Wegen Vorlesens aus einem Kinderbuch hat der Lehrer Toby Price in Mississippi seinen Job verloren. Für viele Kollegen wird er aber zur ermutigenden Symbolfigur.
Es war der berühmte Blitz aus heiterem Himmel: Anfang März wurde Toby Price, stellvertretender Schulleiter einer Grundschule im US-Südstaat Mississippi, Knall auf Fall entlassen – weil er seinen Schülern aus dem sehr lustigen Kinderbuch „I need a new Butt“ (also: „Ich brauch’ ein neues Hinterteil“) vorgelesen hatte. Price und seine Familie standen auch vor einer ökonomischen Katastrophe, unter anderem eine Hypothek musste weiter bedient werden, und so taten sie, was heutzutage viele tun, die in Bedrängnis geraten. Sie richteten eine Gofundme-Page ein, hofften also, viele, auch Wildfremde, würden ein wenig Geld in den virtuellen Hut werfen. Das formulierte Spendenziel schien utopisch, denn alle kommenden Risiken, auch Anwaltskosten, sollten abgesichert werden: 125 000 Dollar. Mittlerweile aber ist dieser Topf über den Rand gefüllt – und die Menschen spenden weiter.
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Toby Price ist für viele, die von seinem Fall erfahren, vor allem aber für seine Kollegen in den USA zum Symbol geworden für das was schief läuft in einem Land, in dem links und rechts Verbissenheit, Engstirnigkeit, Zensurwut und Kreuzzugseifer den gesunden Menschenverstand attackieren. Im Twitter-Feed von Toby Price melden sich viele Lehrerinnen und Lehrer zu Wort, die von eigenen Einschüchterungs- und Verweiserfahrungen berichten. Aufgebrachte Eltern und eifernde Provinzpolitiker mischen sich immer heftiger in Lehrpläne und Unterrichtsgestaltung ein. Während die Linken und Identitären vor allem die Universitäten im Visier haben, wo sie irrwitzige Wokeness-Regeln durchzusetzen versuchen, nehmen sich die Rechtsausleger der Republikaner vor allem der Grundschulen an. Überall wittern sie rote Zersetzung und Werte unterhöhlende Sexualisierung.
Ab aufs Bidet und sauber werden
Doch der Fall von Toby Price zeigt den Widerstand der Zivilgesellschaft gegen Fanatismus in den eigenen Reihen. Wie bereits berichtet, haben sofort Autoren, Verlage und private Exemplare des Kinderbuchs „I need a new butt“ zur Gratisverteilung an Kinder in Mississippi gespendet. Toby Price hat auch Zugang zu Netzwerken weit außerhalb seiner kleinen Fernunterrichtszirkel in Corona-Zeiten gefunden. Ein sowieso schon durch pfiffige Werbung aufgefallener Bidet-Hersteller hat nun auch Toby Price als Propagandisten entdeckt. Price setzt im Dialog mit sich selbst in dem Spot erst einmal aus „bu“ und „tt“ immer wieder das Wort „butt“ zusammen und erklärt dann allen vielleicht allzu Prüden, das sei kein schmutziges Wort, bloß ein Körperteil: den allerdings solle man sauber halten.
Vor allem aber dürfte die Aufmerksamkeit für den Fall dem neuesten Projekt von Price helfen: Dieser Tage hat er selbst ein Kinderbuch veröffentlicht, „The almost true Adventures of Tytus the Monkey“, von ihm geschrieben und illustriert. In die Geschichte um einen chaotischen kleinen Affen, der für viele alltägliche Widrigkeiten wie unauffindbare Autoschlüssel etc. verantwortlich ist, sind Price’ Erfahrungen als Vater autistischer Kinder eingeflossen. In gewissen Kreisen wird es quasi von selbst auf der Zensurliste landen, in anderen könnte es mit ein wenig Glück ein Symbol der Vernunft werden. Jemand, dem böse über den Mund gefahren wurde, speist einfach weiter ein, was er zu sagen hat.