Oberbürgermeister Simon Blümcke gibt sich meist zuversichtlich. Doch die Stadt ist verunsichert. Foto: Anja Koehler

Friedrichshafen und ihre Zeppelin-Industrie war immer eine Verbindung auf Gedeih. Nun steckt der Zulieferer ZF in seiner größten Krise. Steht das Stiftungsmodell vor dem Ende?

Das Dienstzimmer des Friedrichshafener Oberbürgermeisters sieht anders aus als früher. Der Schreibtisch steht im Hellen, vor dem riesigen Fenster über dem Adenauerplatz mit dem Buchhornbrunnen, wo sich aus einem stilisierten Füllhorn, ganz unironisch, goldene Zahnräder ergießen. Die Büromöbel sind längst nicht alles, was der parteilose Simon Blümcke, 51, verrückt hat, seit er Ende 2024 ins Amt trat, gewählt nach dem vorzeitigen Abgang seines Vorgängers Andreas Brand. Dessen Abschied wirkte wie eine Flucht vor massiven Finanzproblemen, die sich immer weiter auftürmten. Seither sieht sich Blümcke genötigt, mit überaus freundlichem Lächeln die halbe Stadt zu beunruhigen.

 

Keine Zeit für Untergangsszenarien

Der neueste zu bewältigende Schlag ist das weiter gewachsene Defizit der ZF AG, vermeldet bei der Bilanz-Pressekonferenz am 19. März. Mit einem Rekordverlust von 2,1 Milliarden Euro ging der Autozulieferer aus dem Geschäftsjahr 2025, die Schulden des Unternehmens betragen weiterhin mehr als zehn Milliarden Euro. Der Vorstandschef Mathias Miedreich bemühte vor Journalisten die Metapher der Bergexpedition, ließ das KI-Foto einer behelmten Kraxelgruppe vor Bergpanorama an die Wand beamen, sagte, sein Unternehmen befinde sich jetzt „im Basislager“, der Gipfel aber sei noch weit. Bekanntlich ist der finale Anstieg etwa zum Mount Everest von Leichen gesäumt, aber das ließ der CEO vorsichtshalber unerwähnt.

Auch der aus Tübingen stammende Blümcke, qua Amt Eigentümervertreter der Zeppelin-Stiftung im ZF-Aufsichtsrat und damit gleichzusetzen mit dem Dienstherrn Miedreichs, setzt konsequent auf motivierende Einlassungen, zumindest vor Publikum. Friedrichshafen sei „eine wunderbare Stadt“, schwärmt er. „Wer anpackt, gehört dazu, egal, ob er erst seit einem Jahr da ist, ob er einen kurdischen Nachnamen hat oder einen ur-alemannischen.“ Zwischenfrage: Droht die gute alte Zahnradfabrik, sollte sie pleitegehen, die Stadt mit in die Tiefe zu ziehen? Der Rathauschef zuckt keine Millisekunde: „Ich verschwende an Untergangsszenarien keine Energie. Ich lege alle Energie voll und ganz in den Weg der Restrukturierung.“

Rauch in der Teppichetage der Konzernzentrale

Dass Blümcke, der mal Bürgermeister der Bodenseegemeinde Hagnau und zuletzt Erster Bürgermeister der Stadt Ravensburg war, den Unterschied zwischen Optimismus und Blauäugigkeit kennt, daran herrscht wenig Zweifel. Nach seiner Wahl, berichtet er, habe er die Situation der Stadt lange beobachtet. Dann setzte er beim Gemeinderat den Umbau des Stiftungsrats der Zeppelin-Stiftung durch und trommelte weitere externe ständige Berater zusammen. Zu ihnen gehören jetzt der Wirtschaftsanwalt und frühere Aufsichtsratschef des Autozulieferers Musashi Europe, Andreas Dietzel, dazu Klaus Eberhardt, ehemaliger Vorstandschef von Rheinmetall. Dann sind da noch der Wirtschaftsprüfer Johannes Fritz, ehemaliger Leiter des Familiy Office der Familien Susanne Klatten und Stefan Quandt, der Ingenieur Martin Koehler, ehemaliger Lufthansa-Aufsichtsrat, sowie der freie Automotive-Unternehmensberater und einstige ZF-Personalvorstand Jürgen Holeska.

Bald darauf rauchte es auf der Teppichetage der ZF-Konzernzentrale.

Erst wurde im März vergangenen Jahres der Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich Hiesinger durch den Ex-Hella-Chef Rolf Breidenbach ersetzt. Sechs Monate später, es lief in München gerade die Automesse IAA, wurde CEO Holger Klein abgesetzt, und mit ihm der Nutzfahrzeugchef Peter Laier. Mathias Miedreich, bis dahin Unternehmensvorstand, folgte auf Klein, der sich unter anderem mit dem Betriebsrat heillos überworfen hatte.

Neue Zahlen machen Friedrichshafens OB optimistisch

Man schone den Neuen jetzt erst einmal, sagen Insider aus dem Belegschaftsgremium, denn der konziliante Miedreich personifiziere womöglich die letzte Chance auf die wirtschaftliche Wende des Konzerns, bevor die Kreditbanken das Ruder im Management übernähmen und den Laden womöglich filetierten. OB Blümcke bemerkt kühl, er sehe diese Gefahr nicht, die neuesten Zahlen, die er kenne, machten Hoffnung. Seine klare Forderung: Bis spätestens 2030 erwarteten die Eigentümer wieder „stabile Dividenden“.

Der Gemeinderat hat in diesem Jahr auf die Ausschüttung einer ZF-Dividende komplett verzichtet, um den Konzern nicht noch weiter zu schwächen. Ein heikler Schritt, denn in diesem symbiotischen System am Bodensee bringt sich die 63 000-Einwohner-Stadt damit selbst in Schwierigkeiten. Dazu muss man wissen, dass die Industriedividenden praktisch den gesamten Sport-, Sozial- und Bildungshaushalt abdecken – nötig ist eine Summe von durchschnittlich rund 84 Millionen Euro pro Jahr. Erhebliche Beträge steuert neben ZF noch das zweite Stiftungsunternehmen bei, der Baumaschinen- und Industrie-Anlagenspezialist Zeppelin GmbH. Rund 30 Millionen hat sich die Stadt aktuell dort herausgezogen. Eine hübsche Summe, und doch bleibt ein gewaltiges Loch.

Seit einem Jahr laufen am Kultur- und Kongresshaus Sanierungsarbeiten

Das über die Jahrzehnte freudig angeschaffte, in Beton gegossene Stadtstiftungsmobiliar ist gewaltig. Allein elf Kitas und Kindergärten gehören dazu, Museen, Altentreffs, Jugendtreffs, Volkshochschule, Musikschule, Zentralbibliothek, Stadtteilbüchereien, gleich zwei Strandbäder, das Graf-Zeppelin-Haus. Nebenher wurde bisher aus Stiftungsmitteln die millionenschwere „Grundfinanzierung“ der privaten Zeppelin-Universität gestemmt. Am „GZH“, wie die Häfler sagen, zeigt sich jetzt beispielhaft, wie inzwischen auf Verschleiß gefahren wird. Seit einem Jahr laufen am Kultur- und Kongresshaus Sanierungsarbeiten, 33 Millionen Euro waren veranschlagt. Jetzt hat der Gemeinderat die letzten Bauabschnitte notgedrungen gestoppt. Genauso wie schon zuvor etwa die geplante Dachertüchtigung einer Gemeinschaftsschule.

Dazu tut das Rathaus, was in der Politik gern unter dem Begriff Sparen verkauft wird: Beiträge für Kitas hochziehen, die Gebühren fürs oberirdische Parken, Musikstunden, Sprachkurse, die Eintritte für Bäder und die Leihgebühren für Bücher. Die größte lokalpolitische Grausamkeit aber beging Blümcke am städtischen Klinikum, das zuletzt stabil bis zu 25 Millionen Euro Jahresverlust erwirtschaftete und dessen Trägerschaft er vergangenen Sommer dem Bodenseekreis ans Herz drückte – zum nicht geringen Entsetzen des CDU-Landrats Luca Prayon. Friedrichshafen könne die Fehlmillionen, finanziert aus Dividenden, nicht mehr stemmen, so Blümckes Begründung. Der Kreis kann’s auch nicht. Die Klinik wurde umgehend in ein Insolvenzverfahren gesteuert, seither gucken Kaufinteressenten in die Bücher. Neben dem Zuschlag für einen der bekannten Gesundheitskonzerne kommt wohl auch eine Fusion mit der Ravensburger Oberschwabenklinik in Betracht. Diesen Mai, heißt es gerüchteweise, könnte eine Entscheidung fallen.

Blümcke weist apokalyptische Gedanken von sich

Die Friedrichshafener Soziallandschaft gerettet, indem ihre wichtigste Einrichtung den Ökonomieinteressen des freien Bietermarktes ausgesetzt wird – das wäre eine bittere Pointe zulasten der Bürgerschaft. Aber womöglich ist es damit immer noch nicht getan. Obwohl er apokalyptische Gedanken von sich weist, räumt Blümcke ein, dass im Rathaus sehr wohl eine weitere Verschlechterung der Situation durchgespielt wird. „Wir haben gerade ein sehr düsteres Szenario aufgemacht. Nämlich, dass wir für das Jahr 2028 rund 40 Millionen Euro aus dem städtischen Haushalt in die Stiftung überweisen müssen.“ Das städtische Füllhorn könnte umgedreht werden – so etwas war bisher undenkbar.

Fragt sich, mit welcher Berechtigung die Stadt, wenn es so käme, noch einen Flughafen, womöglich eines Tages die örtliche Messe aus Steuermitteln alimentieren könnte. Die Messe, wo die Stadt Mehrheitsgesellschafterin ist, wirtschaftet noch autark, allerdings steht ihr Zugpferd „Eurobike“ vor dem Aus. Im Rahmen eines Joint-Ventures war die Eurobike 2022 an den Messeplatz Frankfurt gezogen, vergangenen November aber kündigten der Fahrrad-Industrieverband ZIV und der Verband Zukunft Fahrrad ihre Zusammenarbeit auf. Ob und welche Zukunft die einstige Leitmesse damit noch hat, ist ungewiss. Und der Flughafen, an dem Stadt und Bodenseekreis je 40 Prozent Anteile halten: verlassen von der Lufthansa, abgehängt von internationalen Drehkreuzen, immer neue Ausgleichsmillionen benötigend. Im Mai vergangenen Jahres wurde ein neuer Airport-Geschäftsführer eingesetzt, kommende Zuschüsse knüpften die kommunalen Zuschussgeber an eine deutliche Steigerung der Passagierzahlen. Nach wenigen Monaten warf der neue Chef wieder hin. Der Nächste wird gesucht – magische Fähigkeiten kein Hinderungsgrund.

Blümckes Starterbonus ist noch nicht verbraucht

Steht Blümcke denn noch hinter dem Flughafen? Mit unbewegter Stimme sagt er: „Wenn abgehoben wird und wenn es eine Anbindung an ein internationales Drehkreuz gibt, dann ja. Das ist die Grundbedingung. Einen leeren Flughafen brauchen wir nicht.“

Simon Blümcke, der Leistungskürzer, muss nun tun, was Amtsvorgänger scheuten, muss hingucken, wo andere vor ihm wegsahen, zieht Murren und Proteste auf sich, hat kaum Zeit, sich um das Feinstoffliche der Kommunalarbeit, die Gespräche mit Bürgerinnen, ums Zwischenmenschliche und Atmosphärische, man kann auch sagen: ums Wesentliche seiner Aufgabe zu kümmern. 400 Seiten Dokumente vor Aufsichtsratssitzungen durcharbeiten, das sei keine Seltenheit.

Immer wieder gerät er ins Appellative. „Ich möchte glaubhaft sagen: So eine Krise kann wirklich, auch wenn das total abgedroschen klingt, eine Chance sein, seine Abläufe, Planungen und Standards zu hinterfragen.“ Friedrichshafen werde, was die finanziellen Spielräume angehe, „jetzt eine ganz normale Stadt“. Die örtlichen Verehrer und Erbbewahrer des alten Grafen Zeppelin, die Traditionalisten und Markenhüter des Ortes, an dem das Luftschiff erfunden wurde, dürften so was mit Grausen hören. Aber nach allem, was sich wahrnehmen lässt, ist Blümckes Starterbonus nicht verbraucht.