Matthias Zellmer ist Genesungsbegleiter in der Psychiatrie am Schloss in Winnenden. Foto:  

Am Zentrum für Psychiatrie Winnenden wird Erfahrungswissen Teil der Behandlung: Genesungsbegleiter bringen ihre Perspektive in Therapie und Entscheidungen ein.

Unsicherheit, Fremdsein, Angst – wer neu auf eine psychiatrische Station kommt, weiß oft nicht, was ihn erwartet. Manche Patienten werden von der Polizei gebracht, andere gegen ihren Willen eingewiesen. Türen schließen sich, Abläufe sind fremd, Mitpatienten wirken unruhig. „Es kommen Menschen zu uns, die haben erst einmal Angst, die wissen nicht, was passiert“, sagt Matthias Zellmer. Er kennt diese ersten Stunden aus eigener Erfahrung. Zellmer war selbst psychisch erkrankt, hat Angstzustände und depressive Phasen erlebt und mehrere Therapien durchlaufen. Heute arbeitet der 55-Jährige als Genesungsbegleiter am Zentrum für Psychiatrie (ZfP) in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) und begleitet andere durch Krisen.

 

Wenn er sich neuen Patienten vorstellt und offen sagt, dass er selbst einmal psychisch erkrankt war, verändere das etwas. „Es ändert sich in der Regel etwas im Blick“, sagt Zellmer. Und manchmal sage er ganz schlicht: „Ich war selbst mal Patient in der Psychiatrie – und ich bin jetzt wieder gesund.“ Manche empfänden es als entlastend, mit jemandem zu sprechen, der eine psychische Krise nicht nur aus der Akte kennt, sondern aus eigener Erfahrung. „Hoffnung lässt sich nicht verordnen“, sagt Zellmer – sie entstehe im Kontakt.

Experten aus Erfahrung: Genesungsbegleiter am ZfP Winnenden

Der gelernte IT-Fachmann ist einer von derzeit elf besonders qualifizierten Genesungsbegleitenden am ZfP Winnenden. Die Berufsgruppe wird auch als „Experten aus Erfahrung“ bezeichnet: Menschen, die eigene Krisen- und Therapieerfahrungen professionell in die psychiatrische Versorgung einbringen. Sie führen Einzelgespräche, bieten Gruppen an und unterstützen Patienten im Klinikalltag. Die Anforderungen sind klar definiert: Eine eigene Krisenerfahrung und dass man selbst eine stabile Phase erreicht habe, sagt er. In der Regel gehe es dabei um eineinhalb bis zwei Jahre Stabilität. Nur wer die eigene Krise ausreichend reflektiert und verarbeitet habe, könne andere professionell begleiten. Die Frage nach der eigenen Abgrenzung werde ihm häufig gestellt, sagt Zellmer. „Ich fühle mit, aber ich leide nicht mit.“ Professionelle Distanz sei Teil seiner Arbeit. „Am Zebrastreifen lasse ich die Arbeit hinter mir.“

„Ich persönlich gehe viel mit den Patienten spazieren, begleite sie in die Stadt, wir reden miteinander, ich höre viel zu.“ Seine Arbeit endet nicht mit dem Gespräch. In Visiten bringt er eine Perspektive ein, die sich von der medizinischen unterscheidet. Er fragt nach Alltagszielen, nach dem, was einem Menschen außerhalb der Klinik wichtig ist. Was hilft im Kontakt mit der Familie? Welche Schritte sind realistisch? Welche Ressourcen sind noch da?

Erfahrung als Schlüssel: Spannungen frühzeitig entschärfen

Gerade in eskalierenden Situationen könne die eigene Erfahrung helfen, Spannungen zu entschärfen. Wer selbst Krisen erlebt habe, erkenne früh, wenn sich eine Lage zuspitzt – in Sprache, Körpersprache, Dynamik. Manchmal reiche es, ruhig zu bleiben und dem Gegenüber zu vermitteln: Ich kenne dieses Gefühl. Nicht jede Krise lasse sich verhindern. Aber manche Zuspitzung lasse sich abbremsen.

Die Einführung dieser Rolle verlief nicht reibungslos. „Es war am Anfang echt nicht einfach“, sagt Zellmer. In einer traditionell hierarchisch geprägten Klinikstruktur musste die neue Aufgabe erst definiert werden. Wer spricht wann in der Visite?

Die Einführung der Genesungsbegleitung wurde auf Leitungsebene angestoßen. Pflegedirektor Klaus Kaiser hat die strukturelle Verankerung maßgeblich vorangetrieben. Zu Beginn habe es Klärungsbedarf und Vorbehalte gegeben, sagt er. Inzwischen sei daraus eine wachsende Nachfrage aus den Abteilungen geworden.

„Innensicht verändert Psychiatrie: Neue Perspektiven im Gespräch“

„Wir müssen nicht mehr über den Patienten sprechen, sondern wir haben jemanden dabei, der die Innensicht mitbringt“, sagt Klaus Kaiser. Das verändere die Gesprächssituation und die Entscheidungsprozesse. Lange habe in der Psychiatrie das Prinzip gegolten: Wir wissen, was gut für dich ist. Dieses Fachwissen sei wichtig – aber allein greife es zu kurz.

Er beschreibt die Entwicklung mit einem Bild: Man spiele nun gewissermaßen ein anderes Schach. Neue Figuren seien hinzugekommen. Die Regeln blieben, aber das Spiel verändere sich.

Im Zentrum der Arbeit steht der Recovery-Ansatz. Er stellt nicht allein Symptome in den Mittelpunkt, sondern die Frage, wie Menschen mit psychischen Erkrankungen ein selbstbestimmtes Leben führen können. Ressourcen sichtbar zu machen, sei zentral – Fähigkeiten, Beziehungen, Perspektiven jenseits der Diagnose.

Recovery bedeute nicht zwingend vollständige Heilung. Es gehe darum, mit der eigenen Geschichte zu leben und schrittweise Stabilität zu entwickeln. Dass jemand mit eigener Krisenerfahrung heute Verantwortung im System übernimmt, sei selbst Ausdruck dieses Gedankens.

Winnenden als Vorreiter: Genesungsbegleitung ist strukturell gebündelt

Seit 2025 ist diese Arbeit am ZfP Winnenden strukturell gebündelt. Eine eigene Stabsstelle „Koordination Genesungsbegleitung“ organisiert Vernetzung, fachliche Weiterentwicklung und strategische Planung der Peer-Arbeit. Zellmer übernimmt diese Koordination selbst. Nach Angaben des Hauses gehört Winnenden zu den ersten Einrichtungen bundesweit, in denen sich diese Berufsgruppe aus sich selbst heraus organisiert. Vergleichszahlen liegen nicht vor.

Alle elf am ZfP beschäftigten Genesungsbegleitenden sind nach dem EX-IN-Standard zertifiziert. Die Qualifizierung („Experienced Involvement“) wird von zertifizierten Trägern angeboten, in Baden-Württemberg unter anderem vom Verein Offene Herberge in Stuttgart. In der Ausbildung wird die eigene Krankheits- und Genesungsgeschichte intensiv reflektiert und in professionelle Sprache übersetzt. Leitmotiv ist das „Vom Ich zum Wir“-Wissen: Aus persönlicher Erfahrung wird professionell nutzbares Wissen.

Langfristig strebt das Haus 20 bis 25 Stellen an. Ziel sei es, perspektivisch in jeder Abteilung zwei Genesungsbegleitende einzusetzen, sagt Pflegedirektor Klaus Kaiser.

Für Matthias Zellmer ist das mehr als eine organisatorische Neuerung. Er spricht von weiterer Professionalisierung. Genesungsbegleitung solle als eigenständige Berufsgruppe anerkannt und strukturell abgesichert werden – mit klarer Rolle und verbindlichen Standards.

Zellmer ist sich seiner Aufgabe bewusst. Er sei weder Arzt noch Therapeut. „Ich stelle keine Diagnosen und gebe keine medizinischen Ratschläge“, sagt er.

Er versteht sich als Begleiter und Unterstützer – nicht als Ersatz für medizinische Behandlung, sondern als Ergänzung. Seine Aufgabe sei es, Perspektiven zu eröffnen und Mut zu machen. „Kein Mensch ist nur krank – jeder hat auch seine Stärken.“