auf nackte Erde und auf ein orangefarbenes Zelt, das Unbekannte dort aufgestellt haben – wohl als Zeichen des Protestes.

Die Empörung über das Kleinhäckseln des künstlerisch wertvollen Mini-Bannwalds ist seit der ersten Veröffentlichung in unserer Zeitung Ende März stetig gestiegen. Vor einigen Tagen schmückten Demonstranten den Zaun mit Trauerflor. Die Fraktionsgemeinschaft von SÖS/Linke-plus forderte die Verwaltung derweil per Antrag auf, Ausgleichsmaßnahmen zu schaffen. Am Donnerstag äußerte sich auch die Direktorin der Staatsgalerie, Christiane Lange: „Das ist leider ein weiteres Kapitel der Rubrik ,Ist das Kunst, oder kann das weg?‘. Es zeigt überdeutlich, wie viel mehr wir alle über Kunst im öffentlichen Raum diskutieren müssen, damit sie ins Bewusstsein der Menschen kommt.“

Rüffel für das zuständige Amt

Der Künstler selbst spricht von einem „Armutszeugnis“: „Mein Konzept ist damit zerstört“, sagte er unserer Zeitung. Sanctuarium bedeute Heiligtum. Die Vegetation innerhalb des eingehegten Raums hätte dem menschlichen Zugriff entzogen sein sollen: Der 86-Jährige lässt offen, ob er die Stadt verklagt.

Im Garten- und Friedhofsamt verstand man die Aufregung zunächst nicht. Im SWR verwies Amtsleiter Volker Schirner auf ein „Pflegekonzept“, wonach ein Rückschnitt alle fünf bis sieben Jahre erfolgen solle. In diesem Fall sei dieser gärtnerisch „sehr gründlich ausgeführt“ worden. Die Natur werde sich den Platz schnell zurückerobern.

Diese Erklärung lässt der Künstler nicht gelten. Ebenso wenig Oberbürgermeister Fritz Kuhn. Ihm ist nicht verborgen geblieben, dass das Thema inzwischen bundesweit Schlagzeilen macht – zuletzt berichtete der ZDF-„Länderspiegel“ in seiner Rubrik „Hammer der Woche“ über den Schildbürgerstreich. Das Stadtoberhaupt entschuldigte sich jetzt ausdrücklich für die Aktion: „Es war in keiner Weise unsere Absicht, das Kunstwerk von Herman de Vries zu zerstören. Im Namen der Stadt kann ich mich deshalb nur dafür entschuldigen“, sagte er unserer Zeitung. „Was hier passiert ist, wird weder dem Kunstwerk noch unseren Absichten, die grüne Infrastruktur in Stuttgart zu stärken, gerecht. Aus den Zeilen des OB spricht Unmut: „Ich habe mit dem zuständigen Amt klar und deutlich gesprochen, dass so ein Kahlschlag in Zukunft nicht wieder vorkommen soll.“

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